22.09.2009 | Ernährungsverhältnisse

Wie Ausbeutung schmeckt

Wie Ausbeutung schmeckt

Industrielle Aufbackbrötchen, Schokolade aus der Mülltonne und Ernährungstipps von Indianern. Warum das Thema Ernährung journalistische Aufmerksamkeit verdient.

Foto: © unbekannt (Wallraff?)

Von Günter Wallraff, Köln

Man fragte mich vor kurzem, wann ich meinen letzten Burger bei McDonalds gegessen habe. Das Lachen konnte ich mir nicht verkneifen. Nein, noch nie habe ich einen Burger bei McDonalds gegessen. Und das obwohl ich als damaliger Mitarbeiter einen pro Tag umsonst bekommen hätte. Leider musste ich während meiner damaligen Recherche Dinge erleben, die mir den Appetit nachhaltig verdorben haben. Lappen, mit denen sowohl die Tische als auch die Klos geputzt wurden und Schaber, die nicht nur am Grill, sondern auch ebenfalls an den verdreckten Toiletten zum Einsatz kamen, sind nur zwei Beispiele. Mittlerweile scheint sich einiges verändert zu haben, so mein Eindruck. Dort zu speisen kommt für mich trotzdem nicht in Frage.

Auch die Arbeit in der Brotfabrik „Weinzheimer“ im Jahre 2007 dürfte meinen Sinn für Nahrung und Ernährung mehr sensibilisiert als abgestumpft haben. Eine Brotfabrik, die mittlerweile nur noch Aufbackbrötchen für Lidl produziert. Nach außen wird mit einer 600 Jahre alten Tradition geworben. Im Inneren fand ich Schimmel, Abfallbrötchen, die auf dem Boden lagen und wieder in die Produktion aufgenommen wurden und Arbeitsbedingungen, die mehr an ein Straflager als an ein modernes Unternehmen erinnerten. Ich dachte öfters an das Buch „The Jungle“ (dt. Titel: „Der Sumpf“, 1906) von Upton Sinclair. Dieses epochale Werk über die Fleischverarbeitung in Chicago schlug nicht nur in den USA, sondern auch weltweit ein. Dort geht es um baltische und lettische Einwanderer, die unter den unmöglichsten Arbeitsbedingungen malochten. Eiterbeulen wurden mit im Fleisch verarbeitet, abgeschnittene Finger mit verwurstet. Daraufhin wurde einiges im hygienischen Bereich reguliert und verbessert und Sinclair stellte selbstkritisch fest: „Eigentlich habe ich Amerika ins Herz treffen wollen, aber ich traf es in den Magen.“

Mittlerweile haben auch McDonalds und Weinzheimer dazu gelernt. Die Fast Food Kette lässt in einigen Filialen Betriebsräte zu, deren Bildung damals noch massiv behindert wurde und auch die hygienischen Zustände haben sich verbessert – was natürlich kein Grund ist, dort nicht noch mal zu arbeiten. Die Brotfabrik im Hunsrück hat nun ebenfalls einen Betriebsrat, der das Vertrauen der Angestellten genießt, die illegale Kameraüberwachung wurde abgeschafft, Sicherheitsmaßnahmen für die Gesundheit der Angestellten wurden verschärft und eine Zusage zur Lohnerhöhung von 24% wurde ausgesprochen. Vieles wurde zugestanden, auch live im Fernsehen, als ich in einer Talk Show auf den Lidl-Aufsichtsratchef Gehrig traf, der als einziger Kunde der Brotfabrik maßgeblich Verantwortung für die Sache trägt. Er ließ sich aber nicht dazu herab, meinen Vorschlag anzunehmen, man könne ja nach den betrieblichen Ausbesserungsmaßnahmen eine oder zwei Schichten miteinander arbeiten. Stattdessen reagierte er auf meine ausgestreckte Hand mit der Bemerkung: „Mit einem Herrn Dingsda mache ich doch kein Shakehands!“.

Um das Gegenexempel zu machen, habe ich dann das Angebot einer Bäckerinnung angenommen, in einer Bäckerei meiner Wahl zu arbeiten. Ich suchte mir eine Bio-Bäckerei aus, in der ich eine Nachtschicht absolvierte, und ich muss sagen, dass es ein völlig anderes Arbeitsklima war. Man verständigte sich, anstatt sich anzubrüllen, man konnte das Fließband auch mal stoppen und es stank nicht, sondern es duftete. Nicht zu vergleichen also mit meiner vorherigen Erfahrung. Von diesem Brot habe ich mir dann übrigens auch etwas mitgenommen. Wenn man es richtig schneidet und portioniert, ist es nicht teurer als die Aufbackbrötchen, die für Lidl hergestellt werden.

Momentan lassen mich die Berichte über Dioxin-Belastungen und anderen Schadstoffe immer weniger zum Fleisch greifen. Schweinefleisch esse ich grundsätzlich nicht. Aber nicht aus religiösen Gründen, sondern aufgrund der widrigen Tierhaltungsbedingungen. Ich bewundere reine Vegetarier, aber dafür bin ich leider zu viel unterwegs. Der Aufwand, den wir zur Fleischherstellung betreiben, ist nicht mehr zu rechtfertigen, wenn wir, anstatt das Grünzeug und Getreide direkt zu essen, Tiere damit mästen und Regenwälder abholzen, um mehr Platz für die Sojaverarbeitung zu gewinnen. Zumindest eine Reduzierung des Fleischkonsums wäre von Nöten, um die Nahrungskette im Sinne der Umweltbelastung gesünder zu beeinflussen.

Das meiste esse ich im rohen Zustand. Ganz einfach deswegen, weil ich nicht kochen kann. Pellkartoffeln kriege ich noch hin: 20min kochen lassen, rein stechen, ein bisschen Salz und Butter dazu, fertig! Ansonsten muss ich aber, gerade auch wenn Besuch kommt, aufs Restaurant ausweichen. Ich bewundere jeden, der es versteht, zu kochen, aber es darf nicht zum reinen Kult verkommen. Wenn das passiert, verliert das Essen an sich den Wert, den es in einer Kultur haben sollte. Paradoxerweise vermitteln die zahlreichen Kochshows im Fernsehen einen anderen Trend, aber wer hat die Zeit, das im Fernsehen Vorgemachte zu Hause selbst auszuprobieren? Das Essen selbst bleibt dann doch in den meisten Fällen ein exotisches Nebenprodukt, da das Hauptinteresse den Gesprächen der Köche und Bekochten gilt.

Ich hätte dieses Jahr die Chance gehabt, beim so genannten „Promi-Dinner“ mitzumachen, bei dem sich Promis gegenseitig bekochen und nebenbei die Wohnung des anderen erkundschaften können. Nein, nicht mein Fall! Mit ein wenig Ironie dabei sagte ich dem Produktionsleiter dann doch meine Teilnahme unter einer Bedingung zu: Wenn, dann wollte ich Herrn Kardinal Meisner, unseren Erz-Reaktionär aus Köln, verköstigen: mit Oblate und Kaviar. Ich bekam keine Antwort auf meinen Vorschlag. Auch während eines Auftrittes im Frühstücksfernsehen, wo ich mit dem Phänomen des Molekularkochens konfrontiert wurde, war der Moderator peinlich berührt als ich das Thema mit meiner Ironie behandelte. Man hatte sich im Studio wohl viel Mühe gegeben mit dieser Molekular-Physik-Stunde, aber ich konnte dem nichts abgewinnen. Sehen Sie es mir nach, wenn ich denke, dass Goldstaub nichts im Essen zu suchen hat.

Gesünder und schmackhafter als Blattgold kann zum Beispiel Kokos sein. Ich fand damals bei mir gegenüber am Asylbewerberheim im Mülleimer riesige Tafeln von Schokolade, die dort wohl lagen, weil das Haltbarkeitsdatum abgelaufen war. Natürlich war die Schokolade noch genießbar, jedoch übertrieb ich es ein wenig mit der Menge, so dass ich nun an einer Lactose-Intoleranz leide. Als ich dann im brasilianischen Dschungel einen Indianerstamm besuchte, vermutete man zunächst ich hätte mir eine schwere über Moskitos übertragbare Viruserkrankung eingefangen. Nein, es war die Spätfolge des übertriebenen Konsums der Mülleimerschokolade aus Köln-Ehrenfeld. Das war den Indianern natürlich nicht so leicht zu erklären. Trotzdem hatten sie das perfekte Heilmittel für meine starken Magenprobleme. Kokosmilch. Das ultimative Heilmittel gegen Durchfallerkrankungen.

Manchmal liegt die Würze – und die Gesundheit – dann doch eben in der Einfachheit. Als ich vor einigen Jahren Probleme mit der Prostata hatte, der Urinstrahl also nicht mehr zwei bis drei Meter, sondern nur noch bis zur Fußspitze ging, empfahl mir ein türkischer Urologie-Professor, täglich über mehrere Wochen hinweg ausgekochten Broccoli-Saft zu trinken. Es wirkte phänomenal. Ohne chemische Angelegenheiten und ohne Operation geht mein Strahl wieder ein Meter hoch. Und nebenbei: Broccoli-Saft ist auch all jenen zu empfehlen, die die Intensität ihres Orgasmus ohne langwierige Meditationsübungen steigern wollen.

© Cultura21, 22.09.2009

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Der Autor

Günter Wallraff ist Journalist und Schriftsteller. Berühmt wurde er u.a. durch investigative Recherchen bei der Bild-Zeitung und als Türke „Ali“ im Tagebau.

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