02.02.2007 | Hochschule
Wie ein Student programmiert wird
Der überwiegende Teil der Reformen, denen die Protestwellen meiner Studienzeit galten, wurden durchgesetzt. Der Alltag der heutigen Studierenden ist durchorganisiert wie der Terminkalender eines Topmanagers.
Von Lotte Arndt, Berlin
Berlin, Freie Universität, wenige Monate vor der Jahrtausendwende. Es ist bereits Ende Oktober, doch ein beträchtlicher Teil der Sozialwissenschafts-Studierenden kehrt nach einem über den Semesterbeginn hinausgestreckten Sommerprogramm erst mit Verspätung an die Uni zurück. Als Studienanfängerin im ersten Semester Politikwissenschaft stehe ich etwas orientierungslos mit dem Vorlesungsverzeichnis vor dem Institut. Doch es dauert nicht lange, bis zwei ältere Semester, ausgestattet mit T-shirts auf denen „Hört auf zu studieren: Fangt an zu denken“ zu lesen steht, mich darüber aufklären, dass es wenig Sinn machen würde, mehr als drei Veranstaltungen zu besuchen. Und sie raten mir auch gleich, welche sich besonders lohnen: Einführung in die politische Ökonomie, Gesellschaftliche Utopien im historischen Vergleich und Marginalisierung in städtischen Räumen. Kurzerhand nehmen sie mich mit zum Treffen ihrer Hochschulgruppe im hinter dem Institut gelegenen, selbstverwalteten Roten Cafe. Von der doppelten Bedeutung des „Frei“ im Namen der Freien Universität erfahre ich dort: Einerseits im liberalen Sinn ihrer demokratischen und antikommunistischen Gründer, die die Frontstadt Berlin mit einer prowestlichen Denkfabrik ausgestattet sehen wollten, nachdem die Humboldt-Universität durch die Zuspitzung der Blockkonfrontation dem Ostteil der Stadt zugehörte. Andererseits ein an die ausgeprägte Berliner 68-Bewegung anknüpfendes Verständnis des Adjektivs: Die Freie Universität sollte ein Hort der kritischen Wissenschaft sein, sich der engagierten Diskussion gesellschaftlicher und zeithistorischer Fragen widmen, Autoritäten, Herrschaft und ökonomische Zwänge kritisieren und Wissenschaft jenseits des Elfenbeinturms im Dienst von Aufklärung und einer erstrebten emanzipierten, vielleicht sozialistischen Gesellschaft betreiben. Und eben jene Ausrichtung, belehrte man mich erregt, sei auf dem besten Weg zunichte gemacht zu werden.
Die viertelparitätische Gremienbesetzung, die die Dominanz der Professoren bei allen universitären Entscheidungen brach, gab es schon nicht mehr. Nun sollte auch die multidisziplinäre Ausrichtung des politikwissenschaftlichen Diploms abgeschafft werden, mittels derer einst versucht worden war, die bornierten Grenzen einer reinen Ausbildung für die Verwaltungslaufbahn zu durchbrechen. Knackige, auf die Kernfächer reduzierte Drei-Jahresstudiengänge sollten an die Stelle treten. Von der nach dem Sputnik-Schock einsetzenden breiten Öffnung der Hochschulen sollte sich qua Numerus Clausus und Studiengebühren verabschiedet werden. Und weil dem christdemokratischen RCDS und den Jungen Liberalen, die dieses Programm begrüßten, dringend Paroli geboten werden musste, dauerte es nur wenige Wochen, bis ich beschloss auf einem linken Listenplatz für das Studierendenparlament zu kandidieren.
Studium bedeutete für die noch zu den alten Studienordnungen gehörenden Geistes- und SozialwissenschaftlerInnen wie mich, eine von wenigen Pflichten beschränkte, weitgehend selbststrukturierte Zeit der Auseinandersetzung mit Themen, die mal aus dem Angebot der Hochschule stammten, häufig aber in außeruniversitären Arbeitsgruppen aufkamen und diskutiert wurden. Viele der fruchtbarsten Diskussionen führten wir in Lesegruppen, die an die eineinhalb Stunden Seminar unter der Neonröhre nicht gebunden, sondern nach gusto, mit und ohne Rotwein, ausdehnbar waren. Ein Hochschulstudium im gesellschaftswissenschaftlichen Bereich hatte über weite Strecken Angebotscharakter: Man konnte seine Offerten anregend finden oder nicht, sie wahrnehmen oder ihnen fernbleiben. Es ermöglichte zumindest theoretisch ein über den Tunnelblick der Partikularwissenschaften mit ihren methodischen Eigenheiten hinausgehendes, an einem universalistischeren Bildungsverständnis orientiertes Studium. Freilich ragten in diesen Freiraum allerorts die sich verschärfenden gesellschaftlichen Konkurrenzbedingungen herein und drängten in indirekter Weise zu Verkürzung des Studiums und der Ausbildung möglichst vieler skills, die sich auf dem heiß umkämpften Arbeitsmarkt Gewinn bringend einsetzen ließen. Freilich setzten die durch BAFöG definierten Förderzeiträume der Freiheit Grenzen. Freilich betraf das abnehmende Lehrangebot, das die drastischen Sparmaßnahmen an den Unis hinterließen, auch uns, freilich mussten wir lernen, die Professoren außerhalb der Lehrveranstaltungen nach langen Wartezeiten im Glücksfall fünf Minuten in einer Sprechstunde zu Gesicht zu bekommen und unsere Arbeiten weitgehend selbst zu betreuen, da der Mittelbau in raschem Tempo nahezu vollständig abgeschafft wurde.
Die Bedingungen verschlechterten sich zusehends: Die Größe der Seminare wuchs, der Bücherneuanschaffungen in den Bibliotheken nahmen Jahr für Jahr ab, an Drittmitteleinwerbung gebundene Lehrstühle behandelten die bestehenden Lehrverpflichtungen wie ein lästige Pflicht, der sie wenig Vorbereitungszeit und Mühe widmeten und ein an pragmatischen Lösungen orientiertes Wissenschaftsverständnis, das die verwaltungswissenschaftlichen und politikberatenden Seiten der Disziplin verstärkt hervorhob, löste die dreißig Jahre lang währende Zwischenphase ab, in der der Staat seine eigenen Kritiker als Lehrpersonal unterhalten hatte. Jedoch bestand zumindest die Möglichkeit, die Uni soweit wie möglich zu meiden und die eigenen Interessen in selbstorganisierten Seminaren (die vor gar nicht so langer Zeit sogar noch vergütet gewesen sein sollen…), Diskussions- und Lesegruppen zu verfolgen und selbst zu entscheiden, ob man den Abstecher ins kulturwissenschaftliche „Herrschaftsarchitektur in der neuen Hauptstadt“ den Details des „Gesetzgebungsverfahrens im Mehrebenensystem“ vorzieht, auch wenn es „institutsfremd“ zugeordnet wird. Die nun zum Dinosaurierzeitalter gehörenden Studienordnungen ließen uns aber den Raum dazu.
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Themendossier 07/09