31.07.2007 | Bildende Künste

Kunst und Gegenwart

Kann die Kunst die Welt retten? Für den künstlerischen Leiter der Documenta IX sind Ambivalenz und Irritation die Maßstäbe, mit denen Künstler heute die Gesellschaft und ihren Selbstlauf "stören".

Von Jan Hoet, Herford

Vor zwanzig Jahren, als Joseph Beuys noch lebte, war die Welt noch ein andere als heute. Es gab noch Ost und West, es gab noch den kalten Krieg und der Wärmepol im Denken von Beuys war noch höchst aktiv. Die Angst hieß damals noch Angst und nicht „Bedrohung“. Der Terrorismus war noch kein „Feind im Inneren“. Heute ist die Wirklichkeit (und vor allem die Möglichkeiten ihrer Kommunikation) selbst komplexer geworden; es gibt viele Kriege – im Äußeren und im Inneren. Hinter jeder Wahrheit stecken heute mindest zwei unterschiedliche Versionen – Wahrheit existiert nicht mehr, sie wird konstruiert (und anschließend wie jedes anderes Produkt vermarktet und kommuniziert). In diesem Kontext erfüllt auch Kunst neue Funktionen. Sie ist nicht mehr vornehmer Statthalter der Utopie sondern eher konkreter Katalysator im Inneren der Gegenwart und ihren unübersehbar wachsenden, gefährlicher werdenden Widersprüchen. Wer Kunst beobachtet, kann dem Schrecken in der Welt begegnen – und muss sich doch mit ihrer (vergänglichen) Schönheit beschäftigen.

Kunst macht uns heute auf „nicht-evidente Werte“ (Peter Sloterdijk) aufmerksam. Gegenwärtig sein heißt für Künstler heute im hellwachen Tagtraum zu leben. Intuition ist heute gelebte Notwehr; Ambivalenz und Irritation heißen heute die Maßstäbe mit denen Künstler heute die Gesellschaft und ihren Selbstlauf „stören“. Nachhaltigkeit bezieht sich nicht nur für die Natur sondern auch auf den kritischen Geist. Wer heute das herrschende System blockieren will, der arbeitet im Untergrund – auch wenn dieser klimatisiert und vielfach abgesichert ist.

Künstler arbeiten heute in jeder Beziehung dazwischen, zwischen den Zeiten, zwischen den Stilen, zwischen Erwartungen und Ansprüchen. Zwischen Markt und Moral besteht heute für Künstler kein Widerspruch, sondern eine Herausforderung, ein Spiel, in dem der Joker hin und her wechselt.

Die Welt, in der der Künstler heute lebt, ist nicht nur beschleunigt, sie ist auch verdoppelt. Die Kunst ist eine geformte Fiktion, die andere Beobachtungen und Beobachtungen des Anderes ermöglichen und sie eine fiktive Form, in der die Welt auf sich und ihre Beobachtungen aufmerksam macht. Wäre die Welt heute zu retten, wäre die Kunst sicher überfordert. Doch Rettung ist heute eine niedliche Metapher angesichts der Probleme, die die Welt für uns bereits hält.

© Jan Hoet, 31.07.2007

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Zum Autor

Jan Hoet, geboren 1936, ist ein belgischer Kunsthistoriker und Ausstellungskurator. Er studierte Kunstgeschichte und Archäologie. In Deutschland bekannt wurde er als künstlerischer Leiter der Documenta IX (1992) in Kassel. Diese in fünfjährigem Abstand stattfindende Kunstschau ist die bedeutendste Kunstausstellung weltweit. Seit 2003 leitet er das MARTa Herford, ein Museum für zeitgenössische Kunst und Design in Herford (Quelle: Wikipedia)

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