11.07.2007 | Fernost

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Kunst in China

Der Traum von Freiheit und Autonomie der Kunst wird nicht überall realisiert, so Dr. Ng Hong Chiok und Anne Engelhardt. In China, wo traditioneller Weise Kunst als eine der essentiellen Formen chinesischer Kultur verstanden wurde, die philosophische Welt- und Ordnungsvorstellungen widerspiegelt, kam es zu einem nachhaltigen Kulturbruch. Denn auch hier kam es zur Ökonomisierung der Kunst und zu einem Markt, an dem die globalisierten Regeln des Geldes und Konsums walten.

Foto: © unbekannt

Von Dr. Ng Hong Chiok und Anne Engelhardt, Bonn

Die Kunst in China hat durch den Einfluß des Westens eine Reihe von Modernismen hervorgebracht, die Funktion und Stil der chinesischen Kunst nachhaltig veränderten und prägten. Dieser Prozess lässt sich bis auf die letzten 100 Jahre zurückverfolgen und dauert bis heute an. 

Kunst war in China traditionell eine wichtige Komponente der chinesischen kulturellen Identität. Die Malerei, insbesondere die chinesische Tuschemalerei, wie sie sich in Jahrhunderten entwickelt hatte, wurde als eine der essentiellsten Formen chinesischer Kultur verstanden, in der sich philosophische Welt- und Ordnungsvorstellungen widerspiegelten. 

Harmonie und Einklang mit der Natur waren Ideale, die sich im künstlerischen Können niederschlagen sollten. Eng verbunden mit dem Literatentum funktionierte die Kunst im traditionellen China in erster Linie als Spiel und Muse mit dem Ziel der persönlichen Vervollkommnung und Charakterbildung, durch die man die eigene Bildung und Kultiviertheit zum Ausdruck brachte. Das chinesische Zeichen für Kunst „Yi Shu“ spiegelt in seiner ursprünglichen Bedeutung diese Kunstauffassung wieder: Yi bedeutet pflanzen und kann synonym mit dem europäischen Begriff von cultus, cultura (Anbau, Anpflanzung, Pflege, Erziehung, Bildung) umschrieben werden. Shu bedeutet Können, Fertigkeit, das im Kontext der chinesischen Ackerbaukultur ein Begreifen der Natur, ein sich Anpassen an deren Gesetze beinhaltete. Die Fertigkeit, das Können in der chinesischen Kunst umfasst also die Fähigkeit, der Natur zu folgen, während das Können in der europäischen Kunst dem schöpferischen Geist, das bedeutete auch Veränderung und Beherrschung der Natur, verschrieben war. Das schöpferische, kreative Moment, das in der westlichen Kunst so bedeutsam wurde, spielte im chinesischen Kunstschaffen keine maßgebliche Rolle. Zwar wurden hervorragende Künstler in China als Vorbilder verehrt und gewürdigt, jedoch nie als „Schöpfergötter“ oder „Genies“ betrachtet, die eine Welt nach eigenen Vorstellungen und eigenem Willen erschufen oder zu verändern beanspruchten. Die in der europäischen Kunst seit der Renaissance entstandenen Mythen vom Künstler, mit ihrer Verklärung des schöpferischen Individuums, dem Gedanken der freien, individuellen Kreativität, ein zentrales Ideal der westlichen Kultur und Kunst, finden sich in der traditionellen chinesischen Kunst nicht, treten zumindest nicht in den Kunstdiskursen in Erscheinung.

Der Einfluss der gesellschaftsverändernden Avantgarden des Westens und die Funktionalisierung der Kunst für politische Zwecke in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts, markierte für die chinesische Kunst einen nachhaltigen Traditionsbruch, der in ein Spektrum von Erneuerungsbewegungen und schließlich mit der Festlegung auf den „sozialistischen Realismus“ in eine Sackgasse führte. Mit der ökonomischen Liberalisierung Ende der 70er Jahre ist in China ein freier nationaler Kunstmarkt entstanden, der heute mit der boomenden Wirtschaft ständig wächst und im Zeitalter der Globalisierung zu einem interessanten Segment des internationalen Kunstmarktes geworden ist, mit der Folge einer zunehmenden Ökonomisierung der Kunst, auch in China, die ein an Markt und Konsum orientiertes Kunstverständnis etabliert.

Dieser internationale Kunstmarkt, der heute in erster Linie von den USA und von Europa dominiert wird, hat inzwischen einige chinesische Shooting Stars hervorgebracht, deren Werke zu Rekordpreisen gehandelt und ersteigert werden. Ein kleiner Teil chinesischer Künstler hat es also geschafft in sehr kurzer Zeit sehr reich zu werden. Von dem Trend, junge zeitgenössische Kunst auf die Hitlisten des internationalen Kunstmarktes zu stellen, wurden vor allem Künstler der chinesischen Avantgarde erfasst, die inzwischen zum Markenzeichen geworden, vor allem von westlichen Kunstkennern, Kritikern und Sammlern große Akzeptanz genießen.

Nach dem Prinzip money follows art and art follows money hat der neue Reichtum in China zu einer gestiegenen Nachfrage nach Kunst hervorgebracht, von dem auch Künstler, die im Westen weniger spektakulär sind, profitieren.

Noch werden Künstler in China vom Staat mit einem monatlichen Gehalt finanziert, die sie vor Künstlerarmut bewahren oder vor dem Dasein als „Künstler mit day shop“, wie dies im Westen und in den USA sehr häufig der Fall ist. Künstler, die vom Staat finanziert werden, an Kunsthochschulen und Kunstakademien unterrichten oder in staatlichen Kunstvereinigungen tätig sind, haben öffentliche Aufträge zu erfüllen und sich dementsprechend an den Vorgaben und Vorstellungen ihrer Auftraggeber zu orientieren. Seit der Liberalisierung ist auch eine Schicht von Künstlern entstanden, die unabhängig von jeglicher Patronage arbeitet und sich nach den Gesetzen des freien Marktes orientieren muss, wenn sie von ihrer Kunst leben will.

Das Spektrum der Themen, welches die Kunst Chinas heute umfasst, ist schon allein auf Grund dieser unterschiedlichen Lebenssituationen der Künstler schwer unter einen Nenner zu bringen, also sehr vielfältig. Viele Arbeiten reflektieren das gesellschaftliche Leben in China, die neue Konsumgesellschaft, die Verschmelzung von Tradition und Moderne mit ihren Brüchen und Absonderlichkeiten. Die Künstlerrolle des sozial- oder politisch engagierten Künstlers, den sich der Westen so sehr wünscht, ist in der gegenwärtigen Kunst Chinas nicht sehr ausgeprägt. Eine Orientierung an den gesellschaftlichen Eliten, wie dies in den USA für erfolgreiche amerikanische Künstler selbstverständlich ist, bestimmt auch in China das künstlerische Selbstverständnis, demzufolge handwerkliche Perfektion und wirtschaftlicher Erfolg zum Gradmesser für professionelle Glaubwürdigkeit wird.

Ein Leben am Rande der Gesellschaft, als erfolgloser Außenseiter, der sich seiner Kunst opfert, hat in China, im Gegensatz zur europäischen Tradition, keine besondere Anziehungskraft. Das Spiel und Experimentieren mit westlichen Kunststilen und künstlerischen Ausdrucksformen, das heute für das Kunstschaffen Chinas prägend ist, kann als neu gewonnene Freiheit der Kunst in China verstanden werden.

Jedoch wird der Traum von Freiheit und Autonomie der Kunst, der in der Kunsttradition des Westens vielleicht noch weiterlebt, nicht überall geträumt. Längst hat die Globalisierung den idealistischen Glauben an eine von den Gesetzen des Marktes losgelöste Freiheit der Kunst ereilt.

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Die Autoren

Anne Engelhardt – Studium der Sinologie (M. A.), München. Nach dem Studium Verlagsgründung mit Schwerpunkt chinesische Frauenliteratur; Galeristin für moderne chinesische Kunst, Kunstkritikerin und freischaffende Künstlerin

Dr. Ng Hong-Chiok – Studium der Physik, Kunststofftechnik und Informatik;Promotion Philosophie in München; Lehrtätigkeiten an chinesischen Universitäten und der Universität Köln; vereidigter Dolmetscher am OLG Köln

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