23.01.2009 | Das Leben nach dem Peak-Oil

Die Energiewendestadt (© Dieter Schütz - Pixelio)

Die Energiewendestadt

Für einige Wissenschaftler wurde das Olfördermaximum bereits 2008 erreicht. Trotzdem erscheint ein Leben ohne Erdöl in Deutschland noch unvorstellbar. Nicht so in den USA und Großbritannien, wo eine neue Bewegung für die Energiewende wächst.
Paul Nellen ist mehr oder weniger der einzige deutsche Journalist, der sich bis heute intensiver mit dem Thema Peak Oil beschäftigt hat. Wir veröffentlichen den Text seines Vortrags vom 21. Januar 2009 in Tübingen in etwas gekürzter Fassung.

Von Paul Nellen, Hamburg

Darf man überhaupt noch von Hoffnung sprechen? Noch ist die Krieg-Krise im Gaza-Streifen nicht beendet. Zur Zeit befinden wir uns mitten im gefährlichsten Konjunkturrückschlag seit 70 Jahren, dessen Ende nicht abzusehen ist. Noch immer beherrschen die vier apokalyptischen Reiter der ungelösten Weltprobleme die Agenda unserer Zeit: der Klimawandel, das Artensterben, die ungerechte Verteilung zwischen Nord und Süd und die Bedrohung durch Atombombe und Terrorismus. Neu hinzugekommen ist die Frage nach der künftigen Energie- und Ressourcensicherheit. Vor gut einem halben Jahr hatten wir Erdöl- und Benzinpreise, so hoch wie nie zuvor. Einige Warner sprachen gar davon, dass wir schon in wenigen Jahren einer katastrophalen Energie- und Treibstoffkrise entgegengehen, die die Welt sehr schnell in eine “Mad-Max”-Situation hineinführen könnte – in einen Kampf aller gegen alle um die letzten Tropfen Erdöl. Und dies vor dem Hintergrund eines weltweiten Zusammenbruchs der Wirtschaft und aller gesellschaftlichen Ordnungen. An Angstprognosen mangelt es ja selten.

Ich darf annehmen, dass die meisten mit dem Begriff Peak Oil inzwischen vertraut sind, sodass ich ihn hier nicht mehr erläutern muss [vgl. Hubbert-Maximum, Peak Oil, globales Ölfördermaximum - was ist das?", 18.07.2008]. Lassen Sie mich stattdessen ein paar Bemerkungen zur aktuellen Wirtschaftskrise machen. Sie hat mehr mit Peak Oil bzw. den chaotischen Bewegungen der vergangenen Jahre auf den Ölmärkten zu tun hat als wir glauben wollen [vgl. Wirtschaftskrise, 19.07.2008]. Peak Oil muss als etwas begriffen werden, das uns alle schon heute direkt betrifft und für das wir konkrete Lösungsmodelle diskutieren und miteinander vergleichen müssen, anstatt darauf zu warten, dass uns ein technologisches Wunder, ein gigantischer Ölfund oder ein Kreditpaket der Kanzlerin noch einmal vor dem Schlimmsten bewahrt.

Für die meisten von uns kam die gegenwärtige ökonomische Krise wie ein Blitz aus heiterem Himmel. In der Rückschau erscheint es fast nicht nachvollziehbar, wie Zusammenbrüche auf dem amerikanischen Kredit- und Immobilienmarkt so schnell eine solche Implosion unseres weltwirtschaftlichen Systems auslösen konnten. Die Finanzkrise, deren Zeuge wir gegenwärtig sind, war allerdings schon vor Jahren vorausgesagt worden; etwa von Emmanuel Todd oder dem Finanzwissenschaftler Max Otte. Wer sich wie ich im Sommer 2006, als ich für ein Peak-Oil-Feature des WDR-Hörfunks recherchierte, in den USA umsah, dem konnte auffallen, dass in vielen amerikanischen Medienberichten hauptsächlich von massiven Absatzproblemen der heimischen Automobil-Industrie die Rede war. Befürchtungen über Probleme auf dem Finanz- oder Immobiliensektor wurden damals kaum geäußert.

Inzwischen haben wir die Zusammenbrüche im Finanzsektor erlebt und wissen, dass Fannie Mae, Freddie Mac oder die Lehman-Brothers keine Hosenmarken oder Hip-Hopper sind. “Housing crisis”, Hedge-Fonds und Finanzblasen wurden inzwischen von Problemen der Realwirtschaft abgelöst: wachsende Arbeitslosigkeit, brennende Branchensorgen von der Auto- über die Luftfahrt- bis hin zur Zementindustrie, das Feilschen um staatliche Rettungs-Milliarden. Im Zentrum der Kritik aber steht die Automobilbranche, die seit Jahren stur den leistungsstarken Benzinschluckern den Vorzug vor sparsamen, abgasarmen Antrieben gab. Nicht einmal die Ölpreis-Rallye der Jahre 2005 – 2008 vermochte es, dass die Autogiganten in Detroit, Wolfsburg oder Stuttgart sich ernsthaft um alternative Antriebsarten bemühten. Jetzt stellt man fest, dass es zwischen der Finanzkrise einerseits und der sich über viele Jahre verschärfenden Ölpreissituation andererseits einen direkten Zusammenhang geben könnte.

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Dieser Artikel wurde am 17.11.2009 aktualisiert.

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