12.10.2009 | Dossier Ernährung

Dossier Ernährung (© Rainer Sturm-Pixelio)

Mehr als eine Frage des Geschmacks

Kaum ein anderes Thema konfrontiert uns mit mehr Widersprüchen. Nahrung ist lebensnotwendige Energie und Kapital, aber auch Kunstobjekt, Symbol des Status und der Begierde.

Foto: © Rainer Sturm / PIXELIO

Von Thomas Schmeckpeper, Köln

30 Tonnen Nahrungsmittel nimmt der durchschnittshungrige Bewohner eines wohlhabenden Landes in seinem Leben zu sich. Und die setzen an: In Deutschland sind rund 70 Prozent aller Männer und 50 Prozent aller Frauen übergewichtig.
Um den Hunger westlicher Länder zu stillen, werden für Holzexporte und Viehzucht pro Minute rund 35 Fußballfelder Regenwald abgeholzt. Gleichzeitig sterben täglich bis zu 13.000 Kinder an den Folgen von Unterernährung. Wir aber lehnen uns zurück und konsumieren an die zwei Dutzend Fernsehshows zum Thema Kochen und Ernährung wöchentlich.

Kaum ein anderes Thema konfrontiert uns mit mehr Widersprüchen. Nahrung ist lebensnotwendige Energie und Kapital, aber auch Kunstobjekt, Symbol des Status und der Begierde. Ernährung findet nicht nur in der Küche, sondern auch im Kopf, im Geldbeutel so wie dem internationalen Finanzparkett statt. Divisionen von Kochbüchern stürmen unsere Buchhandlungen, Köche werden zu TV-Stars und bei allem erschleicht einen der Gedanke: Haben wir das Millenniumsziel „Hungerbekämpfung“ missverstanden? Dieses von der UNO im Jahre 2000 festgelegte Ziel wollte die Zahl der Hungernden – damals rund 700 Millionen – bis zum Jahr 2015 halbieren. Neun Jahre später bewegen wir uns jedoch mit geschätzten eine Milliarde hungernden Menschen auf die Verdopplung der Zahl und eine erschreckende Millenniumskatastrophe zu.

Doch neben aller Politik und Moral offenbart uns die Ernährung auch einen Mehrwert, der über finanzielle Gewinne, körperliche Befriedigung und künstlerische Experimentierfreudigkeit hinausgeht. Sie bindet Menschen, erwärmt Beziehungen und schafft Gesellschaft. In einem Spagat zwischen Kultur und Natur, Trends und Tradition, Erfahrung und Wissen, Genuss und Perversion widmet sich Cultura21 im folgenden Dossier dieser, unserer Ernährung – wohlwissend, dass die Vielfalt aller Geschmacksrichtungen in unserer kleinen redaktionellen Kombüse nur beschränkt Platz finden können.

Das Dossier

Klassischerweise lässt Cultura21 zunächst die Erfahrung für sich sprechen. Unter der Rubrik „Geschmackswelten“ soll es um den – wie könnte es auch anders sein – persönlichen, erlebten oder auch ersehnten Geschmack gehen.

Wie Leidenschaft schmeckt“ ist eine wahre Geschichte aus dem Leben der Lehrerin und Dichterin Maria Teresa Ciammaruconi. Sie erinnert sich an ein unvergessliches Abendessen, bei dem sie die wichtigsten Menschen in ihrem Leben an einen Esstisch brachte: Schwester, Freundin, zwei ehemalige Liebhaber und ihren neuen Freund. Die alten Liebhaber wollte Maria Teresa mit einem kulinarischen Mahnmal verabschieden, um den besten Nachtisch ihres Lebens der neuen wahren Liebe zu widmen. Doch so weit durfte es nicht kommen.

Weniger Eifersucht, doch genauso viel Leidenschaft findet sich in Günter Wallraffs Bericht über seine verdeckten Ermittlungen in einer Brotfabrik. In „Wie Ausbeutung schmeckt“ gibt er dem hungrigen Leser ebenso Einblicke in seinen persönlichen Ernährungsalltag und berichtet von Tipps aus dem brasilianischen Dschungel und Manneskraft durch Broccolisaft.

Wie Kritik schmeckt“ weiß auch der Restaurantkritiker Joachim Römer. Die „feine Zunge von Köln“ nimmt uns mit auf einen Streifzug durch seinen für manche beneidenswerten, für andere gefürchteten Beruf und erklärt, warum er manchmal die „Nase voll hat“.
Hartz IV und Bio, beides boomt. Aber schmeckt auch beides? „Wie Hartz IV schmeckt“ gewährt uns den Einblick in den Ernährungsalltag einer Betroffenen.
Wie Bio boomt“ offenbart uns den Weg eines Menschen von der traditionellen Landwirtschaft einer nahrungsautarchen Familie in Italien über den modernen Lebensstil der deutschen Stadt bis zum Job an der Kasse eines Bio-Supermarktes in Köln.

Ghana und Indien sollen bei unserem Blick über den Tellerrand im Mittelpunkt stehen. Um zu wissen „Wie Ghana schmeckt“, muss nicht immer ein örtliches Restaurant besucht werden – ein Bericht über Busfahrten und Bekanntschaften, und warum manchmal erst jemand sterben muss, damit die anderen satt werden.
Wie Indien schmeckt“, das weiß Tante Madhuram. Und das wiederum weiß ihre in Deutschland lebende Nichte, die Journalistin Navina Sundaram. Ihre Erinnerungen öffnen uns die Tür zum kulinarischen Kosmos Indiens.

Gibt es „Das Recht auf Essen“? Ja, meint Gertrud Falk von der Menschrechtsorganisation FIAN. Und wer, wenn nicht der Verstand, lässt uns dieses Recht erkennen?
„Esse“ ist mehr als nur Sein! Thomas Speer, Professor an der Universität zu Köln, führt uns ein in „Die Philosophie des Essens“.
Geld regiert die Welt – und das Essen. Das weiß Gerd von Paszensky uns zu berichten. „Die Pathologie des Essens“ zeigt, wie die Cholesterinbekämpfung von der Pharmaindustrie propagiert, von der Medizin gefördert und von allen anderen in Demut umgesetzt wird. Zu Unrecht, meint von Paszensky.
Und was wäre das Essen ohne die Küche? Der Architekt und Künstler Helmut Theodor beschreibt uns „Die Architektur der Essens“ und ihren Wandel.

Dass die Küche auch Ort für Streit sein kann, zeigt „Der Kampf am Esstisch“. Er offenbart, warum nicht jede Mangelernährung auf einen Mangel an Nahrung zurückzuführen ist. Was passiert, wenn Kinder das Essen verweigern…

Wagen wir einen Über- und Ausblick in unserer Rubrik „Perspektive“! Über den kulturellen Aspekt des Essens und warum sich der Mensch schlau gegessen haben könnte, berichtet die Kunstvermittlerin und Kulturmanagerin Julia Brielmann in „Die kulinarische Unkultur“.
Ein weitläufiger und mittlerweile fest etablierter Trend in der Nahrungsmittelindustrie ist die Chemikalisierung des Essens. Wie „Die Manipulation des Kulinarischen“ fortschreitet und mit welchen Konsequenzen, sagt uns Markus Krawinkel, Professor für Ernährungswissenschaften an der Universität Gießen.

Einst ließ Sten Nadolny in seinem Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“ den Seefahrer John Franklin die alltäglichen Vorzüge eben jener Langsamkeit entdecken. Die Mitglieder von Slow Food tun es ihm nach. Markus Wagner spricht von den Vorzügen regionaler Produkte, Sortenvielfalt und Artenschutz, und ruft auf zur „Verlangsamung des Kulinarischen“.
Ebenfalls Bekanntes auf neue Art entdecken konnten im vergangenen Jahr die Besucher der Kunstausstellung „Subkulinaria“. Mit der Unterstützung von Cultura21 boten uns deutsche und ausländische Künstler in ihren Werken und Installationen dar, warum Essen sehr wohl etwas in der Kunst zu suchen hat. „Die Überbrückung des Kulinarischen“ von Robert Piterek.

Wer auf den Geschmack gekommen ist, bekommt „Nachschlag“.
Nein, es soll nicht unerwähnt bleiben, dass das Experimentieren mit biochemischen und physikalischen Wechselwirkungen auch Sinneserlebnisse der ganz neuen Art produzieren kann. Wie man sich mit Hilfe der Molekular-Gastronomie eine „Schöne Neue Kochwelt“ bastelt, erzählt uns Rana Öztürk.
Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach? Nicht, wenn der Geist das Fleisch will. Aus ihrem „Tagebuch einer Fleischfresserin“ liest Maraike Wenzel.
Was dem einen Ekel und Tabu ist, bleibt dem anderen ein Heiligtum. „Wie Mensch schmeckt“ gehört dem Titel nach zu den Erfahrungsberichten. Der Autor jedoch entbehrt dieser Erfahrung – ein Blick auf das fast alltägliche Phänomen des Kannibalismus.
Von schmackhaften Erfahrungen und solchen, die es weniger waren, berichtet auch Hans Hübner. Seine „kulinarische Lebensgeschichte“ verbindet Gegessenes und Erlebtes.
Schließlich zeigt der Kölner Kabarettist und Schauspieler Heinrich Pachls in „Mio-Möhrchen!“, dass Kapitalismuskritik auch süß und gesund sein kann.

Wohl bekomm’s!

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