01.10.2009 | Kunstprojekt

Die Überbrückung des Kulinarischen

Die Überbrückung des Kulinarischen

Wie klingt Reis, wie kochen Häftlinge und wie weit geht die Lebensmittelindustrie bei der Industrialisierung des Obst- und Gemüseanbaus? Einen Blick der ganz anderen Art konnten Besucher der Kölner Subkulinaria-Ausstellung im August 2008 auf unsere Ernährungskultur werfen – in Szene gesetzt von zwölf in- und ausländischen Künstlern im Bauch der Deutzer Brücke.

Foto: © unbekannt

Von Robert Piterek, Düsseldorf

Das von cultura21 organisierte Mammutprojekt hatte eine Vorlaufzeit von anderthalb Jahren. Beteiligt waren mehr als 50 Projektmitarbeiter aus vielen unterschiedlichen Ländern. Nach einem Auf und Ab bei der Fördermittelbeschaffung ging das Projekt mit einem Budget von rund 12.000 Euro und einem abgespeckten Programm an den Start. „Wir wollen erstmals die verborgenen Seiten der Ernährung sichtbar machen“, kündigte Projektkoordinator Davide Brocchi bei der Auftakt-Pressekonferenz an. Ein Anspruch, dem die ungewöhnliche Kunstschau in den unterirdischen Gängen der ältesten Rheinbrücke Kölns mehr als gerecht wurde, wie nicht zuletzt die Zuschauerzahl zeigte, die mit mehr als 2.100 Besuchern alle Erwartungen übertraf.

Was essen wir, welchen Preis zahlen wir?
Mit seiner Super8-Film-Installation „Costa del Plastico“, die von den Obst- und Gemüse­fabriken Südspaniens handelt, veranschaulichte der Kölner Kunstfotograf Claus Dieter Geissler einen bislang wenig bekannten Blickwinkel auf die Ernährungs­indus­trie. Unter Plastik reifen die Pflanzen unabhängig von den üblichen Erntezeiten heran – Effizienz auf Kosten der Natur und der illegalen Arbeitskräfte aus Afrika, die Geissler in zahlreichen Fotografien porträtierte. Auch der österreichische Regisseur Nikolaus Geyrhalter widmete sich mit seinem Dokumentarfilm „Unser täglich Brot“ der Lebensmittelproduktion: Er richtete seinen Blick ebenfalls auf die industriellen Prozesse der Ernährung, stellte Sequenzen von Arbeitern in Schlachtbetrieben, Flugzeugen bei der Schädlingsbekämpfung und Fütterungen in Hühnerfarmen kommentarlos Filmausschnitten von essenden Arbeitern in der Pause gegenüber. Was essen wir und zu welchem Preis, mag sich auch hier der nachdenkliche Besucher gefragt haben.

Wie kochen Häftlinge und wie klingt Reis?
Wie ernähren sich Häftlinge abseits der Gefängnisküche? Nur die wenigsten dürften sich darüber schon einmal Gedanken gemacht haben. Der italienische Fotograf Davide Dutto verbrachte lange Zeit als Fotograf in der Haftanstalt von Santa Caterina in Piemont und stellte auf seinen Schwarz-Weiß-Fotografien dar, wie einfallsreich das gemeinsame Kochen im Gefängnis aussehen kann. Da rollt Bruno die Pasta mit dem Besenstil aus, Ciro backt Pizza in einem selbst gebastelten Ofen aus zwei Pfannen und Alvarado schnibbelt Gemüse mit dem scharfen Deckel einer Konservendose. Bilder über Gourmets hinter Schloss und Riegel, die sich die Leidenschaft für selbst gekochtes Essen nicht verbieten lassen.
Einen neben Geschmack und Geruch vernachlässigten Aspekt unserer Ernäh­rungs­kultur offenbarte die Klangplastik von Komponist Johannes Sistermann: Er zog die Besucher durch den „Gesang“ des Süßgrases Reis in seinen Bann, während er mit mehreren Reiskochern den faden Geruch dieser wichtigen Nutzpflanze im Innern der Brücke verbreitete.

Im Bauch der Brücke
Die Ausstellung hatte noch wesentlich mehr zu bieten als die von der Presse herausgestellten Werke von Dutto, Geissler und Sistermann und zeigte, dass sich beim Thema Ernährung mehr im Verborgenen abspielt als Otto-Normalver­braucher erwartet: Etwa Ekel, Schlankheitswahn, Überfluss und Hunger, die von Malern, Foto- und Videokünstlern auf ganz eigene Weise interpretiert und abgebildet wurden – und das im „Bauch“ der Deutzer Brücke, einem idealen Ort für Kuratorin Susanne Buckesfeld und das Projekt Subkulinaria. Da durften auch Bilder aus dem inneren des menschlichen Körpers während des Essens nicht fehlen, interpretiert durch die Gemälde des in Köln lebenden Brasilianers Charles de Moura. Sie entstanden mit Hilfe chemischer Prozesse und lassen ahnen, welche dunklen Kräfte in uns am Werk sind. Ein Rahmenprogramm aus Theater, Live-Kochen und Performance rundete die Kunstschau ab und sorgte auch für leiblichen Genuss, während die Stände von FIAN Deutschland, Greenpeace, dem Wuppertaler Institut und Zukunftsfähiges Bonn die Brücke von der Kunst hin zur gesellschaftlichen Wirklichkeit schlugen.

© Cultura21, 1.10.2009

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