02.09.2009 | Ambivalente Ernährungstrends

Wie Bio boomt

Als ich auf dem Land lebte, war "Bio" eine Tradition. Dann zog ich in eine Stadt und "Bio" wurde modern. Nun arbeite ich hinter der Kasse eines Biosupermarktes und erlebe "Bio" als ambivalent.

Von Davide Brocchi, Köln

In Deutschland kaufen immer mehr Menschen „Bio“. Eine sehr erfreuliche Entwicklung. Wie die zweistelligen Wachstumsraten der Solarbranche, könnte auch der Bioboom auf eine Vorreiterrolle Deutschlands bei der ökologischen Modernisierung hindeuten. Bio ist aber keine moderne Erfindung.

Lange bevor das Wort „Ökologie“ zum ersten Mal benutzt wurde, bewirtschaftete man das Land ökologisch. Noch heute schmeckt das Essen in Sizilien tausendmal besser als in manchen entwickelteren Regionen der Welt. Im Bioboom-Phänomen vermischen sich Welten und Kulturen, die bisher als Gegensätze galten: Bürgertum und Bauerntum, Moderne und Tradition, Hochkultur und Natur. Ein Teil der Elite wendet sich vom Fortschrittsmythos ab und pflegt ein „Zurück zur Natur“. Gleichzeitig findet man in den Bauernhäusern der Toskana keine Erdkrümel mehr auf dem Boden. Die rustikalen Innenräume wurden so perfekt restauriert, dass sie fast steril erscheinen. Eine prachtvolle Küche steht nun dort, wo früher das Vieh zu Hause war. Der Bioboom zeigt, dass wir am Anfang eines kulturellen Wandels stehen: Er ist nötig, aber noch zwiespältig und widersprüchlich.

Durch eine Gegenüberstellung von Bildern aus der Lebenswelt, die mir sehr nahe stehen, möchte ich zeigen, warum die Widersprüchlichkeit des Biobooms auch der Zwiespalt von Tradition und Moderne ist, die sich hier vermischen; warum der Bioboom in der jetzigen Form nicht nur etwas verändert, sondern auch etwas erhält, nämlich dominante soziokulturelle Strukturen.

Jeder neue Gast, der meine Familie in Italien besucht, muss sich einem Ritual unterziehen: Zuerst muss er den Wein meines Vaters ausprobieren; danach kommen meist die selbst gemachten Salamis. Und wenn man Glück hat, gibt es auch die Piadina, ein spezielles Fladenbrot aus der Romagna, das mit Prosciutto, Frischkäse und Rucola göttlich schmeckt. Alles selbst gemacht und selbst gekocht. Der Stolz meines Vaters, der die meiste Freizeit auf seinem kleinen Landstück oder in seiner Weinkantine verbringt. Damit verdient er kein Geld und doch wäre die Bezeichnung „Hobby“ völlig unpassend. Die Konsum- und die Erlebnisgesellschaft interessieren meinen Vater recht wenig. Im Gegensatz zu meiner moderneren Mutter hat er kein Bedürfnis nach einem Urlaub: „Es ist so schwer, dieses Geld zu verdienen! Wie kann ich es so verschleudern? Wofür die lange Reise und das fette Essen in den Restaurants? Auf meinem Landstück habe ich doch viel mehr Ruhe.“

Das ist der Freiheitsbegriff meines Vaters – und er ist unaustauschbar. Wenn wir miteinander telefonieren, dann reden wir meist über zwei Themen: Politik oder Wetter. „Es ist nicht normal: In diesem Jahr haben wir sogar im Dezember Tomaten geerntet.“ „Es regnet seit sechs Monaten nicht mehr: Die Trauben verwelken, es ist alles kaputt.“ Die Landwirte spürten schon seit Jahren, was einige Politiker noch nicht wahrhaben wollten. Ihre Sensibilität für das Klima ist viel höher als bei Menschen aus der Stadt. Die wichtigste Uhr meines Vaters ist immer noch die biologische. Zwischen März und April werden die neuen Erdbeeren gepflanzt. Dann reifen die Pfirsiche. Im Herbst kommt die Wein- und Olivenernte. Mein Vater produziert dann ein feines Olivenöl und einen wunderbaren Rotwein. Chemie ist bei ihm verpönt, obwohl er weder bei den Grünen ist noch für Greenpeace spendet.

Viele Familien in Italien besitzen ein eigenes Landstück und betreiben Freizeitlandwirtschaft, eine Beschäftigung, die drei verschiedene Funktionen erfüllt: die Versorgung mit Nahrungsmitteln, die künstlerische Betätigung und eine Art archetypischer Ahnenkult.
Zur ersten Funktion. Meine Großmutter sagte einmal: „Wenn die Wirtschaft zusammenbricht, sind die Stadtbewohner die ersten, die verhungern.“ Sie hatte es im Krieg erlebt, wie die Stadtbürger zu Tausenden auf das Land flohen und die Felder plünderten. Sie fraßen die Kartoffeln samt Erde, so hungrig waren sie. Man kann eben kein Geld essen, wenn es wirklich schlimm kommt. Ein Stück Erde ist die nachhaltigste Versicherung. Die Selbstversorgung bedeutet für meine Familie eine wichtige finanzielle Ersparnis und ein Stück Unabhängigkeit. Wer selbst sein Essen produziert, weiß, was er isst. Die Landwirte, die die eigene Familie mit Gemüse und Obst versorgen, verwenden meist keine Pestizide. Von einem Nachbarn hat mein Vater erfahren, wie man Schädlinge mit Brennnesseljauche bekämpfen kann. Kein Gewinn für die Chemieunternehmen und das italienische Bruttosozialprodukt, aber es funktioniert und schadet der Gesundheit nicht.

Zur zweiten Funktion. Mein Vater ist ein Künstler, aber nicht im Sinne der Hochkultur, mit der sich unsere Eliten schmücken. Er hat nicht einmal die Mittelschule besucht. Seine Kunst ist eine ursprünglichere und wesentlichere Kunst, die mindestens genauso leidenschaftlich und kreativ ist. Sie steckt zum Beispiel in der Produktion seines Rotweines. In ihnen fließt das Wissen von Generationen, viel Erfahrung und Handarbeit ein – aber auch kreative Versuche, Geduld und Liebe. Mein Vater kann die erwünschte Alkoholkonzentration immer erreichen oder einen bestimmten Geschmack reproduzieren. Sein Wein schmeckt anders als jener des Nachbarn, obwohl die Traubensorte die gleiche ist. Jeder Winzer pflegt diese individuelle Kunst wie ein Geheimnis.

Zur dritten Funktion. Der „Ahnenkult“ ist weder bewusst noch absichtlich. Wie kann diese emotionale und tiefe Bindung zur Erde erklärt werden? Ein Versuch: Die Erde symbolisiert den Fluss und gleichzeitig die Kontinuität des Lebens, kreisförmig, von den Vorfahren zu den Nachkommen. Wir beziehen unsere Nahrung aus derselben Erde, in der unsere Reste irgendwann liegen werden. Unter der Erde ruhen alle unsere Vorfahren. Die Pflege der Erde ist deshalb auch die Pflege der Familiengeschichte. Der biochemische Kreislauf spiegelt sich in einem kulturellen Kreislauf wider. Die landwirtschaftlichen Techniken werden von Generation zu Generation übertragen. Ihre Verwendung und Erneuerung im Alltag bedeutet das Weiterleben einer Kultur – und damit der Ahnen.

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Dieser Artikel wurde am 14.01.2010 aktualisiert.

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