27.07.2007 | Einführung zum Dossier

Kunst Macht Frei

Der Kunst als Funktion der gesellschaftlichen Ordnung steht Cultura21 sehr kritisch gegenüber. Ist diese Kunst aber die einzige? Nein, es gibt auch eine andere Kunst, eine Kunst, die bewegen möchte. Vor allem mit dieser Kunst beschäftigen wir uns in diesem Dossier.

Von Davide Brocchi, Köln

Eine „wertvolle Zeitverschwendung“ nannte sie einmal der amerikanische Konzept- und Medienkünstler Les Levine. Für die österreichische Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach entstand sie „aus dem Verlangen nach dem Überflüssigen.“ Der französische Maler Marcel Duchamp machte kurzen Prozess damit: Kunst sei nichts anderes als Täuschung. Welchen Nutzen hat Kunst also? Was leistet Kunst?
Es ist sehr schwer, Bürgern zu vermitteln, warum eine Regierung Steuergelder für Kunst ausgibt, während es den Menschen an soviel mangelt: Arbeit, Bildung, eine gesicherte Existenz. In Zeiten des Klimawandels oder der harten sozialen Auseinandersetzungen glauben weder Umweltorganisationen noch Gewerkschaften daran, dass gerade die Kunst „die Welt retten kann.“ 

Und trotzdem wollen wir der Kunst ein Dossier widmen. Es gibt nämlich auch andere Wahrheiten über die Kunst – und die erste könnte so lauten: „Die Kunst ist unnütz, aber der Mensch kann auf das Unnütze offensichtlich nicht verzichten“ (Eugène Ionesco). Vor einigen Wochen titelte Der Spiegel „Am Anfang war die Kunst“ und kommentierte damit einen archäologischen Fund bei Ulm: Eine Elefantenfigur, die 35.000 Jahre alt ist. Es ist damit das älteste Kunstwerk der Menschheit. Kunst gehört also zum Wesen des Menschen. Es gibt keine Zivilisation in der Geschichte, die keine Kunst hervorgebracht hat. 

Sogar in einer wirtschaftszentrierten Kultur wie unsere verzichtet man nicht auf Kunst. Im Gegenteil: Gerade die Speerspitze der Wirtschaft, die am Meisten vom Pragmatismus und Utilitarismus geprägt ist, hat die Kunst zur einer der bedeutendsten Geldanlagen gemacht. Am 2. November 2006 schrieb die Tageszeitung Handelsblatt: „Der Kunstmarkt kennt keine Grenzen mehr. Mit den Rekordpreis von 140 Mio. Dollar ist ein Gemälde des amerikanischen Künstlers Jackson Pollock (1912-1956) zum teuersten Gemälde der Welt geworden. Damit führt Pollock die Liste vor Klimt und Picasso an.“ Wie kann man den absurden Preis dieser abstrakten Malerei pragmatisch und utilitaristisch erklären?

Zwischen den ägyptischen Pyramiden und dem Machtportrait von Jörg Immendorf, die Gerhard Schröder im Bundeskanzleramt verewigt hat, gibt es eine Kontinuität. Die Kunst ist seit Jahrtausenden ein Bestandteil der gesellschaftlichen Ordnung. Warum? Weil sie das Wesen des Menschen besser als jedes andere Erzeugnis symbolisiert. Keine Kunst ist wie die andere und gerade deshalb ist sie Inbegriff der Einzigartigkeit des Individuums, die über das Kunstwerk hinaus verewigt wird. Die Kunst ist ein ideales Statussymbol für die Mächtigen, anhand derer sie sich von der undifferenzierten Masse der Sterblichen abheben und abgrenzen können. Um diesen symbolischen Wert zu erlangen ist selbst das Geld inzwischen zu verbreitet. Diese soziokulturelle Funktion der Kunst spiegelt sich auch in dem Respekt wider, den sozialbenachteiligte Schichten vor Kunsträumen haben: Sie betreten die Tür nicht, selbst wenn sie offen ist. Es ist der gleiche Respekt, den Arme vor jener Macht haben, die sie zu einem unterordneten Dasein zwingt. 

In der Abgrenzung der Elite gegenüber der Masse ist die kulturbedingte Trennung zwischen Bürgertum und Natur, Moderne und Tradition oder Künstlichem und Erde enthalten. Durch die Kunst hat sich der Mensch von der Natur so entfernt, dass er heute meistens nur in „künstlichen“ Räumen lebt. Vor diesem Hintergrund erscheint die Verbindung von Kunst mit Themen wie sozialer Gerechtigkeit oder Ökologie nicht einfach. 

Der Kunst als Funktion der gesellschaftlichen Ordnung steht Cultura21 sehr kritisch gegenüber. Ist diese Kunst aber die einzige? Nein, es gibt auch eine andere Kunst, eine Kunst, die bewegen möchte. Vor allem mit dieser Kunst beschäftigen wir uns in diesem Dossier.

Während viele Deutsche ihrer Berufung den Beruf (die sozialen Sicherheit also) vorziehen, riskieren andere die lebenslange Armut, um ein Leben als Künstler zu führen. In diesem Zusammenhang erscheint Kunst als Gegenentwurf zu den dominanten Lebensstilen. Woher kommt diese Kraft? Wie sieht das Leben eines Künstlers aus? Diese Fragen beantworten uns der Kölner Maler René Böll und dem Pariser Konzeptkünstler Jochen Gerz.

Dieselben Künstler, die an der Grenze der gesellschaftlichen Ordnung leben, ziehen die Aufmerksamkeit von selbstentfremdeten Menschen an, die in der durchrationalisierten Gesellschaft nichts anderes tun, als zu funktionieren. Als besonders individualistischer Prozess würde die Kunst diese Menschen nie erreichen, wenn es keine Kunstvermittler gäbe. Sie üben einen gewissen Einfluss in der gesellschaftlichen Wahrnehmung von Kunst aus, obwohl der Frankfurter Gallerist Ernst Hübner seine Aktivität als ziemlich unspektakulär darstellt. Während Kunstgalerien meistens von kunstinteressierten Menschen besucht werden, steht die Kunstlehrerin Ulrike Baade jeden Tag von einer besonderen schwierigen Herausforderung: Ihren Hauptschülern muss sie vermitteln, warum Kunst für die persönliche Entfaltung so wichtig ist. Gerade diese Hauptschule ist keine besonders leichte: Sie heißt nämlich Rütli Schule.

Der überzogene Respekt vor dem dominanten Kunstbetrieb bei den einen kann bei den anderen in einer besonderen harten Kritik überschlagen: Die Journalistin Maraike Wenzel hält von dieser Kunst nämlich… nichts!  

Kann die Kunst die Welt retten? Für Jan Hoet, den künstlerischen Leiter der Documenta IX (1992), erfüllt die Kunst sehr wichtige gesellschaftliche Funktionen, und zwar auch nach dem Ende des Kalten Kriegs.
Manchmal erscheint die Frage sinnvoller, ob man nicht zuallererst die Kunst retten sollte. Für Jens Schäfer ist der Kunstmarkt verrückt geworden: Eine künstlich erzeugte Blase, ein bloßer Hype entscheidet nun, welcher Künstler gesellschaftliche Anerkennung bekommt und wer dabei zurückgelassen wird.
Kunst kann erst dann eine kulturelle Dynamik entfalten, wenn sie sich selbst befreit. Nur dann könne Kunst ihr Potenzial für eine „nachhaltige Entwicklung“ der Gesellschaft entfalten, so der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Andrè Reichel. Dieses Potential sieht er in der Tatsache, dass Kunst „den Menschen“ (oder sein Bewusstsein) auf einer emotionalen Ebene ansprechen kann. Sie hat die Fähigkeit emotionale Zustände zu politisieren – und die evolutorische Anpassung des sozialen System der emotionalen Umwelt zu fördern. Eine nachhaltige Gesellschaft ist vor allem eine menschlichere Gesellschaft.
Unsere Gesellschaft sollte sich auch seiner multikulturellen Umwelt öffnen. Tina Jerman, Leiterin der Essener Initiative Exile Kulturkoordination e.V., beschreibt wie die Künste Brücken zwischen den Kulturen schlagen können und belegt dies anhand zweier Beispiele.
In einem visionären Aufsatz fordert der niederländische Soziologe Hans Dieleman die Wissenschaften zu einer strukturellen Kooperation mit den Künsten. Warum? Eine Antwort gibt die italienische Soziologin Ilaria Riccioni: „Creativity, therefore can be defined as the capacity of reading through reality beyond its empirical data, and the artist, with the use of metaphor can be considered as a self-exiled, who keeps in touch with an over – reality, thus creating a universal world from little and common events. This capacity of creating is, in a certain way, the merging of the elaborated experience and the use of imaginary processes, and can be considered the only possibility for a society to produce innovation.”
Die Kunst steht nicht nur in Verbindung mit der Kreativität, sondern auch mit dem Wahnsinn. Willi Kemper, kennt die Ambivalenz des künstlerischen Daseins sehr gut: Er leitete 15 Jahre lang das Künstlerhaus einer psychiatrischen Anstalt.

Im dritten Teil des Dossiers beschäftigen wir uns mit den neuen Perspektiven. Sacha Kagan, Aktivist von Cultura21 und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Lüneburger Universität, erklärt, warum die Kunst einen neuen Autonomiebegriff braucht, um (sich) bewegen zu können.
Was ist eine Kunst, die bewegen kann? Wir liefern verschiedene Beispiele. Stephanie Zeiler beschreibt ein Kunstprojekt zur Weltpolitik: „Art goes Heiligendamm“. Aviva Rahmani, ökologische Künstlerin aus New York, versucht dem Klimachaos künstlerisch entgegenzutreten. Durch ihr Off-Art-Parlament wollen circa 50 Kulturschaffende aus dem Ruhrgebiet ein regionales Bewusstsein schaffen. Ihr Motto: Kunst – aus der Region – für die Region. Die Düsseldorferin Karin Nell, Mitarbeiterin des „Zentrums für innovative Seniorenarbeit“ verrät uns,  warum Senioren über die Kunst ihr Leben neuentdecken können.

„Die Kunst hat kein Vaterland,“ schrieb der deutsche Komponist Carl Maria von Weber. In diesem Dossier wollen wir den Blick auf andere Kontinenten erweitern. Dr. Hong Chiock und Anne Engelhardt analysieren den Stellenwert der Kunst in China und wie sich dieser durch den westlichen Einfluss verändert hat. Nina Liz Petig berichtet über eine heisse Diskussion, die gerade in Südafrika stattfindet. Es geht dabei um Fragen wie „was macht einen afrikanischen Künstler aus? Wenn es Kriterien für afrikanische Kunst gibt, welche sind es, und wer legt sie fest?“
Schließlich veröffentlichen wir einen Text von Brigitte Richter-Sandvoß über die Kunst in Brasilien.

Ein Dossier über das Thema Kunst war für unsere Redaktion eine echte Herausforderung. Wir bedanken uns bei allen Autoren, die uns dabei unterstützt haben.

© Davide Brocchi, 27.07.2007

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