17.02.2007 | Einführung zum Dossier

Die unfreie Universität

Ist die Universität ein Zukunftslabor oder eine Kaderschmiede? Es waren die Universitäten, die unsere Gesellschaft immer wieder in Bewegung brachten. Gleichzeitig gehören viele Akademiker zu jener Elite, die unsere Gesellschaft zu einer sozialen und ökologischen Krise geführt hat.

Von Davide Brocchi, Köln

Die Idee für ein Dossier über die Hochschule kam uns in Lüneburg, bei einer Studentenkonferenz im vergangenen November. In dieser Stadt wurde eine ehemalige Militärkaserne der NATO in ein Universitätsgelände umgewandelt. Die Universität Lüneburg ist heute ein interdisziplinäres Kompetenzzentrum für Nachhaltigkeit.

Die Hochschulen sind potenzielle Nachhaltigkeitspioniere, gesellschaftliche Labore und Zukunftswerkstätten. Sie sind Kulturorte, in denen das Wissen einer Gesellschaft organisiert, entwickelt und vermittelt wird; in denen Menschen ausgebildet werden; in denen politische und wirtschaftliche Prozesse kritisch reflektiert und kreativ gestaltet werden. Dies ist keine Idealvorstellung, sondern das Ziel, wenn man den riesigen Herausforderungen dieses Jahrhunderts gerecht werden möchte.

In der Geschichte waren es immer wieder die Universitäten, die nicht einfach auf die Zukunft warteten. Sie brachten oft die Gesellschaft in Bewegung und trugen zu ihrer kulturellen Evolution bei. Die Aufarbeitung des Nationalsozialismus wurde von keinem Gericht und von keiner Bundesregierung geleistet: Erst die Studenten gingen mit ihren Vätern hart ins Gericht. Die Umweltbewegung entwickelte sich auch aus den Universitäten. Auf dem Tiananmen-Platz in Beijing, in Buenos Aires oder Minsk demonstrierten die Studenten für Gerechtigkeit und Demokratie. Es gibt aber auch eine andere Wahrheit: Viele Akademiker gehören zu jener Elite, die unsere Gesellschaft zu einer sozialen und ökologischen Krise geführt hat.

Der erste Teil unseres Dossiers widmen wir der Universität als Lebenswelt. Lotte Arndt (Berlin) zieht ein nachdenkliches Fazit aus ihren Erfahrungen als Studentin. Sebastiao Iken (Köln) berichtet über den Alltag eines wissenschaftlichen Mitarbeiters. Prodosh Aich (Oldenburg) erzählt von seiner Erfahrung als Professor, der sich für eine Vision einsetzte: an der als Reformmodell geplanten Carl-von-Ossietzky-Universität in Oldenburg.
In der Gesellschaft des „freien“ Marktes und der „Liberalisierung“ sprechen diese Berichte nicht gerade für eine steigende Selbstbestimmung der Menschen oder gar für eine Freiheit der Wissenschaft.

Von den Erfahrungsberichten kommen wir zu den Analysen: Ole Hildebrandt (Hamburg) erklärt uns, was eine Universität ist und welche Aufgaben sie hat. Eine der wichtigste Hochschulreformen der letzten Jahren wurde nach der ältesten Universitätsstadt der Welt benannt: Bologna. Wie zukunftsfähig ist der Bologna-Prozess? Hildebrandt versucht auch diese Frage zu beantworten.
Um die Risiken zu reduzieren, finden Experimente normalerweise erst einmal in Laboren statt. Nicht in diesem Fall: Der Bologna-Prozess ist ein groß angelegtes Experiment. Genau hier liegt seine größte Schwäche: die zentralistische und strukturelle Uniformierung der Hochschulen auf europäischer Ebene.
Nur ein Experiment? Auch der Bologna-Prozess weist auf eine zunehmende (neoliberale) Globalisierung der Hochschulen hin. Dieser Eindruck wird auch durch die nächste Analyse bestätigt. „An der Universität Bonn werden schon mehr als ein Dutzend Lehrstühle von Privatfirmen bezahlt, an der Universität Dresden finanziert vodafone einen Lehrstuhl, dessen Inhaber die Netzwerke zwischen Hochschule und Industrie knüpft. All das gilt heute nicht mehr als anstößig, sondern als Nachweis von Reformfreude und Modernität“, schreibt Karl-Heinz Heinemann (Köln). Ähnliche Beispiele sind auch in Frankreich zu finden. Es bleibt nur die Hoffnung, dass diese Sponsoren in Wirklichkeit die Freiheit der Wissenschaft fördern wollen – und nicht sich selbst.

Wie in der ganzen globalisierten Gesellschaft läuft es auch in der Universität auf eine Polarisierung zwischen Masse und Elite hinaus. Die Bildungsministerin Annette Schavan hat es bereits angekündigt: mehr Geld für die Elitenuniversitäten, weniger für Bafög. Die qualitative Selektion findet immer mehr allein auf der Basis sozioökonomischer Kriterien statt. Dabei bleiben Wissenschaft und Gerechtigkeit, eine zentrale Dimension der Nachhaltigkeit, auf der Strecke – wie Margret Karsch (Hannover) anhand der Entwicklungstendenzen von Forschung und Lehre nachweist.
Der wichtigste Unterschied zwischen einem Tier und einem Menschen ist für Hannah Arendt die Politik. Der Mensch hat nicht nur die Möglichkeit, sich den (vor-)gegebenen Strukturen unterzuordnen. Freiheit und politisches Engagement sind untrennbar und bedingen sich gegenseitig. Wir haben Probleme, aber auch viele Chancen: Die Frage ist, wofür wir uns einsetzen. In den letzten zwei Jahrzehnten haben sich die Hochschulen eher als Bewahrer einer nicht-nachhaltigen Ordnung erwiesen: Welche Rolle können sie beim gesellschaftlichen Wandel spielen?

Katina Kuhn und Marco Rieckmann (Lüneburg) schreiben über die „die Bedeutung von Hochschulen für eine nachhaltige Entwicklung“ und liefern dazu ein praktisches Beispiel: das Projekt „Sustainable University“ in Lüneburg. Der Soziologe Hans Dieleman bringt hingegen ein Beispiel aus dem fernen Ausland: Sustainability at the Universidad Autónoma Metropolitana (UAM) in Mexico-City. In einem Land wie Mexiko, das an seinen sozialen Wunden so sehr leidet, ist ein solches Zentrum sicher etwas ungewöhnliches.
Julia Becker, Sarah Lubjuhn, Maria Schnurr beschreiben die Aktivitäten der Initiative für Nachhaltigkeit der Universität Duisburg-Essen.

Deuten diese Initiativen auf eine neue Studierendenbewegung hin? Welches Potenzial gibt es für eine solche Bewegung? Diese Frage war aufschlaggebend für ein neues Projekt des Instituts Cultura21, das mit der Initiative für Nachhaltigkeit der Universität Duisburg-Essen eine Umfrage gestartet hat. 19 Studenteninitiativen haben einen vierseitigen Fragebogen ausgefüllt. Wir veröffentlichen eine erste Auswertung.

Die Vielfalt der Initiativen und der Aktivitäten ist sicher beeindruckend; die Frage, ob die Zeit reif für eine neue Studierendenbewegung ist, bleibt jedoch noch offen. Nicht nur Cultura21 setzt sich dafür ein, sondern auch andere Initiativen. Man sollte davon ausgehen, dass die zukünftigen gesellschaftlichen Entwicklungen eine solche Bewegung ebenso fördern werden.
Zum Schluss – wir hoffen, es nicht immer wiederholen zu müssen – noch eine Anmerkung: Wir wissen nicht, ob „Nachhaltigkeit“ das beste Wort ist, um die Untrennbarkeit von Zielen wie Gerechtigkeit, Demokratie, Frieden, Freiheit, Lebensqualität, Umwelt, Zukunftsfähigkeit oder Toleranz auszudrucken. Diese Untrennbarkeit gilt nicht nur in dem Verhältnis zwischen Nord und Süd – sondern auch innerhalb unserer eigenen Gesellschaft (systemisch denken: das eine hat mit dem anderen zu tun).

So umstritten und konservativ das Wort „Nachhaltigkeit“ auch ist und wirkt (eine „Worthülse“ der Politik, sagen mache), so haben wir im Moment keinen besseren. Es geht auch nicht um das Wort an sich, sondern darum, dass die Idee hinter der „Nachhaltigkeit“ – so wie wir sie verstehen – zur Kultur und zum Handlungssystem wird. Welcher Begriff diesen Prozess bezeichnet, ist demgegenüber nachrangig.
Andererseits darf gerade Cultura21 die Bedeutung der Sprache nicht unterschätzen: die Menschen verständigen sich über die Sprache; Worte können integrieren oder unterscheiden; Worte können auch Macht oder Propaganda sein. Vielleicht braucht eine bessere Gesellschaft auch eine bessere Sprache – oder eine höhere Sprachkompetenz; vielleicht brauchen neue Ideen neue Begriffe. Vielleicht… Darüber werden wir weiter diskutieren. Alternative Sprachlösungen bleiben nicht ausgeschlossen.  

© Davide Brocchi, 17.02.2007

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