20.11.2006 | Nachhaltigkeit

Hochschule als Zukunftslabor (© Leuphana Universität)

Hochschule als Zukunftslabor

Hochschulen müssen sich dem globalen Wandel sowie den daraus resultierenden neuen Aufgaben und den veränderten Herausforderungen stellen, um Lösungsbeiträge für die globale Zukunftsgestaltung zu entwickeln.

Foto: © Leuphana Universität

Von Katina Kuhn und Marco Rieckmann, Lüneburg

Die Agenda 21 weist in den Kapiteln 31 und 35 den Hochschulen eine besondere Bedeutung für die Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung zu. Demzufolge sollen Hochschulen u.a. Informationen bereitstellen, um damit die Grundlage für Entscheidungen in der Umwelt- und Entwicklungspolitik zu verbessern.

Hochschulen müssen sich dem globalen Wandel sowie den daraus resultierenden neuen Aufgaben und den veränderten Herausforderungen stellen, um Lösungsbeiträge für die globale Zukunftsgestaltung zu entwickeln und damit ihren Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung zu leisten.

Um den mit dem Paradigma einer nachhaltigen Entwicklung verbundenen Herausforderungen aktiv begegnen zu können, müssen Hochschulen folgende vier Funktionen erfüllen:

  • Die Generierung von neuem Wissen durch multi-, inter- und transdisziplinäre Forschung (Wahrnehmung der wissenschaftlichen Forschungsfunktion);
  • die Erschließung dieses neuen Wissens durch Bildung, Bewusstseinsbildung und wissenschaftliche Weiterbildung (Wahrnehmung der Wissensvermittlungsfunktion);
  • Verbreitung von Wissen in die Gesellschaft durch Transfer und Kommunikation von Forschungsergebnissen (Wahrnehmung der Funktion als Akteur in Wissenschaft und Gesellschaft);
  • Anwendung der gewonnenen Erkenntnisse auf die eigene Institution durch Selbstverpflichtung und nachhaltige Verhaltensweisen (Wahrnehmung der Vorbildfunktion in der Gesellschaft).

Neben den originären Aufgaben von Hochschulen – Forschung und Wissensvermittlung – treten also im Kontext einer nachhaltigen Entwicklung zwei weitere Aufgaben: Erstens werden Hochschulen explizit als gesellschaftliche Akteure verstanden und übernehmen eine Multiplikatorfunktion für die Idee der Nachhaltigkeit. Sie sind Teil des kommunalen und regionalen Gemeinwesens und können Einfluss auf dessen Gestaltung nehmen.

Gemeinsam mit anderen Akteuren können – z.B. in transdisziplinären Forschungsprojekten – lokale Felder der Nicht-Nachhaltigkeit identifiziert und Lösungen für eine nachhaltige Regionalentwicklung erarbeitet werden [Vgl. hierzu auch das Konzept der Regional Centers of Expertise – United Nations University o.J.].

Der Soziologe Rudolf Stichweh stellt fest, dass die Universität ihre Einbettung in ihre jeweilige lokale Nische kultivieren müsse; „aber das ändert nichts daran, dass sie auf der Ebene internationaler studentischer Migration, auf der Ebene der Kooperation mit Organisationen der Wirtschaft und auf der Ebene einer zunehmend internationalisierten Wissenschaftspolitik in Globalisierungsprozesse hineingezogen wird“. Er versteht die Universität vor diesem Hintergrund als „cosmopolitan local institution“. Neben der lokalen Ebene müssen Hochschulen sich also auch mit globalen Entwicklungen befassen und sollten sich die Frage stellen, wie diese im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung beeinflusst werden können.

Nowotny et al. betrachten die Generierung von kulturellen Normen als eine wesentliche Funktion der Universität [Nowotny et al.. Wissenschaft neu denken. Wissen und Öffentlichkeit in einem Zeitalter der Ungewißheit. 2004. S. 121]. Vor dem Hintergrund des Leitbildes einer nachhaltigen Entwicklung ist zu fragen, welche Normen als zukunftsfähig angesehen werden können. Zweitens haben Hochschulen eine Vorbildfunktion in der Gesellschaft. Sie können aufzeigen, dass es möglich ist, eine Institution so zu gestalten, dass sie Beiträge zu einer (global) nachhaltigen Entwicklung leistet. Dabei werden Lösungsmöglichkeiten entwickelt, die von anderen Akteuren aufgegriffen und auch – gemeinsam – weiterentwickelt werden können. Insofern als Hochschulen Orte mit eigenen Alltagspraxen sind, können sie auch als ein spezifischer Lebens- und Erfahrungsraum verstanden werden, in dem Nachhaltigkeit für die Angehörigen der „Lebenswelt Hochschule“ sicht- und erlebbar gemacht werden kann. Damit Hochschulen eine Vorreiterrolle auf dem Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung einnehmen können, ist es erforderlich, dass sie einen umfassenden Veränderungsprozess eingehen, bei dem gemeinsam über eine notwendige Neuorientierung der Hochschule nachgedacht wird, nachhaltige Entwicklung als Orientierungsrahmen für alle Hochschulangehörigen verstanden und im Leitbild der Hochschule verankert wird.

Sowohl die Multiplikator- als auch die Vorbildfunktion der Universität sind nicht so zu verstehen, dass die Hochschule aufgrund einer objektiveren oder besseren Einsicht in der Lage wäre, allein den Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung vorzuzeichnen. Vielmehr geht es um eine „lernende Hochschule“ (Gruppe 2004. Hochschule neu denken. 2004. S. 26), die sich aktiv an einem gesamtgesellschaftlichen Such-, Verständigungs- und Gestaltungsprozess beteiligt und sich dabei selbst weiterentwickelt. Aber auch Forschung und Lehre verändern sich mit dem Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung.

In der Forschung wie in der Lehre müssen Hochschulen spezialisierte Fachkompetenz und problemorientierte, systemische und integrierte Bearbeitungs- und Betrachtungsweisen miteinander verbinden. Hierfür bedarf es neuer fächerübergreifender Forschungs- und Lehrstrukturen. Die Auseinandersetzung mit dem Konzept einer nachhaltigen Entwicklung in Forschung und Lehre „erfordert angesichts der bestehenden Komplexität […] Interdisziplinarität und im Blick auf die am Prozess beteiligten gesellschaftlichen Akteure Transdisziplinarität“ (Günter Altner. Jahrbuch der Ökologie 2005. 2004. S. 88). Hochschulen stehen vor der Aufgabe, inter- und transdisziplinäre Arbeitsweisen zu entwickeln, ohne dabei ihre disziplinären Strukturen, die weiterhin eine wichtige Grundlage der wissenschaftlichen Ausbildung und Forschung darstellen, vollständig aufzulösen. Bezüglich der Inhalte der Lehre und Forschung stellt Armin Grunwald 2005 fest, dass sich Hochschulen mit unterschiedlichen Grundkonzepten zur Nachhaltigkeit auseinander setzen müssen, da eine nachhaltige Entwicklung ethische Entscheidungen impliziert. Für die skizzierte Neuorientierung der Hochschule im Horizont der Nachhaltigkeit müssen wir zuallererst bereit sein, die Institution „Hochschule neu zu denken“ [Gruppe 2004].

Ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt an der Universität Lüneburg versucht, diesen Anspruch in die Praxis umzusetzen und übertragbare Konzepte zu entwickeln.

© Katina Kuhn/Marco Rieckmann, 2006

Der Artikel stammt aus der Veröffentlichung: Katina Kuhn/Marco Rieckmann (Hg.), Wi(e)der die Armut? Positionen zu den Millenniumszielen der Vereinten Nationen, Bd. 9. der Reihe „Innovation in den Hochschulen: Nachhaltige Entwicklung“. Frankfurt/Main: VAS Verlag für Akademische Schriften, 2006. S. 16-18.

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