01.08.2007 | Kulturwissenschaften

Kultur und Nachhaltigkeit

Kultur legt den Grundstein für eine mentale Infrastruktur zur gesellschaftlichen Selbstdefinition. Kunst und Kultur sind notwendige Voraussetzung zum Verstehen der Welt.

Von Andrè Reichel, Stuttgart

Über die Bedeutung von Kultur für eine nachhaltige Entwicklung wird nicht mehr ernsthaft gestritten, ihr Einschluss in das Nachhaltigkeitskonzept kann als »common sense« betrachtet werden (Kurt & Wagner, 2002). In diesem Beitrag wird denn auch nicht die Sinnfrage gestellt, ob Kultur und Nachhaltigkeit zusammengehören, sondern vielmehr welche Rolle Kultur, kulturelle Artefakte, Akteure und Handlungen bei der Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung spielen können. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der »Gedächtnis-funktion« von Kultur (Assmann, 2002; Esposito, 2002).

Wird der Begriff »Kultur« verwendet, dann kann zum einen die sehr deutsche Auffassung der Kultur mit großem »K« gewählt werden, also die Künste, vor allem die »ernsthaften« Künste wie bildende Kunst, Theater, Ballett, Oper und Ähnliches mehr. Kurz: alles, was in Staatstheatern und -museen zu sehen und erleben ist. Der Vollständigkeit halber sei auch die Kleinkunst darunter subsumiert, denn auch hier stehen Künstler und ihr Schaffen im Vordergrund. Kultur in der anglo-amerikanischen Auffassung dagegen meint die Totalität des Sozialen, das Gefüge und den Zusammenhalt von Gesellschaft. Darunter fallen alle gesellschaftlich geltenden Werte, Normen und Verhaltensweisen, die von ihren Mitgliedern – seien dies nun Menschen oder kommunikative Artefakte (= Personen) – geteilt und gelebt werden, d.h. die sich in der gesellschaftlichen Alltagsrealität in sozialen Interaktionen ausdrücken und für diese zu einem gewissen Grad handlungsleitend sind. Auftritt Luhmann: Ihm wird gerne das Bonmot zugeschrieben, Kultur sei einer der schlimmsten Begriffe, die je geprägt wurden (Luhmann, 1995). Wenn Gesellschaft zum einen aus Kommunikation besteht und zum anderen Gesellschaft keinen »zentralen Ort« beinhaltet, kein Konvergenzzentrum, auf welches alles zuläuft, dann macht es (durchaus im Luhmannschen Verständnis) keinen Sinn von Kultur in der letztgenannten Auffassung zu sprechen. Das bedeutet aber nicht, dass sich nichts zur Kultur in der Theorie sozialer Systeme findet, weit gefehlt. Gerade in seinem Spätwerk und der davon inspirierten Schrift von Elena Esposito (2002) findet sich unter dem Verweis auf ein soziales Gedächtnis eine zentrale Funktion für Kultur in der modernen und damit funktional ausdifferenzierten Gesellschaft. Für den weiteren Verlauf dieses Beitrag kann Kultur durchaus als etwas durch Kunst (verstanden als Kunstsystem der Gesellschaft) Geschaffenes, immer wieder und auch neu Erzeugtes verstanden werden, und zwar – hier wird eine allzu strenge Orientierung an die Theorie sozialer Systeme aufgeben – sowohl als Kommunikation als auch als physisches Artefakt. Diese Artefakte – Texte, Körper, Flächen, auch Musik und Tanz (als Figur und Form) – werden vom Kunstsystem mit Bedeutung versehen, erst damit kann über sie als Kunst kommuniziert werden. Warum kann dies dann auch als Kultur betrachtet werden? Weil zunächst noch ein weiterer Faktor hinzukommt, nämlich der des Beobachters außerhalb des Kunstsystems. Mit Kunst wird für solch einen Beobachter die Möglichkeit erzeugt, die eigene Realität von einer anderen Warte, einer fremden und vielleicht auch »unmöglichen« Realität aus wahrzunehmen. In dieser Interaktion zwischen Beobachter und Kunst wird ein Element der (Selbst-)Reflexivität in die Gesellschaft gebracht und dies ist die ureigene Funktion von Kunst. Kultur wird nun daraus, weil erst damit eine Verständigung über Werte und Weltanschauungen, über Interpretationen der Welt möglich und der Grundstein für eine »mentale Infrastruktur« zur gesellschaftlichen Selbstdefinition gelegt wird (Schenkel, 2002). Mittels Kultur verschafft sich Gesellschaft also Klarheit über sich selbst, die eigene Identität, Vergangenheit und Zukunft.

Bevor näher auf die »Gedächtnisfunktion« von Kultur und ihren Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung eingegangen wird, zunächst ein paar Worte zu diesem ominösen Begriff »Nachhaltigkeit«. In der Ökologie, jener nicht hintergehbaren Grenze und Randbedingung einer jeden gesellschaftlich formulierten Nachhaltigkeit, wird darunter ein Systemzustand im dynamischen Gleichgewicht verstanden (Fritz et al., 1995). Das System, vom dem hier die Rede ist, ist das Ökosystem des Planeten Erde und wird verstanden als materiell weitestgehend geschlossen, dafür energetisch offen, d.h. es findet ein Zufluss an Energie von außen, an Sonnenenergie statt, die eine bestimmte Eigenschaft hat: sie ist hochkonzentriert und geordnet und steht für Umwandlungsprozesse – z.B. Produktion und Konsum – zur Verfügung. Der ökologische Imperativ zielt denn auch auf den maximal verträglichen Material- und Energiedurchsatz dieses Systems und alle gesellschaftlichen Nutzungsansprüche haben sich dieser hypothetischen Grenze zu unterwerfen (Daly, 1996). Ein solcher »thermodynamischer« Ansatz von Nachhaltigkeit blendet natürlich Gesellschaft sowie den Menschen und seine Bedürfnisse aus.
Verweilen wir zunächst beim Menschen: selbstverständlich ist der Homo sapiens ein Naturwesen, ein Primat mit aufrechtem Gang und großem Gehirn. Als solches ist er den Naturgesetzen unterworfen, ein organischer Metabolismus funktioniert nun mal wie er funktioniert. Gleichzeitig ist der Mensch nicht ausschließlich durch seine biologischen Dispositionen beschrieben. Genauso wie er eine »Naturökologie« braucht um zu überleben, braucht er auch eine »Kulturökologie« (Finke, 2003). Die Erhaltung des »menschlichen Haushalts« erlangt dann für Nachhaltigkeit dieselbe Bedeutung wie die Erhaltung des »natürlichen Haushalts« (Ehrlich, 1989). Damit werden Aspekte wie zum Beispiel Gerechtigkeit bedeutend (Majer, 2004): ein ökologisches Gleichgewicht unter Missachtung eines gesellschaftlichen (oder humanen) Gleichgewichts ist nicht nachhaltig. Auftritt, es hat sich angekündigt, Luhmann: erstens besteht Gesellschaft nicht aus Menschen, höchsten ihre Umwelt, und zweitens ist Natur in der Gesellschaft nichts als Material vorhanden, sondern als Kommunikation (Luhmann, 1987). Gesellschaftliche Kommunikation hat aber sehr wohl Resonanz erzeugende Wirkung in der Natur, und zwar vermittels der Technik der Gesellschaft. Diese wird hier mit Halfmann (1996) zum einen als Kommunikation, zum anderen als Installation verstanden: als physisches Produkt, welches durch Material- und Energieflüsse sowie technisches Wissen und »produzierte Produktionsgüter« (= Realkapital) erschaffen wurde. Nachhaltigkeit in einer solchermaßen verstandenen systemischen Sichtweise verlangt etwas anderes als »nur« Gleichgewichte auf beiden Seiten der Grenze zwischen Natur und Gesellschaft: es verlangt die Aufrechterhaltung der Grenze und deren Ausgestaltung in einer Weise, dass Gesellschaft resonant wird für ökologische Irritationen. Anders ausgedrückt: Nachhaltigkeit als gesellschaftliches Leitbild bestimmt die Identität sozio-ökologischer Netzwerke und ist auf die Viabilität jener Kopplungsbeziehungen ausgerichtet, welche die Viabilität der gekoppelten Einzelsysteme mit umfasst. Sie kann dabei als regulative Idee aufgefasst werden, die eine gewisse Art der Problemlösung vorschreibt: langfristig ausgerichtet, gerecht und ganzheitlich. Dies ist nicht ausschließlich normativ und damit in gewisser Weise beliebig (kontingent), sondern leitet sich durchaus zwingend aus der Art des Problems ab, nämlich der Aufrechterhaltung sozio-ökologischer Netzwerke. Der Problemlösungsansatz setzt damit auf eine bewusste Steuerung dieser Entwicklung zur Erhaltung der für den Menschen überlebenswichtigen natürlichen und sozialen Systeme im Rahmen einer reflexiven Steuerung sozialer Systeme (der modische gewordenen »reflexive governance«, der Luhmann sicher sehr skeptisch gegenüber stehen würde).

Was hat es nun mit Kultur als »Gedächtnis für Nachhaltigkeit« (Reichel, 2006) auf sich? Ein Gedächtnis ist entscheidend für die Fähigkeit (1) sowohl überhaupt etwas Neues wahrzunehmen als auch (2) die ständige Wiederkehr des Immergleichen – der immer gleichen Identität! – zu erleben. Ein Gedächtnis »kontrolliert, von welcher Realität aus das System in die Zukunft blickt« (Luhmann, 1997: 581). Es ist ursächlich und zwingend notwendig für die Möglichkeit der Selbstreferenzialität: Ohne Gedächtnis keine Unterscheidung zwischen Selbst und Nicht-Selbst, zwischen jetzt, früher und später. Gedächtnis ist die unabdingbare Voraussetzung für dessen Aufrechterhaltung. Dabei ist das Gedächtnis kein fixer Ort, kein Behälter – auch kein Zettelkasten – , in den Wissen abgelegt und durch Erinnern wieder hervorgeholt wird, sondern eine dynamische Erzeugung: ein Gedächtnis in Bewegung. Das Gedächtnis kann „als eine Form der Selbstbeobachtung in der Gegenwart angesehen werden, das heißt als etwas Unmögliches: als unmittelbare Selbstreferenz, die bekanntlich nur auf Umwegen über äußere oder angeblich äußere Bezüge – in diesem Fall über den Umgang mit Zeit – hergestellt werden kann.“ (Esposito, 2002: 12) Um sich selbst aufrechtzuerhalten ist eine fortdauernde Referenz auf sich selbst erforderlich, also die Konstruktion einer immer gleichen Identität. Erinnert wird dann das, was der eigenen Identität förderlich ist (ihrer Aufrechterhaltung), vergessen wird alles, was dem entgegensteht. Auf soziale Systeme, und damit eine überindividuelle Ebene, gemünzt, bedeutet dies, die in der Zeit fortdauernde Anschlussfähigkeit kommunikativer Akte sicherzustellen. Dies meint Luhmann, wenn er ein soziales Gedächtnis als durch Semantik konstituiert bezeichnet: durch Themen, über die gesprochen werden kann, für die Kommunikationsmuster existieren.
Zurück zu den Ausführungen zu Kultur und dem »Kulturverständnis« von durch Kommunikation und physische Artefakte erzeugter gesellschaftlicher Selbstreflexivität. Entlang dieser Artefakte, ihres kommunikativen »Widerscheins«, wird durch Beobachter Sinn konstituiert. Das geschieht freilich immer, dazu benötigt es weder Kunst noch Kultur. Allerdings gibt es eine bemerkenswerte Andersartigkeit dieser Sinnkonstitution: sie geschieht in den Bewusstseinen der Menschen (also im Umfeld von Gesellschaft) auf einer emotionalen Ebene. Zu diesen Artefakten und ihren Bedeutungen besteht, zumindest für diejenigen, die in und mit einer bestimmten Kultur sozialisiert wurden, ein beinahe »instinktiver« Zusammenhang. Dies erlangt Bedeutung vor dem Hintergrund des Vier-Faktoren-Handlungsmodells bei Elisabeth Kals (in Majer, 2003), bei dem Handlungsabsicht auslösende Faktoren nach »kognitiven« und »emotionalen« unterschieden werden (die für die erfolgreiche Handlungsdurchführung verantwortlichen Faktoren sind »situative« und »institutionelle«). Während kognitive Faktoren sich an die Ratio wenden, an Nützlichkeitserwägungen, sprechen die emotionalen Faktoren Gefühle, Stimmungen, Werthaltungen u.ä. an. Dies spielt bei der Wissensvermittlung eine nicht unerhebliche Rolle und hier kommt unweigerlich das Gedächtnis ins Spiel: ohne emotionale Faktoren, ohne »emotionale Filter« kann keine Bewertung des Erlebten oder Erlernten stattfinden. Das »episodische Gedächtnis« eines Menschen wie einer Gesellschaft benötigt diese um überhaupt erst ein Selbst zu erschaffen (Markowitsch & Welzer, 2005). »Emotionale Filter« sind natürlich ein Affront für die Theorie sozialer Systeme. Auftritt… wie immer: natürlich können Emotionen kommuniziert werden und eine »emotionale« Kommunikation führt zu ganz anderen kommunikativen Anschlüssen als beispielsweise »wissenschaftliche« Kommunikation. Sie »darf« es nebenbei bemerkt auch, während ein emotionsgeladener wissenschaftlicher Beitrag über Nachhaltigkeit wohl einiges an Befremden auslösen würde. Für ein soziales Gedächtnis der Nachhaltigkeit bedeutet dies Folgendes: Kultur spricht »den Menschen« (oder sein Bewusstsein) auf einer emotionalen Ebene an, ermöglicht einen ganz anderen Zugang zur Welt oder besser: zum Verstehen der Welt – einen direkten Zugang kann sie freilich auch nicht bieten.

© André Reichel, 01.08.2007

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Literatur

  • Assmann, Jan, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München: Beck, 2002
  • Daly, Herman E., Beyond Growth, Boston: Beacon Press, 1996
  • Ehrlich, Paul. R., The limits to substitution: meta-resource depletion and a new economic-ecological paradigm, in: Ecological Economics, 1, S. 9-16
  • Esposito, Elena, Soziales Vergessen. Formen und Medien des Gedächtnisses der Gesellschaft, Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2002
  • Finke, Peter, Kulturökologie, in Ansgar Nünning; Vera Nünning (Hg.), Konzepte der Kulturwissenschaften. Theoretische Grundlagen – Ansätze – Perspektiven, Stuttgart: Metzler, 2003
  • Fritz, Peter; Huber, Joseph; Levi, Hans-Wolfgang, Nachhaltigkeit in naturwissenschaftlicher und sozialwissenschaftlicher Perspektive, Stuttgart: Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 1995
  • Halfmann, Jost, Die gesellschaftliche Natur der Technik. Eine Einführung in die soziologische Theorie der Technik, Opladen: Leske und Budrich, 1996.
  • Kurt, Hildegard und Wagner, Bernd (Hrsg., 2002), Kultur – Kunst – Nachhaltigkeit. Die Bedeutung von Kultur für das Leitbild Nachhaltige Entwicklung, Essen: Kulturpolitische Gesellschaft, 2002
  • Luhmann, Niklas, Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1997
  • Luhmann, Niklas, Die Kunst der Gesellschaft, Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1995
  • Majer, Helge, Ganzheitliche Sicht von sozialer Nachhaltigkeit, in Statistisches Bundesamt (Hg.), Analyse von Lebenszyklen. Ergebnisse des 4. und 5. Weimarer Kolloquiums. Band 5 der Schriftenreihe Sozio-ökonomisches Berichtssystem für eine nachhaltige Gesellschaft, Wiesbaden: Statistisches Bundesamt, 2004
  • Majer, Helge, Nachhaltigkeitsoffensive für die regionalen Unternehmen – der Ulmer Initiativkreis nachhaltige Wirtschaftsentwicklung, in Peter Hennicke (Hg.), Wie kann geschehen, was geschehen muss? Zur Umsetzung von Nachhaltigkeit, Wuppertal: Wuppertal Institut, 2003
  • Markowitsch, Hans-Joachim; Welzer, Harald, Das autobiographische Gedächtnis. Hirnorganische Grundlagen und biosoziale Entwicklung, Stuttgart: Klett-Cotta, 2005
  • Reichel, André, Die Lernarchitektur regionaler Nachhaltigkeitsnetzwerke. Transdisziplinäre Skizze eines Gedächtnisses für Nachhaltigkeit, Berlin: dissertation.de, 2006
  • Schenkel, Werner, Kultur, Kunst und Nachhaltigkeit?, in Hildegard Kurt; Bernd Wagner (Hg.), Kultur – Kunst – Nachhaltigkeit. Die Bedeutung von Kultur für das Leitbild Nachhaltige Entwicklung, Essen: Kulturpolitische Gesellschaft, 2002

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Zum Autor

Dr. André Reichel, Diplom-Kaufmann, promovierter Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler (Universität Stuttgart) mit Forschungsschwerpunkten in den Bereichen Regionale Nachhaltigkeit, Nachhaltige Unternehmensführung, Organisationales Lernen, Systemtheorie und Soziokybernetik. Mitglied in der Vereinigung für Ökologische Ökonomie und im Ulmer Initiativkreis nachhaltige Wirtschaftsentwicklung.

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