09.11.2008 | Ernährung und Kabarett

Schauspieler und Kabarettist Heinrich Pachl

Mio-Möhrchen

Kaum etwas schafft es, den Bogen von der Ernährungsdebatte hin zur Kaptialismuskritik zu schlagen. Eine Karotte der besonderen Form schon.

Foto: © Heinrich Pachl

Von Heinrich Pachl, Köln

Durch Europa geht die Kunde: Trennkost ist in aller Munde! Nicht nur Sachse, Schwabe, Friese – auch der Bayer isst Gemüse.
Gemüse ist Grundnahrung seit Jäger und Sammler sich an einen Tisch gesetzt hatten, aber heute ist weiß Gott nicht überall Gemüse drin, was als Gemüse in den Handel kommt und zwischen die Kiemen des Endverbrauchers gerät.

Der Trend der Öko-Supermärkte hat auch die Billig-Geschäfte infiltriert, und schon beim Preiswert- Aldi, Plus und LIDL wird die Kundschaft bei der Kost aufgetrennt in Otto-Normalverbraucher und Es-darf-mich-auch-was-kosten-Emma. Katalysatorisch wirksam hierbei ist die Mohrrübe oder Möhre, die sich auch als liebevoll „Möhrchen“ genannte Kose-Karotte in Umlauf befindet. Da trennen wir zwischen den gemeinen Treibhaus-Möhrchen, die den Nährwert in wässriger Frische nur vortäuschen, und den Bio-Möhrchen, die zwar alle Vitamine und Enzyme enthalten, über die dieses Wurzelgemüse verfügen sollte, die allerdings auch nicht billig sind. Und dann neuerdings vor allem die so genannten „Mio-Möhrchen“, die ganz spezielle Wirkstoffe freigeben, aber nicht für jeden in der Gemüseapotheke zugänglich sind.

Ja, da haben wir es dann eben wieder: die Trennkost als Kost einer Ess- und Fressgesellschaft, die zunehmend gespaltenere Konsumwege geht. Und die Mio-Möhre ist, was ihr Name auch verheißen könnte, keineswegs was für Millionen von Minderleistern, sondern, was in ihrem Namen eben auch schon unüberlesbar anklingt, nur was für Millionäre. Nicht umsonst wurde das Mio-Möhrchen vor einiger Zeit durch den damaligen deutschen Bahnboss aufgetischt und bekannt gemacht.

Ein bevorzugter Esser solcher Mio-Möhrchen ist also der Mampf-Mensch vom Typus Mehdorn. Eine Manager-Marke, die zum Stamme „Nimm“ gehört und eine Sonderentwicklung in der Evolutionsgeschichte des homo sapiens darstellt – den homo reibach. Neben seinem Normal-Mund verfügt diese Primaten-Abart über einen separaten Gierschlund und einen zum verdauungsüblichen Magen parallel arbeitenden Profit-Pansen, der die einverleibten Dividenden-Dinners und Money-Menues durch seine speziell entwickelten Bonus-Bakterien per eigener Profitperistaltik nicht auf normal-vulgäre Weise in die kommunale Kloake spült, sondern in exklusive Nummern-Konten verkotet. Also keine stinkende Kacke, sondern eine – pecunia non olet – geruchsfreie Art von Kapital-Kompostierung als Rendite-Recycling.

Auf diesem speziellen Speiseplan wirkt die Mio-Möhre nicht, im Unterschied zur gemeinen Karotte, als frugale Schonkost mit dem bei ihrem Zermalmen entstehenden berüchtigten Krawall-Knirschen, das schon oft bei Totschlag im Affekt als mildernder Umstand herhalten durfte, oder als verkochte Sättigungsbeilage. Das Mio-Möhrchen agiert vielmehr als Erreger eines endlosen Appetits. Es entfaltet seine Wirkung deswegen eben auch nicht durch seine Verspeisung, im Gegenteil. Allein sein geruchsloses Erscheinungsbild erregt beim Mampf-Mehdorn den berüchtigten Pawlowschen Reflex und startet die bereits im Goldrausch knurrende Schnappsucht.
Und dann geht’s ungebremst ab in eine kaum mehr zu stoppende Kettenreaktion und Abfolge von Greifen, Verschlingen und Ausscheiden. Wie das Gaspedal beim bulligen aber dämlichen Boliden der Formel Eins treibt die Mio-Möhre den Manager auf dem Rattenrennen um Renditen in ein manisch-dümmliches Kreisverkehrverhalten. Die Mio-Möhre erzeugt ein Suchtverhalten, das den homo reibach aufgeilt und in einen quasi endlosen Masturbations-Zwang treibt. Da ist die Provision noch nicht von der Palme geschüttelt, schon geht’s ohne Ruhepause schon wieder weiter und von vorne los.

Das Mio-Möhrchen, wer hätte das gedacht? Ernährungsfachleute sprechen bei ihr von einem Kalorien-Kickoff. Den Mio-Möhrchen wurde ein bislang noch weitgehend unentdeckter Nährstoff entlockt, der auf einem Finanz-Ferment basiert. Aber eigentlich erleben wir nichts anderes als eine fatale Fress-Sucht, die durch ihre Folgen ausgerechnet bei denen, die bei dieser Speisekarte nichts zu beißen kriegen, das große Kotzen auslöst.
Mio-Möhrchen – das Gemüse des Jahres. Da haben wir den Salat.

© Cultura21, 9.09.2008

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Der Autor

Heinrich Pachl ist Kabarettist und Schauspieler und lebt in Köln.

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