02.04.2008 | Islamischer Extremismus

Bomben-Differenz (© knipseline - Pixelio)

Bomben-Differenz

Welchen Frieden fördern die islamischen Extremisten mit ihren Aktionen? Einige Beispiele...

Foto: © knipseline / PIXELIO

Von Nasrin Amirsedghi, Mainz

Freitag, der 22. Februar 2008 [1], Deutschland, Berlin-Moabit: In der Galerie des Nord-Kunstvereins Tiergarten wird die Ausstellung „ZOG“ (Zionist Occupied Government/Zionistisch besetzte Regierung) der dänischen Künstlergruppe „Surrend“ eröffnet. Wie der Name der Ausstellung sagt, beschäftigt sich das Künstlerpaar Jan Egesborg und Pia Bertelsen kritisch mit einer Weltpolitik, die von totalitären Figuren wie Wladimir Putin, Mahmud Ahmadinedjad oder ähnlichen regiert wird. Dort sind 22 satirische Poster zu sehen. „ZOG – Surrend“ ist das dritte Projekt dieser Künstler in der Bundesrepublik. Auf den Plakatserien sind eine ganze Menge Dummen zu sehen. So zeigt ein Plakat ein Foto der Kaaba in Mekka mit der Überschrift „Dummer Stein“, und in den Sprechblasen der Pilger wabern antisemitische Dummheiten. Ein anderes zeigt das Foto eines orthodoxen Juden mit der Überschrift „Dummer Hut“. Nach wenigen Tagen sollte die Ausstellung geschlossen werden, weil ein paar junge muslimische Migranten für Aufruhr gesorgt und das sofortige Abhängen des Plakates „Dummer Stein“ gefordert hatten. Sie drohten: „Sonst fliegen Steine!“
Nach einer Woche wurde die Ausstellung – dank dem Widerstand der Galeristen – ausdrücklich mit dem „Dummen Stein“, aber unter Polizeischutz und unter Beteiligung eines Privat-Security-Unternehmens, wiedereröffnet. Was die muslimischen Allzeit-Gewaltbereiten übersehen haben ist, dass die Serie sich gegen Radikalismus in jeder Form richtet. Die Ausstellung kritisiert radikale Gruppierungen in Politik und Religion, die die Kernidee des „ZOG“ verkörpern: Die düsteren Flecken auf der Welt schonungslos und ohne Ausnahme zu zeigen, Flecken, die die Politiker der Abendländer wegen chronischer Blindheit nicht sehen können.

Wie die Schlagzeilen nahe legen, war der Fall in Berlin nicht der erste und dürfte auch nicht der letzte gewesen sein. Wir – die säkularen Gesellschaften – befinden uns seit geraumer Zeit in einer prekären Situation mit fatalen Folgen. Weil das Recht auf unsere Meinungsfreiheit die islamischen Fundamentalisten schwer kränkt, greifen sie zum Zweck der ewigen Heilung zur ewigen Gewalt und zwingen den Europäer zur geistigen Selbstkastration.

Eine ausgewählte Chronologie von Schlagzeilen aus der Vergangenheit zeigt das Ausmaß einer solchen Kriegserklärung:

September 1984, Deutschland, Berlin: Die deutsch-türkische Autorin und Anwältin Seyran Ate? überlebt ein Attentat mit sehr schweren Verletzungen, weil sie die Rechte der türkischen Frauen gegen islamische Männergewalt verteidigt. Seyran Ate? musste danach ihre Anwaltskanzlei schließen.

Februar 1987 [3], Deutschland: Rudi Carell wird genötigt, sich öffentlich zu entschuldigen, weil er in einer Sendung in einem sechs Sekunden dauernden, im Gegenschnitt montierten Spot Ayatollah Khomeini in Damenunterwäsche hatte wühlen lassen. Deutsche Diplomaten wurden aus dem Iran ausgewiesen und das dortige Goethe-Institut geschlossen. Mehrere Flüge nach Teheran wurden abgesagt. Rudi Carell stand einige Jahre unter Polizeischutz.

Februar 1989 [4], Großbritannien: Nach Veröffentlichung des Romans „Satanische Verse“ werden zwei Millionen Euro (umgerechnet) Kopfgeld auf den britisch-indischen Schriftsteller Salman Rushdie ausgeschrieben. Sein Roman geriet damit bei Moslems unter Blasphemieverdacht. Salman Rushdie wurde als Abtrünniger durch eine Fatwa (religiöses Rechtsgutachten) Khomeinis in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Die Fatwa gilt bis heute [5]. In Folge dieser Fatwa ist der Autor auf der ewigen Suche nach einem sicheren Zufluchtsort.

Juli 1991 [6], Japan: Der japanische Übersetzer des Romans „Satanische Verse“, Hitoshi Igarashi, wird von islamischen Fundamentalisten ermordet.

Mai 1991 [7], Italien: Der italienische Übersetzer des Romans „Satanische Verse“, Ettore Capriolo, überlebt schwer verletzt nach einem Mordanschlag islamischer Fundamentalisten.

Oktober 1993 [8], Norwegen: Der norwegische Verleger William Nygaard, der die Übersetzung des Romans „Satanische Verse“ veröffentlicht, entkommt nur knapp einem Mordversuch durch islamische Fundamentalisten.

Juli 1993 [9], Türkei: Radikale Muslime setzen bei einem Protest gegen den türkischen Autor Aziz Nesin, der der Roman „Satanische Verse“ übersetzt und veröffentlicht hat, ein Hotel in Brand, in dem 40 Menschen verbrennen.

Seit 1995 [10] schreibt der französisch-indische Autor Ibn Warraq aus Angst vor einer Fatwa unter Pseudonym.

September 2002 [11], Amsterdam: Wegen ihrer kritischen Haltung gegenüber fehlenden Frauenrechten im Islam erhält die niederländische Politikerin und Frauenrechtlerin somalischer Herkunft Ayaan Hirsi Ali Morddrohungen aus islamistischen Kreisen. Seitdem steht sie unter strengem Polizeischutz und muß immer wieder ihren Zufluchtsort wechseln.

November 2004 [12], Amsterdam: Der holländische Filmregisseur Theo van Gogh wird auf offener Straße von einem muslimischen Einwanderer bestialisch geschlachtet und ermordet. Grund für seine brutale Hinrichtung war, dass er zusammen mit Ayaan Hirsi Ali den Kurzfilm „Submission“ produziert und im Fernsehen gezeigt hat, in dem u.a. die patriarchalische Behandlung von Frauen im Islam thematisiert wurde.

September 2005 [13], Deutschland: Wegen seiner scharfen Kritik am Islam wird der Orientalist und Autor Hans-Peter Raddatz von Islamisten bedroht. Seitdem lebt er unter Polizeischutz.

September 2006 [14], Deutschland: Papst Benedikt XVI. war Auslöser für Demonstrationen in der islamischen Welt; von der Türkei bis Pakistan, Ägypten, Gaza bis Somalia riefen „Jagd auf den Papst“. In einer Vorlesung in der Regensburger Universität zitierte er einen byzantinischen Kaiser aus dem 14. Jahrhundert mit den Worten, Mohammed habe nur „Schlechtes und Inhumanes“ gebracht, weil er den Glauben mit dem Schwert verbreiten lassen wollte.

Februar 2006 [15], Dänemark: Der Abdruck von zwölf Zeichnungen unter dem Titel Mohammeds Karikaturen [16] in der dänischen Tageszeitung „Jyllannds-Posten“ löst gewaltige Auseinandersetzungen in den islamischen wie europäischen Ländern aus, die mehr als 140 Menschenleben kosten.

Februar 2007 [17], Mexiko: Der marokkanische Künstler Fouad Bellamine wird auf dem 9. Internationalen Festival in der mexikanischen Industriestadt Puebla genötigt, seine Fotoserie „Der Ursprung der Welt“ zurückzuziehen. Der iranische Botschafter in Mexiko, Mohammed Hassan Ghadiri Abyaneh, droht mit einer „diplomatischen Krise“ zwischen den beiden Staaten, sollte das Kunstwerk weiterhin ausgestellt werden.

Mai 2007 [18], Köln: Weil der Schriftsteller Ralph Giordano sich gegen den Bau einer Zentralmoschee in Köln ausspricht, drohen radikale Muslime telefonisch, ihn umzubringen.

Dienstag, der 4. März 2008, Deutschland, Berlin-Moabit ist der Tag der Wiedereröffnung der Ausstellung „ZOG-Surrend“! Diesmal bin ich äußerst stolz auf Widerstand und Solidarität unter den Künstlerkollegen sowie von Seiten des Bezirksamtes Berlin, die sich nicht von Drohungen einschüchtern ließen. Für mich eine klare Botschaft: Wir leben in einer säkularen Gesellschaft, in der die Verteidigung der Freiheit von Kunst und Kultur oberstes Gebot sein soll. Das will wohl geübt sein! Ich hoffe auf noch mehr mutige Menschen in der Zukunft! Denn die bedrohten Kultur- und Kunstschaffenden sind eine viel größere Gemeinschaft, als die Öffentlichkeit das bisher wahrnahm. Sie alle brauchen unsere uneingeschränkte Solidarität und Unterstützung.

Die Autorin

Nasrin Amirsedghi, geb. 1957 in Teheran (Iran), lebt in Mainz (Deutschland). Studium der Romanistik, Philosophie, Orientalistik, Literatur-, Filmwissenschaft und Pädagogik in Teheran, Bologna, Pavia und Mainz. Seit 1981 im Exil und seit 1983 in Deutschland.

Tätigkeiten: Mitorganisatorin des internationalen Amateur-Filmfestivals bei Cinema-ye-Azad in Teheran (FREE CINEMA; MEMBER OF INTERNATIONAL FEDERATION OF CINEMA SUPER 8). Seit 1993 Durchführung (inter-) nationaler interkultureller Projekte. Seit 1996 Vorsitzende des Vereins “Deutschland von Innen und Außen (DIA) – Verein für Kultur und Migration e.V.”

Veröffentlichungen: zahlreiche Artikel zur interkulturellen Diskussion und Mitherausgeberin des Buches “Literatur der Migration”, Donata Kinzelbach, Mainz 1997 sowie Herausgebe der Büchern: „Türme Babylons – Hommage an eine Reise, mehrsprachiger Kunstkatalog“, Romiosini Verlag, Köln 2004; „Türme Babylons – Sehnsucht nach bewohnbarer Sprache, mehrsprachige Anthologie“, Romiosini Verlag, Köln 2. Auflage 2005; „Die sieben Dimensionen – Ästhetische Bildung als Mittel zur Integration“, DIA/VERLAG, Mainz 2007 und “Exilliteratur der Gegenwart im internationalen Kontext” (in Bearbeitung).

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