06.06.2008 | Interkulturalität

Der multikulturelle Schrebergarten Deutschland

Von Moslems, Michels und ihren Mauern

Von Maraike Wenzel, Köln

Fanatismus, Attentate, Unterdrückung, das sind gängige Attribute, die viele Menschen dem Islam zuschreiben. Laut der Allensbach-Studie (2005) verbinden knapp 80 Prozent der Deutschen mit dem Islam Fanatismus und gar 91 Prozent sagen aus, sie denken beim Stichwort Islam an die Benachteiligung von Frauen. Ungefähr drei Viertel der befragten Personen ließen erkennen, dass ihrer Meinung nach die islamische Kultur nicht oder zumindest eher nicht in unsere „westliche Kultur“ passe. Nur sechs Prozent der Befragten bekunden Sympathien für den Islam.

Aber wer sind diese Muslime? Kann man überhaupt von DEN Muslimen sprechen? Bestimmt nicht, denn Muslime in Deutschland sind keine homogene Masse.
In unserem Land leben etwas mehr als drei Millionen Muslime, die aus 40 verschiedenen Nationen stammen. Dabei unterscheiden sie sich nach religiöser Grundrichtung (u.a. Sunniten, Schiiten, Alleviten) und nach Religiosität. Der Islam ist hier stark türkisch geprägt. Rund zwei Millionen Muslime sind Türken. Viele dieser Muslime bezeichnen sich als Kuturmuslime, also von Geburt aus Muslime, aber ihre Religion kaum oder gar nicht praktizierend. Sie alle als DIE Muslime zu bezeichnet, wird der Komplexität nicht gerecht.

Immer wieder steht das interkulturelle Zusammenleben auf dem Prüfstand. Die Debatten rund um die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund nehmen immer wieder den Islam ins Blickfeld. Denn der Islam macht die Andersartigkeit der Migranten klar. Sie sprechen nicht nur eine andere Sprache. Sie haben einen anderen Glauben, andere Riten. Um die katholischen Italiener in Deutschland wird nicht so viel Aufhebens gemacht, dabei sind sie nachweislich eine der am schlechtesten integrierten Migrantengruppen.

Der Islam stellt neben den beiden christlichen Kirchen inzwischen die drittgrößte Religionsgemeinschaft in der Bundesrepublik dar. Dabei haben die Muslime keine vergleichbare Organisationsform wie die Kirchen. Der Islam kennt weder Papst, Konzilien noch Synoden als Sprecher oder Vertreter der Muslime. Es gibt zahlreiche Vereine, in denen Muslime organisiert sind aber keine anerkannten Ansprechpartner, die alle die in Deutschland lebenden Muslime vertreten könnte. Das macht die Integrationsdebatte so komplex.

Es existiert eine breite Vielfalt muslimischen Lebens in Deutschland, die verschiedene Interpretationen des Islams ebenso kennzeichnet wie verschiedene Identitäten, Lebensstile und Haltungen zu gesellschaftlichen Fragen. Auch die Politik kommt um das Thema nicht mehr herum. In Anbetracht der Tatsache, dass jedes zehnte hier geborene Kind von einer muslimischen Mutter abstammt, auch sehr nahe liegend. Das Widerstreben den Islam als einen selbstverständlichen Bestandteil, ja eine tägliche Realität in Deutschland zu akzeptieren, liegt genau darin begründet, dass trotz Selbstverständlichkeit im Umgang mit unseren muslimischen Mitbürgern, immer noch ein großes Unwissen und Vorurteile besteht. Die Eingangs erwähnten Zahlen manifestieren das. Dabei darf man nichts schön reden, ja es gibt integrationsunwillige Muslime, Menschen, die nach Jahrzehnten hier immer noch kein Deutsch können, die sich abkapseln, in Parallelwelten leben. Aber liegt das darin begründet, dass sie Muslime sind?

Das Dossier

Im ersten Teil unseres Dossiers gehen wir der Frage nach: Wer sind sie die Muslime, diese unbekannten Wesen? Cultura21 sprach mit Ali und Rami, zwei jungen Männern, die als Kinder von Moslems in Deutschland aufgewachsen sind. Weiter geht es mit Mina Ahadi. Die Vorsitzende des Rates der Ex-Muslime hat sich das Recht hart erkämpft, an keinen Gott glauben zu dürfen. „Denn Religion ist nicht die Hauptidentität des Menschen“, so Ahadi.
Im Gegensatz zu Mina Ahadi spüren aber auch viele Menschen in Deutschland eine Faszination gegenüber dem Islam. Der deutsche Barino B. konvertierte zum Islam. „Der Islam weiß, was er will und was er von seinen Mitgliedern zu  verlangen hat.“ Die klaren Regeln im Islam können auch Halt geben in einer globalisierten, unspirituellen Welt.
Moscheebauten und Pläne für Großmoscheen geben immer wieder Zündstoff in der Integrationsdebatte. Pro Köln hat sich bekannt gemacht mit dem Versuch, die Öffentlichkeit gegen Moscheebauten zu mobilisieren. Regina Wilden, eine der fünf Abgeordneten von Pro Köln im Stadtrat von Köln sprach mit CULTURA21 über ihre Ängste, dass Deutschland überfremdet werden könne.

Im analytischen Teil beschreibt die Journalistin Katajun Amirpur die täglich gelebte Ignoranz vieler Deutscher. Sie bekommt immer wieder Komplimente für ihre guten Deutschkenntnisse. Dabei ist sie hier geboren und fühlt sich als Deutsche. Ihre These ist, dass die Rückbesinnung vieler Migranten auf ihre Religion, Ausdruck des Gefühls ist, hier nicht wirklich akzeptiert zu werden.
Kai Hafez, Professor für Kommunikationswissenschaften, stellt fest, dass der Islam als gelebte Religion kaum Interesse der Massenmedien findet. Das mediale Islambild sei vielmehr von einer Konzentration auf Gewalt gekennzeichnet. Und die übermäßige Berichterstattung über Gewalt und Repression im Islam beschränkt sich dabei nicht nur auf den Boulevardsektor…
Konfrontiert mit einem oft negativ gefärbten Islambild, liegt es an muslimischen Kindern sich und ihre Religion immer wieder zu rechtfertigen. Sie müssen die in der Schule erlernten Sprache und die Traditionen des Elternhauses einerseits und die Werte sowohl der nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft als auch der muslimischen Gemeinschaft andererseits, verstehen und weitergeben können.
Eine angeheizte Diskussion zum Thema Moschee findet seit Jahren in Köln statt. Der Bau einer Zentralmoschee bietet ausreichend Zündstoff. Warum es eine Zentralmoschee bedarf und was aus dem kulturellen und religiösen Leben in den kleineren Gebetsstätten wird, diesen Fragen ist CULTURA21 auf den Grund gegangen.
Importbräute, Jungfräulichkeit, Ehrenmorde sind Schlaglichter in der Diskussion, wenn es um Islam und Geschlechterrollen geht. Sex, Lust, Begierde, das passt nicht in unser Islambild. Denn denkt man an das Thema, wird’s einem nicht besonders erotisch ums Herz. CULTURA21 hat sich die gängigen Klischees mal angeschaut.

In unserem perspektivischen Teil zeigt Davide Brocchi wie internalisiert viele Klischees sind. Denn „die Muslime“ werden in der westlichen Öffentlichkeit meistens als uniforme Masse thematisiert und auf wenige äußere Merkmale reduziert. Welche Konsequenzen kann ein solches undifferenziertes Islambild des Westens nach sich ziehen?
Wie mit Fehleinschätzungen umgangen werden kann, schreibt Carola Richter. Sie fordert ein strukturelles Umdenken in deutschen Medieninstitutionen. Denn bisher haben gerade einmal drei Prozent aller Medienschaffenden in Deutschland Migrationshintergrund, sie stellen aber fast ein Fünftel der Bevölkerung.
Der Anschlag auf die dänische Botschaft in Pakistan zeigt, wie wenig Verständnis dem dänischen Humor entgegengebracht wird. Karikaturen sind Zündstoff und Anlass für brennende Flaggen, aufgebrachte Demonstrationen und Attentate. Sind Humor und Religion also nicht vereinbar? Nein, meint Thomas Schmeckpeper.
Eine Liste von  Bomben-Differenzen hat Nasrin Amirsedghi zusammengestellt. Denn der Karikaturenstreit ist eigentlich nichts Neues. Wer erinnert sich noch an 1987? Als Rudi Carell sich öffentlich zu entschuldigt, weil er in einer Sendung in einem sechs Sekunden dauernden, im Gegenschnitt montierten Spot Ayatollah Khomeini in Damenunterwäsche hatte wühlen lassen. Damals wurden deutsche Diplomaten aus dem Iran ausgewiesen und Rudi Carell stand einige Jahre unter Polizeischutz.

Mit diesem Dossier hoffen wir, das Thema Islam in Deutschland auf vielseitige Weise gerecht zu werden: Denn der multikulturelle Schrebergarten Deutschland ist unsere tägliche Realität. Schrebergarten sind aber auch umzäunte Parzellen. Jeder sitzt für sich in seiner eigenen heilen Welt. Wir bei Schnitzel, die bei Ayran und Döner. Zeit mal über den Zaum zu schauen!
Wir wollen wir nichts schön reden. Selbst in der Redaktion bot das Thema viel Diskussionsstoff. Wie geht man mit Organisationen wie Pro Köln um, geben wir ihnen Raum, ihre Ideen zu verbreiten? Sind wir vielleicht zu stark auf Kuschelkurs, wenn’s um den Islam geht?
Diese Diskussionen in der Redaktion zeigten, wie wichtig die Debatte ist und wie verbreitet positive und negative „Vorurteile“ sind. Zum Abbau dieser Vorurteile und zu einem offenen interkulturellen Dialog will dieses Dossier beigetragen.

Wir wünschen viel Spaß beim Lesen!

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