16.12.2009 | Italienische Liebesverhältnisse

Wie Leidenschaft schmeckt (© Joachim Berga-Pixelio)

Wie Leidenschaft schmeckt

Das Bekochen von Charakteren – jedem sein kulinarisches Denkmal setzen: Eine besondere Herausforderung. Doch wie ein fulminantes Abendessen das Ende einer Liebe besiegeln kann, erzählt eine italienische Schriftstellerin. Eine wahre Geschichte.

Foto: © Joachim Berga / PIXELIO

Von Maria Teresa Ciammaruconi, Rom

ER sagte, er liebe sie.
Und SIE dachte, dass ihre 35 Jahre nichts anderes seien als eine Vorbereitung für jene Begegnung. Beruf, Ehe, Kinder, Liebhaber, Freundschaften, Entdeckungen… Alles war unbedeutend im Vergleich zu IHM.
Jene Entscheidungen, die sie für eine Weile als Meilensteine auf einem bunten und abenteuerlichen Pfad erlebt hatte, erschienen nun als vorbereitende Übungen für diese Lehre. In der Umarmung jenes großen und geheimnisvollen Mannes sah sie die Versetzung in ein Leben, das endlich würdig war, gelebt zu werden.
Die Jahre mit ihren polyedrischen Erfahrungen hatten sie wählerisch gemacht. Sie hatte inzwischen den Geschmackssinn für die Kunst und mit ihm die Lust für die Phantasie und das Risiko geschärft. Jedes Treffen mit ihm schenkte ihr ein zusätzliches Stück Welt zum Auskosten. Ihr Körper, der bei jeder Verabredung lebendiger wurde, öffnete sich für immer tiefere Atemzüge. Es war offensichtlich: Die gleichen Bewegungen, die am Anfang plump und ängstlich waren, entstanden nun leicht, zum Angebot.
Ein duftender Blumenstrauß für den Altar jenes Gottes, den sie schon immer erträumt hatte; der sich nun ihr zeigte, mit einem Gesicht und einem Namen, hatte ihr am Ende jener unvergesslichen Nacht gesagt: Du gehörst ja meiner Rasse!
Die Rasse der Götter, dachte SIE.

Aber jene Vergangenheit, die gegenüber der Offenbarung dieser neuen Liebe erblasste, drohte zwischen ihnen wie eine Klinge zu werden. Sie könnte die Krone der Perfektion spalten, mit der sie sich beide gerne identifizierten. Es war eine Vergangenheit, die aus Anwesenden und alten Zuneigungen bestand. Wie geduldige und treue Zeugen warteten sie auf das Ende des Spektakels.
Das konnte ER überhaupt nicht dulden. Er hatte den Eindruck, dass IHRE Freude immer ein bisschen höher als seine Verzweiflung war. Da, von Eifersucht gequält, fragte er sich: Wer hat ihr bloß jene sonnigen Worte beigebracht?
Natürlich zeigte er nichts von seinen inneren Qualen nach außen und schrieb die schlechte Laune den weltlichen Tragödien zu. Keinem kann man eine Ideologie der Verzweiflung verweigern.
Und die Spannung wuchs und wuchs.

Irgendwann begannen die Küsse bitter zu schmecken. Seine Atemzüge wurden wegen Kummer und Zweifeln immer schwerer. Da warf sie alle versichernde Worte ins Meer: Es ergab keinen Sinn mehr.
Sie hätte eine Situation geschaffen, in der ER sich ihrer Vergangenheit hätte anlehnen können. Dieser Vergangenheit hätte ER ins Gesicht schauen können, um mit ihr Freundschaft zu schließen und erfahren zu können, dass es nichts zu befürchten gab. Diese Vergangenheit war nun das Erbe, das sie ihm übergeben wollte. Alles wäre mit Natürlichkeit und ohne viel Gerede geschehen. SIE hätte für IHN ein Kommunionsritual zustande gebracht, bei dem sich die Worte und Körper begegnet wären, um in der milden Sprache der Gerüche und Geschmäcker zu kommunizieren.

Mit Bangigkeit hatte SIE jenes Theater, jenen Altar, jenes Gericht vorbereitet, in denen ihre 35 Jahre Leben festlich geschmückt auf einer weißen Tischdecke vorgeführt werden sollten. ER, der Richter, hätte das Urteil sprechen sollen.

Um Sieben Uhr abends wusch er sich. Er zog sich den Anzug für die wichtigen Angelegenheiten an; immer denselben, seitdem er ihn von einem Tuareg in Ägypten gekauft hatte, nach einem ganzen Tag Verhandlungen.
Um acht Uhr waren alle da. Nur wenige Höflichkeiten. Sie tat so, als ob sie die gewisse Verlegenheit ignorierte, und lud alle ein, Platz zu nehmen.

Nun saßen sie um den ovalen Esstisch.

ER und SIE an den Extremitäten, um sich gut ins Gesicht zu sehen; um die horizontale Speiche des Blicks an der zentralen Achse des Tisches entlang gespannt zu halten. Ihr gegenseitiger Blick sollte die Demarkationslinie, das Rückgrat, die ordnende Stütze bilden.

An den langen Seiten des Tisches saßen alle anderen: drei Männer und drei Frauen.

Die aufgestellte Vergangenheit verzichtete auf eine Geheimhaltung der Komplizenschaft und öffnete sich dem kulinarischen Angebot. Das Gleichgewicht schien fast perfekt zu sein: Die Stimmen überlagerten sich und man suchte vergeblich nach einer gemeinsamen harmonischen Tonalität.

Auf das spritzige Weiß der Tischdecke kam der Antipastoteller. Der Boden des großen Tellers, oval wie der Tisch, war mit verschiedenen Tönungen der Farbe Grün bedeckt: Vom dunklen Grün der Rauke bis zum fast Weißen des Kopfsalates, der den Tellerrand schmückte. Kleine rote Tomaten blieben verfangen zwischen den Blättern und unter winzigen marinierten Fischen.

Der Ton der Stimmen erhöhte sich in Fröhlichkeit. Kleine Fragezeichen begannen, die Konversation zu unterbrechen. “Aber das ist Fisch … nein, es ist auch Fleisch. Das scheint Hühnerbrust zu sein”. “Ehrlich gesagt die Würfelchen sehen wie Käse aus.”

SIE ließ zu, dass die Neugierde wuchs und lächelte dabei:  „Fleisch, Fisch, Gemüse…: Früchte des Meeres, der Erde, des Himmels. In diesem Teller wollte ich alle Farben, alle Naturen. Reiche und kreative Vielfalt. Es ist wie Du, lieber Carmine, für mich warst, als du in mein Leben hineinkamst, alle Dämme zerstörtest und mir alles anbotest; aber mit Leichtigkeit. Deine Liebe war ein Fest von Farben und Unabsehbarkeit, das ich mir nicht ausgesucht hatte. Dein Reichtum war groß, weil frei von dem Anspruch, mich zu sättigen, wie dieses Antipasto, das ich Dir heute widme. Dir, deiner Kunst, die mir immer als Quelle diente, widme ich die Frische dieser Speisen: Sie öffnen die Türen des Banketts.”

Carmine wusste nicht, ob er sich rühren oder lieber seinen stechenden Missmut zeigen sollte, der ihn in dem Moment erfasste, als er sich auf den Status des Antipasto verbannt sah. Als ob man ihm sagen wollte, dass das wichtigere Gericht noch kommen würde.

Während die Gäste sich durch Fisch, mit Jagdfleisch bedeckten Crostinis und Radieschen arbeiteten, kam aus der Küche ein weicher, breiiger Geruch. SIE kam zum Tisch zurück. In der runden Backform floss ein rosafarbenes Soufflé, ein wenig bernsteinfarben durch die Grillhitze. “Und das ist für Dich, Claudia, meine liebe Freundin. Wir lernten uns am Schultisch kennen und heute kommt es manchmal vor, dass ich mein Wachstum mit Deinem verwechsle. Außerhalb der Hauswände warst Du immer eine sichere Bezugsperson für mich. Du warst meine Gewissheit, wenn ich nicht wusste, ob ich eher an die Ängste oder an die Wünsche glauben sollte. Dass ich Deine Freundin sein darf, bedeutet für mich volle Aufnahme, Schutz, den Trost eines geteilten Blickes. Jemanden wie Dich in seinem Leben zu haben, bedeutet, nie am Hunger leiden zu müssen. Du bist so exhaustiv wie dieses Gericht.” Die weichen Schichten aus Crepe gingen in einen Brei aus gehacktem Lachs und Ziegenricotta über. Sie schienen wie ferne Geschmäcker. Sie verschmelzten perfekt ineinander, und durchtränkten so den leichten Crepeteig. Das Ganze ergab einen unteilbaren Geschmack, der die Gesuchtheit des Lachses mit dem heimischen süßen Geschmack der Ricotta vermischte. Man brauchte keine Zähne, um es zu kauen. Und es war eine nahrhafte Speise, die alleine für ein ganzes Abendessen gereicht hätte.

Die Gäste schauten zu Claudia. Sie rammte einen großen Löffel in den Teig, der ohne jeglichen Widerstand nachgab. Sie verteilte die Portionen und schämte sich für jene Komplimente, die ihr übertrieben erschienen.

Vielleicht war genau das der Moment, in dem sich eine Art Neid breit zu machen begann. Was könnte man sonst erwarten, nach einer so exklusiven Erklärung? SIE suchte ohne Erfolg SEINEN Blick, um ihm zu sagen: Dies ist mein Reichtum, dies ist mein Weg, den ich lange gegangen bin, um Dir eines Tages alles geben zu können. Aber ER war unaufmerksam. Besser, er begann um sich herum zu suchen, nach etwas zu trinken.

Sicher: Nach dem Eröffnungssektchen war eine charakterstarke Begleitung nötig. Eine lebhafte sorgenfreie Natur, die sich nicht vom Detail bremsen lässt. Man brauchte einen Wein, der Michele Widerworte gab, dem Mann der an der Tischmitte saß. Sie kannten sich seit mehreren Jahren, und waren Komplizen geblieben, auch nachdem sich die Aktration füreinander ausgelöscht hatte.

Michele hatte immer den fertigen “passe par tout”-Spruch; war immer bereit, sich verwundern zu lassen. Er hatte eine großartige Intuition, die verbluffen und verführen könnte. Am Anfang hatte sie an einen Marzemino gedacht, den Wein von Don Giovanni. Aber sein fruchtiger Rückgeschmack passte nicht zu den plötzlichen Rauheiten von Michele. Ihr schien ein Valpolicella angebrachter, weniger strukturiert vielleicht, aber vielseitiger. Sie behielt im Gedächtnis die drei Weinrebsorten, die ihm generierten. Und dann gab es auch den Namen: valle dalle molte cantine – Tal der vielen Weinkeller. Philologische Herkunft nicht ganz geklärt, genauso wie im Fall ihres Freundes.

“Dir, launenhafter Schriftsteller und Verführer; Dir, der mir das Risiko der Untreue und das Vergnügen der Berauschtheit geschenkt hat. Ich trinke auf den Augenblick ohne Rückkehr, auf die Lust der Ephemere, die dem Dauerhaften einen Sinn gibt. Dir dieses Valpollicella Trinknäpfchen, fähig mit der Wandelbarkeit der Welt zu flirten. Dir diesen Roten, notwendig und flüchtig.”

Michele musste in seiner Gestalt bleiben. Bewusst füllte er die Gläser. Er hatte sich diese Rolle sorgfältig in den Jahren des starsinnigen Hedonismus erarbeitet. Nun gut: Er war der Äthylbegleiter. Hatte es sich gelohnt? Während er den Zweifel hinter den Ritualsprüchen maskierte, suchte etwas ironische Komplizenschaft in den Männerblicken. In den Gesten der Frauen fand er nur Ernüchterung.

ER, am Ende des Tisches sitzend, kaum die Lippen angefeuchtet: “Ich will wirklich sehen, ob es irgendwo unter all diesen Mythen auch einen Platz für mich übrig bleibt…”

“Als ob ich Dich vergessen konnte: die Allgegenwärtige! In meinem Leben sind zwar viele liebe Personen hineingekommen und wenige sind ausgegangen. Aber nur eine von ihnen war wirklich beständig: Gabriella, meine Schwester.” Und schon jubelte Gabriella, die Arme wie im Stadion hebend. ”Du warst immer wie das Brot auf dem Esstisch. Da darf das Fleisch, die Beilage, auch der Wein fehlen, aber bitte nicht das Brot! Alle gratulieren für das Dessert, aber nur selten sagt jemand: Dieses Brot schmeckt mir wirklich gut! Ich kann nicht ohne das Brot essen: Du bist mein sicheres Brotlaibchen, das Notwendige für das primäre Überleben”.

Nun hob sie ein weißes Geschirrtuch hoch, das einen Korb bedeckte und führte einen goldfarbenen noch lauwarmen Brotlaib vor. Sie hatte ihn noch am frühen Morgen geknetet, so wie die Frauen aus ihrem Dorf. Aufmerksam hatte sie das Aufgehen des Teiges unter der Wolldecke spioniert. Nach einigen Stunden war der Brotlaib prall wie ein schwangerer Bauch. Auf der glatten und gespannten Haut steckte sie eine Hand voll Pinienkerne und ordnete sie wie ein kleines “g”. Dabei wurden die Kurven hervorgehoben, um den spielerischen Charakter zu unterstreichen. Dieses Brot sollte ihre kleine und spritzige Schwester portraitieren.

“Wie soll ich nun es hinbekommen? Ich bevorzuge eigentlich die knusprige Spitze, aber mir steht nur das Herz mit den Pinienkernen zu … – sagte Gabriella – Ich habe entschieden: Ich nehme Beides. Doppelgeschmack, wie immer. Ihr solltet euch zufrieden geben, mit dem was übrig bleibt.”

Jemand erlaubte sich zu sagen, dass sie ruhig das ganze Brot essen dürfe.

Aber Sandro, der Anthropologe, durfte diese Gelegenheit nicht verpassen, und löschte die wachsende Beklemmung mit einer Tirade zu der Geschichte mit dem Mehl. Die zauberhaften Kräfte des Weizens, die Mittelmeerländer, harter Weizen, weicher Weizen. Aber SIE kannte ihn allzu gut, um ihn so ins Lehrhafte ausufern zu lassen. Und vor allem musste SIE ihm den Angriff entziehen, den ER gleich bestimmt losgelassen hätte. In einer gefährlichen Weise trommelte ER schon mit seinen Fingern. Schon warf ER sibyllinische Sätze in die Runde.

“Schluss jetzt, heute ist Gabriella die Herrin des Brotes. Nur sie darf zum Thema argumentieren und das Brot verteilen, wie Jesus beim letzten Abendmahl.“

Sie nahm kurz die Hand von Sandro, liebevoll: “… bitte, Du musst auch nicht heute Abend den Intellektuellen machen. Ans Wesen der Dinge dran zu kommen, das ist wohl Deine Kompetenz. Du, der mich ins lebendige Fleisch der Geschichte eingeführt hast.”

Sandro hatte Jahre verbracht, um gegen die Auslöschung von einheimischen Völkern zu kämpfen. Er hatte Regionen katalogisiert, Zahl der Einwohner und vor allem Traditionen, Bedürfnisse, Essgewohnheiten und Krankheiten registriert. “Was am Ende wirklich zählt, ist der Körper: Wo du ihn stellst, wie du ihn hältst. Ja, das ist, was zählt. Nicht die Bücher von denen, die hinter einem Schreibtisch alt werden.” Das sagte sie ihm schon an jenen gestohlenen Nachmittagen, als sie auf einem zu engen Bett lagen, umkreist von zu großen Bücherregalen. Einmal wollte er sie nackt haben, um sie mit Armbändern und Halsketten zu schmücken, die er von den Indianern in Amerika mitgenommen hatte.

Deshalb, als es darum ging, sich für ein passendes Gericht für ihn zu entscheiden, hatte sie keinen Zweifel: Fleisch! Gehaktes Fleisch, um seine Wendigkeit zu steigern; gemischt mit Paniermehl, Eier, Käse, die es schmackhaft machen sollte, ohne dessen Arroganz zu fördern. Es sollte kein Fleisch für Reiche werden, sondern bescheiden bleiben, aber deshalb unattraktiver. Sie knetete das Fleisch in eine Backform, erst zylindrisch, dann in der Mitte verfeinert. Auf den niedrigen Seiten bauschte sie die Hüften. Auf der höheren Seite hingegen formte sie zwei große Busen und dann die Schulter und die Arme, die am Körper entlang hinunter gingen, bis sie die Oberschenkel berührten. Es fehlte das Gesicht! Sie erinnerte sich an eine sehr kleine afrikanische Maske, mit hervorgehobenen Lippen und geschlossenen Augen; ein stilles Warten. Beim Rausnehmen aus dem Backofen legte sie die Maske auf die Backform: die Proportionen waren perfekt. Die weiblichen Kurven des Körpers gaben gleich den sensuellen Zügen der Maske eine weibliche Seele.

Diese Nacktheit machte die Puppe fast obszön: sie musste unbedingt gekleidet werden. Mit dem Orange einer Möhre wurde ihr ein Rock angefertigt, die ihr mit den grünen Fäden der Gartenkresse an die Hüften gebunden wurde. Der lockige Salat wurde zur Haarpracht. Die Busen sollten sichtbar bleiben. Ihre Prominenz wurde durch zwei Kapern auf den Spitzen hervorgehoben. Sie mied, jene Fleischpuppe mit Halsketten und Armbände auszuschmücken. Dieses Detail wäre eine zu deutliche Anspielung auf ihre Intimität gewesen. Jener Abend sollte keine Erinnerung wieder aufleben lassen, sondern sie in ein Reliquiar eines Museums stellen, um ihren Wert, ihr Reichtum, aber auch ihre Entfernung zu dekretieren.

Die Fleischpuppe wurde bespritzt mit einer gewürzten Soße. Ihr Körper erhob sich nass, glänzend, nach Minze und Zimt riechend. Eine Priese Weißpfeffer unterstrich ihren stechenden Geruch. Niemand hatte den Mut jenes braune Fleisch einzustechen.

Sandro wusste nicht, was er sich lieber ansehen sollte: SIE oder ihr Werk. Die verschwiegenen Erinnerungen wurden stechend. Bei ihm riefen die Düfte jener kleinen Frau auf dem Tisch andere Düfte auf. Zusammen geschmolzen in den Nasenlöchern, begannen sie bei ihm ein gewisses Wirrwarr zu verursachen.

Das peinliche Gefühl wurde von IHM unterbrochen. ER stand plötzlich auf, streckte sich in seiner ganzen Körpergroße über den Tisch und stach mit seinem Messer in den Hals der Puppe. Er schnitt sie durch, vom Hals bis zur Leiste. “So sind wir sicher, dass sie in zwei gleiche Teile geteilt wird.“  Die Maske blieb am Tellerrand liegend, still und von dem Körper entleert, der ihr Leben verlieh. Sandro hätte ihm am liebsten das Messer aus der Hand gerissen, er hielt sich aber zurück und wies nervös mit seiner Geste zur Maske. “Der Kopf steht mir zu, zumindest er, da das Herz bereits in zwei Teile gebrochen wurde.”

Anna hatte wenig gesagt, die Schwangerschaft hatte sie in Gedanken versinken lassen. Aber in jenem Moment verstand sie, dass etwas getan werden musste, um zumindest die Freundlichkeit zueinander wieder herzustellen. “Ich wette, dass Du für mich das Gemüse vorgesehen hast”.

“Wie immer ahnst Du die Ereignisse kurz vor ihrem Geschehen, auch wenn es in diesem Fall nicht schwer war. Ja, das Gemüse… aber nicht nur. Heute Abend will ich jedem erzählen, dass ich Dich brauche, weil Du hinter all dem Schwarz Deiner Augen und Haare die Geschmäcker der Welt versteckst, die ich so sehr mag. Siehst Du, Du bist wie das hier …” Und legte auf den Tisch eine kleine viereckige Backform. Aus der gerösteten Oberfläche tauchte ein Schrein auf, gekraust an den Rändern von einer umgedrehten Spirale, die dessen Inhalt versiegelte. Ein Anstand von sich kreuzenden Streifen, fast verbrannt durch die überzogene Kochzeit, verwickelte sich wie ein Gitter. Auch der Duft hatte Mühe jenen starrsinnigen Deckel durchzubrechen: Er lies keine Indiskretion zu.  “Mit Dir muss man Mut haben”. Und so redend zerbrach sie den knusprigen Deckel mit einem festen Schlag. Der Rauch kam aus dem Gefängnis heraus, in einer Explosion von Aromen aus Erde und Gras. In jenem nun geschändeten Keller waren Herze von Artischocken, Spitzen von Spargeln und Steinpilze immer noch am Kochen. Die Leichtigkeit des Spargels preiste sich neben dem Herben der Artischocken, das sich seinerseits in der Sinnlichkeit der Steinpilze auflöste.

Anna, eine leichte, herbe und sinnliche Kreatur, versenkte ihr Gesicht in den Geruch und legte eine Hand auf ihren Bauch.

Zuviel Anmut! Zuviel Anmut kann verletzen, so wie ihre totale Abwesenheit. Die Gewohnheit an die Mittelmäßigkeit tötet das Recht zur Schönheit. Du verlierst sie, weil Du sie nicht mehr erkennen kannst. Und wenn sie Dir diese unbedingt schenken wollen, dann zerstörst Du sie.

ER, so verzweifelt, so ernüchtert, dass der ganze Reichtum, den SIE in Jahren von Wahn, Verzicht und Versuchen angehäuft hatte, all dieses Vermögen aus Zuneigungen und Erfahrungen, für IHN aufgetischt wurde. Endstation einer Liebesstrecke. Jedes Geheimnis wurde offenbart, ohne den Schleier zu ziehen; beschnüffelt, gekaut, ohne genannt zu werden.

Möglich, dass eine nachgewürzte Soße auf dem Fleisch ein Ungleichgewicht im Stoffwechsel verursacht? Oder war jener Valpolicella so stark, dass die emotionalen Schaltungen durchbrannten?

Die Explosion war unregierbar: Hände und Worte vermehrten sich in einem zerstörerischen Aufprall. Ein verkündetes Erdbeben, an das keiner wirklich hatte glauben wollen, explodierte in einem unentzifferbaren Knall. SEIN Hass war stärker als IHRE Liebe. Und jenes Schloss aus Harmonie wurde durch einen Wind von Schreien, angenommenen Herausforderungen, Beschimpfungen weggefegt.

All die Geschmäcke stiegen wieder bis zum Hals, bis dieser mit Galle gefüllt wurde. Die weiße Tischdecke wurde zur Leinwand eines schlechten abstrakten Malers.

ER ging hinaus durch das Donnern der zerbrechenden Teller.

SIE blieb allein, mit dem noch unberührten Nachtisch, noch unberührt.

Sie hatte für ihn einen Apfelkuchen vorbereitet. Zwar kein besonderes Gericht, aber SIE, die alles gerne kochte, hatte noch nie vorher einen Kuchen gebacken. Was hätte SIE IHM gesagt?

“Für Dich, für Dich werde ich auch das schaffen, was ich noch nie gemacht habe: einen Nachtisch! Was wäre das für ein Fest ohne Nachtisch? Der Nachtisch ist für Dich, weil Du das Fest bist, auf das ich schon immer gewartet habe!”

Aber das hätte ER nie erfahren…

© Cultura21, 31.10.2009

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Die Autorin

Maria Teresa Ciammaruconi ist Schriftstellerin und lebt in Rom.

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