03.08.2007 | Ruhrgebiet

Das Gelbe Haus, Reklinghausen

Kunst bewegt die Region

„Schwerindustrie in der Krise, versiffte Landschaften, Depression als Lebensgefühl.“ Keine schönen Attribute für eine Region dachten sich Künstler aus dem Ruhrgebiet. Sie entwickeln Projekte in der Region und gründeten die „OFF-Arts Parlaments Metropole Ruhr“.

Foto: © Das Gelbe Haus

Von Hans Hübner, Köln

Eine Region bricht auf, sich neu zu erfinden. Vorbei sind die Zeiten, da Fabrikschlote und die Fördertürme der Bergwerke das Landschaftsbild und das Selbstverständnis der Bewohner des Ruhrgebiets prägten. Die Krise der Schwerindustrie und des Bergbaus hatten Städte wie Dortmund, Essen, Duisburg oder Recklinghausen mit ihrem Umfeld an den Rand des Abgrunds getrieben. Versiffte Landschaften, eine horrende Arbeitslosigkeit, Depression als Lebensgefühl und endemische Trunksucht schienen das Szenario der Zukunft bestimmen zu sollen. Doch die Ruhrpöttler wollten aus den Ruinen ihrer Vergangenheit auferstehen. Regierung, Gewerkschaften, Industrie und Landschaftsverbände versprachen und investierten Initiativen und Kapital, um ein neues Ruhrgebiet zu erschaffen. Eine Gruppe von Künstlern hat den Ehrgeiz, sich als Avantgarde der Erneuerung zu etablieren.

Avantgarde nicht im leninistischen Sinn. Ich treffe Reiner Kaufmann und Hans van Ooyen im “Gelben Haus” in Recklinghausen. Rainer Kaufmann nennt sich Kunstaktivist, Hans van Ooysen Fotokünstler und Literat. Gemeinsam mit ihnen begebe ich mich auf die Reise in einen Zukunftstraum, an dessen Umsetzung in die Realität sie werken. 

Das Ruhrgebiet ist ihr Aktionsfeld, der regionale Bezug ihr Ansatzpunkt. Sie verstehen das Ruhrgebiet nicht als begrenzte Provinz, sondern als nach aussen hin offenes Land. Reiner Kaufmann ist aus der Pfalz zugewanderter Beute-Ruhrpöttler, Hans van Ooysen einheimisches Gewächs. “Das Ruhrgebiet ist,” sagen sie, “multikultureller und bunter als alle anderen Gegenden Deutschlands. Mit dem Bergbau, mit der Industrialisierung kamen hierher Menschen aus allen Ecken des Reiches, aus den Nachbarländern und seit den sechziger Jahren auch aus Übersee, um  hier ihr Geld zu verdienen. Zum grossen Teil blieben sie hier, als die alten Strukturen zusammengebrochen waren. Teils, weil sie keine Alternative hatten, teils aber auch, weil sie eine echte Verbundenheit zu ihrer neuen Heimat entwickelt hatten.” Hans van Ooyen: “Im Ruhrgebiet beschäftigen sich heute 15.000 Menschen freiberuflich mit Bildung, mehr als es Bergleute gibt. Und es leben hier 18.000 freischaffende Künstler. Die Gesellschaft ist sehr viel buntscheckiger geworden, sehr viel differenzierter.” Diese Analyse ist der Denkansatz für ihre Initiativen. Kunst verstehen sie als Medium, Gemeinschaften zusammenzuführen und zu aktivieren, Kommunikation zu schaffen, Zusammengehörigkeitsgefühl. 

1997 bezieht Reiner Kaufmann das “Atelier Das Gelbe Haus” in Recklinghausen, “ein Projekt Leben-Arbeiten-Wohnen unter einem Dach, ein Modell eines wirtschaftlich tragfähigen Aus-, Umbau- und Nutzungskonzptes für Microunternehmen am Beispiel eines Kunst- und Kulturunternehmens als Einzelunternehmung mit ganzheitlich nachhaltigem Ansatz”, wie es in seinem Prospekt heisst. Und er will aus diesem gelben Haus Kernzelle und Kommunikationszentrum einer regionalen  Entwicklung machen. 

Am weitesten fortgeschritten ist diese Idee mit der Gründung des “Off-Arts Parlaments Metropole Ruhr”, einem Zusammenschluss von Künstlern, Kunstjournalisten, Schriftstellern, Intellektuellen und auch Vertretern der Politik. Etwa 40-50 Teilnehmer denken bei ihren halbjährlichen Treffen darüber nach, wie Kunstaktivisten und Künstler in gezielten Projekten dazu beitragen können, die Kreativität, die künstlerische Aktivität nachhaltig für die Entwicklung der regionalen Gesellschaft zu nutzen. Das Parlament hat keine feste Satzung, fasst keine verbindlichen Entschlüsse, ist offen für wechselnde Teilnehmer – man könnte es als eine Art Ideen-Pool bezeichnen. 

Auf der nächsten Ebene finden monatlich sogenannte “offene Treffs” statt. Von den fünf bis sechs auch oft wechselnden Teilnehmern werden die Ideen konkretisiert, wird mit ihrer Umsetzung begonnen. Auch diese Zusammenkünfte  haben mit Vereinsmeierei im klassischen Sinn nur wenig zu tun. In der Tradition des antiken Symposion wird geredet, gedacht, gegessen, getrunken und auch immer wieder herzlich gelacht. Aus diesen fröhlich kreativen Runden entstehen – so meint Reiner Kaufmann – die besten Ideen. Nur aus der Verbindung von Kreativität ubnd Genuss lasse sich eine Gesellschaft menschlich und Menschen-gerecht entwickeln: Das ist Reiner Kaufmann fast schon philosophische Überzeugung. 

Um die Realisierung der Ideen kümmern sich “Projektteams”, auch wieder keine geschlossenen Gruppen, sondern offen für die Beteiligung und Mitarbeit interessierter Anwohner. Ein Beispiel für die Art von Initiativen, mit denen sich Reiner Kaufmann und Hans van Ooyen beschäftigen: das Emscher-Projekt. Die Emscher galt lange Zeit als die Kloake des Ruhrgebiets, einer der verschmutztesten Flüsse der Welt. Die Kapazität der Emscher, die giftigen Abwässer, den von den Bergwerken  und Fabriken produzierten Müll aufzunehmen und weiterzuleiten, war eine der Voraussetzungen für die Industrialisierung, wenn auch nicht gerade für die Erhöhung des Lebenswertes für die Anwohner.  Etwa eineinhalb Millionen Menschen leben in ihrem Einzugsbereich, nicht gerade Angehörige der oberen Schichten, die sich bessere Wohnlagen leisten konnten. Langfristig ist jetzt die Sanierung und Ent-Kloakisierung des Flusses geplant.

Das Projekt hat seinen Ursprung in einem Konflikt in der Nachbarschaft des Gelben Hauses. Eine Moschee sollte gebaut werden, und ein Grossteil der Bevölkerung stand dem Vorhaben skeptisch gegenüber. Reiner Kaufmann versuchte, die gegnerischen Parteien zusammenzuführen, und gewann auch den islamischen Geistlichen für den Dialog. Die Lage verschärfte sich nach den Anschlägen des 11. Sepetmber 2001 in New York. Um den Ängsten der nichtislamischen Bevölkerung gegenzusteuern, entwickelte er in Zusammenarbeit mit dem Imam ein Kunst-Kommunikations-Projekt. Angehörige beider Bevölkerungsgruppen organisierten Mal- und Bastelgruppen, Konzerte, Lesungen, kulturelle Begegnungen und lernten sich auf diese Weise kennen und schätzen.  Aus diesen Ansätzen entstanden weitere Aktionen, so etwa seit 2003 “Kunst – aus der Region – für die Region”, das Kunstprojekt “Kulturlandschaft Emschertal, das Emschertal Polyptychon Zukunftsaussichten (ein interaktives Kunstprojekt auf Wanderschaft) und schliesslich 2004 die Emscher Kunsttage, ein jährliches Kunst- und Kulturfestival, das die Aktivitäten bündelt, andererseits über das ganze Jahr von verschiedenen Veranstaltungen vorbereitet, begleitet und aufgearbeitet wird. Kunst und Kultur sollen nicht als “event”, als aufregendes Ereignis vermittelt werden, sondern als Bestandteil und Bereicherung des täglichen Lebens. Bilder geben Denkanstösse und werden weggeräumt, nicht im Museum gelagert.

Weitere Projekte sind in Arbeit oder geplant: ein Kunst-Radweg an der Emscher, der das Landschafts- und das Kunsterlebnis vereinen soll; ein Kunstprojekt-Kalender, eine Veranstaltungsreihe zu “Menschen an der Emscher” und anderes mehr. Subregional werden hier also über die verschiedensten Aktivitaten und  Veranstaltungen die Einwohner des Emschertals kontinuierlich zusammengeführt, um eine gemeinsame und verbindende Identität zu entdecken und zu leben. 

Für das Jahr 2010 wurde Essen stellvertretend für das Ruhrgebiet zur Kulturhauptstadt ernannt. Vor allem Politiker sehen darin eine Chance, das Image der Region aufzupolieren und sie als attraktiv erscheinen zu lassen. Reiner Kaufmann und Hans van Ooyen begleiten das Vorhaben mit kritischer Solidarität. Sie begrüssen natürlich die Aufwertung der Region. Sie hoffen, dass ihr Versuch, Kunst und Kultur zur Herausbildung eines neuen Selbstverständnisses, eines neuen Lebensgefühls einzusetzen, bekannt und anerkannt wird. Sie befürchten, dass Leuchttürme und Events die Szene beherrschen, dass kaum etwas zurückbleibt, wenn alles vorbei ist; dass auswärtige Stars den einheimikschen Künstlern die Show stehlen, dass ein aussen gestiegenes Ansehen in der Region selbst vor allem Frust hinterlässt. 

Für beide ist das Regionale ein Nukleus. Im Kleinen spiegelt sich das Grosse. Eine multikulturelle Region, die sich auf ihre Herkunft und ihre Gegenwart besinnt, kann zum Modell werden, anderen als Vorbild dienen, aber durchaus auch von anderen lernen. Das Off-Art Parlament arbeitet mit ähnlichen Initiativen zusammen, tauscht Erfahrungen aus, schafft überregionale Netzwerke. Auf meiner Reise nach Recklinghausen  führen mich meine beiden Gesprächspartner in eine globale Kunstwelt. 

Reiner, Hans und Hans prosten sich zu. Unser Symposion geht zu Ende,  Wir haben in der Tradition der offenen Treffs gegessen, getrunken und gelacht. Wir haben über Träume und Visionen geredet und über die harte konkrete Arbeit, Menschen zusammenzuführen, ihre Kreativität hervorzulocken, sie zu überzeugen, sich miteiander wohl zu fühlen. Aus den Ruinen einer kaputten Region aufzuerstehen.

© Hans Hübner, 03.08.2007

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