03.08.2007 | Kunstmarkt

Kunst und Kommerz

Kunst und Geld, Kunst und Kommerz – das sind die beiden großen Allianzen im Jahr 2007. Der Kunstmarkt ist heute eine künstlich erzeugte Blase, ein bloßer Hype. Kann da noch Kunst die Welt retten?

Von Jens Schäfer, Bielefeld

Der Hype in der Kunst kennt zur Zeit keine Grenzen. Im Jahr 2007 boomt der Kunstmarkt mehr denn je. Ist der Kunstmarkt irre geworden? Bei den großen Auktionen von Sotheby und Christie in New York explodierten in diesem Jahr die Preise von Gegenwartskunst, so las ich in der letzten Ausgabe von Monitor, im trendigen Magazin für Kunst und Leben.

Kunst und Geld, Kunst und Kommerz – das sind die großen Allianzen im Jahr 2007. Heute wird wieder in Kunst investiert. Mit der Formel Kunst = Kapital von Beuys werden die Leser der Zeitschrift Capital dreist umworben. Diese Formel scheint für viele Anleger rational aufzugehen – aber wird sie das?

Ein Hype kann nicht immer ein Hype bleiben. Der Kölner Künstler René Böll ist sich sicher, „der sogenannte Hype, die Investion in angesagte Künstler zu weit überhöhten Preisen wird sich langfristig nicht auszahlen.“ Womit er nicht ganz Unrecht, aber auch nicht ganz Recht hat.

An vielen geht der Hype sowieso vorbei, schreibt Piroschka Dossi in ihrem Buch „Hype! Kunst und Geld“, das im Frühjahr dieses Jahres erschienen ist. Der Hype erfasse nicht den gesamten Kunstmarkt, sondern nur manche Segmente, so meint Dossi. Das bedeutet aber, vom Hype, dieser künstlich erzeugten Blase, profitieren auch in wirtschaftlich guten Zeiten sowieso nur wenige Künstler. Platzt diese, hat das natürlich Auswirkungen für alle Künstler im Kunstmarkt. Depression oder Wut wären die Folgen.

Erinnern wir uns an den „schwarzen Dezember“ 1990 mit den Wert- und Gewinneinbrüchen im Kunstmarkt. Scheinbar vergessen ist die Hoffnungslosigkeit vieler Künstler, jemals erfolgreich zu werden. Diese ist aber geblieben, sie ist heute da, und viele Künstler werden sich auch morgen mit falschen Hoffnungen plagen. Sie warten, warten, warten ….

Und, haben die Künstler nicht zum Teil selber Schuld? Tragen künstlerische Positionen, die sich allein durch Staffelei, Bilderrrahmen, idyllische Motive und Handwerk auszeichnen, nicht zur eigenen Hoffnungslosigkeit bei?

Ja, wie ich meine, denn die Existenzgrundlage von Künstlern ist seit Anfang des 20. Jahrhunderts nicht mehr allein durch ihre Produktion von Kunst begründet. Für die Gegenwartskunst wird es endlich (wieder) Zeit, aus dem Rahmen heraus zu treten, die Grenzen zwischen Kunst und Gesellschaft wieder durchlässiger zu machen und den gesellschaftlichen Resonanzraum von Kunst zu erweitern.

Bereits seit den sechziger Jahren gilt in der Kunst verstärkt die Aufforderung, die tradierten Werte der klassischen Künste wie das „Wahre, Schöne und Gute“ und das Festhalten an den traditionellen Kunstgattungen zu überwinden. Dieser Aufforderung sind auch bis heute viele Künstler nachgegangen, in dem sie Alltagserfahrungen, politische Diskurse und experimentelles, gesellschaftliches Handeln in die Kunst mit einbezogen.

Bei genauerer Betrachtung sind die Grenzen zwischen Kunst und Gesellschaft jedoch einseitig permeabel. Das Verhältnis Kunst und Politik mag gegenwärtig vielleicht recht ausgewogen sein, ganz unabhängig von der Frage, ob Kunst überhaupt in der Lage ist, politische Inhalte adäquat zu transportieren. Aber Künstler, geschützt durch das Grundgesetz (Artikel 5 Absatz 3 GG) schreiben sich auch heute Autonomie und Freiheit groß auf ihre Fahnen und lösen regelmäßig kulturpolitische Debatten durch Provokation aus, wie jüngst das Beispiel des Aktionskünstlers Thomas Hirschhorn in Paris zeigt.

Das Verhältnis Kunst und Kommerz jedoch ist nicht ausgewogen, und Künstler sind auch nicht geschützt. Kunst und Kommerz durchdringen sich zwar, aber eher einseitig. Das mag damit zusammenhängen, dass heute in allen gesellschaftlichen Bereichen wirtschaftlicher Erfolg im Mittelpunkt steht und Geld als fast alleiniger Maßstab für Anerkennung und Akzeptanz gilt. Durch die Dominanz und das Diktat des Geldes wird es auch für Künstler zunehmend schwerer, eigene Werte zu artikulieren und dagegen zu setzen. Angesichts leerer öffentlicher Kassen und spärlich fließender Subventionen ist die Bereitschaft der Künstler, mit der Wirtschaft zu kooperieren, heute recht groß.

Art Consulting, Sponsoring und Artguide für Anleger sind die Begriffe, die das Verhältnis aus wirtschaftlicher Sicht beschreiben. Sei es aus repräsentativen Gründen oder wegen des positiven Imagetransfers, umgibt sich aus Wirtschaftskreisen eine immer größer werdende Anzahl von Managern gern mit Kunst. Großunternehmer, Bankiers und Kaufleute treten als Sponsoren und Sammler in Erscheinung und sind bemüht, ihre in der Gesellschaft erworbene Stellung durch Kunst zu manifestieren. Die unmittelbare Instrumentalisierung der Kunst ist beim Sponsoring deutlich zu erkennen. Aus der Sicht des Sponsors lassen sich Image und Aufmerksamkeitswert der Kunst sowie ihre emotionale Stimulation ideal für unternehmerische Zielvorstellungen nutzen. So dient zum Beispiel das Engagement für junge Kunst, dem Image der Banken eine frische Note zu geben.

Mitarbeiter motivieren, Kunden binden, den Standort stärken – das sind die Gründe für die Marketingabteilungen von Unternehmen und Banken, sich kulturell zu engagieren. Was zählt, sind allein wirtschaftliche Interessen und Zielvorgaben. Sie schaffen Lebens- und Arbeitsvoraussetzungen für solche Künstler, die für eine Verwertbarkeit und nachhaltige Wertschöpfung in Frage kommen.

Nur wenige zeitgenössische Künstler setzen sich gegen dieses Diktat zur Wehr, wie zum Beispiel der Künstler Andreas Siekmann. Er zeigt auf, welchen Druck ökonomische Machtverhältnisse auf die Kunst ausüben. Siekmann ist auch Teilnehmer bei „Skulptur projekte münster 07“. Vor einen barocken Adelspalast ließ Siekmann eine große Müllpresse stellen. Dort stopfte er, wie Stefan Koldehoff in der aktuellen Ausgabe der Kunstzeitschrift Monopol beschreibt, Kunststoffplastiken hinein, „die professionelle Agenturen inzwischen den Marketingabteilungen von rund 600 Städten anzudrehen geschafft haben: Kühe in Zürich, Bären in Berlin, Pinguine in Wuppertal. Siekmann hat sie für Münster zu einer großen neuen Skulptur verdichtet, die schon durch die Art ihrer Entstehung eine Aussage über den Wert des verwendeten Ausgangsmaterials trifft: Müll.“

Dieses Beispiel zeigt deutlich: Über das Verhältnis Kunst und Kommerz muss neu nachgedacht werden. Gerade als Künstler muss man sich erneut kritisch mit diesem Verhältnis auseinandersetzten.

© Jens Schäfer, 03.08.2007

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2 Kommentare

  1. Leonard Siebeneicher ()

    Geehrter Herr Schäfer,

    in meiner Anschauung ist Kunst eine Art zu leben, die den Menschen fruchtbar macht, sie ist der Wille der Natur sich durch den Menschen schöpferisch zu entfalten.

    Die Kunst erfährt nach meiner Ansicht dasselbe Schicksal wie es andere Aspekte unserer Welt erfahren.
    Sie wird zur Ressource, aus der Geld erwirtschaftet wird. Oder ihr wird der Lebensraum entzogen wenn dies nicht der Fall ist.

    Ein Gruß,
    Leonard Siebeneicher (Bielefeld)

  2. Jens Schäfer ()

    Sehr geehrter Herr Siebeneicher,

    ich vermute, Sie haben in beiden Punkten Recht, wenn sie sagen, die Kunst wäre eine Ressource,…, und der Kunst werde der Lebensraum entzogen.
    Meiner Ansicht ist jeder freidenkende Mensch unbedingt dazu aufgefordert, sich dem zu widersetzen. Wir brauchen wieder mehr kreative Freiräume und freies Denken..einerseits mehr Dada, Surreales und Fluxus und andererseits mehr Arbeit an der sozialen Skulptur…und wir brauchen das menschliche Maß zurück bzw. die Kunst der kleinen Schritte. Allein die Poesie des Alltags würde ausreichen, um der Gier nach Geld und scheinheiligem Reichtum im Keim zu ersticken.