18.10.2004 | Stories aus der Hartz IV-Gesellschaft

Das Vorstellungsgespräch

In der heutigen Gesellschaft werden nicht nur die Profite ungleich „privatisiert“, sondern auch die Kosten und die Probleme. Eine Geschichte aus dem Alltag.

Von Davide Brocchi, Köln

Meine x-te Bewerbung ging an ein so genanntes Call-Center. Vier Tage später bekam ich die Einladung zum Vorstellungsgespräch, das zweite Vorstellungsgespräch in einem einzigen Monat! Ich freute mich, hatte nämlich wieder eine Hoffnung, an der ich mich festhalten konnte, zumindest vorübergehend.

Zulange hatte ich mich mit dem planbar Nötigsten gerade über Wasser halten können. Das Ungeplante brachte mich immer wieder unter den Pegel der Überlebensfähigkeit: Das kaputtgegangene Fahrrad, mein einziges Transportmittel, die Jahresabrechnung der Stadtwerke, die Kleidung, die älter und älter wurde. An Urlaub oder Extras dachte ich schon lange nicht mehr und auch das Sozialleben musste unter dieser Situation leiden. Ich schaffte es gerade mal, ein paar schöne Momente mit meiner Freundin Julia zu verbringen, das Mindeste, um zusammen zu bleiben. Trotzdem häuften sich die Konflikte zwischen uns. Julia hatte einen Beruf und ein regelmäßiges Einkommen. Sie könnte sich viel mehr leisten, als ich und wahrscheinlich auch als mich. Manche Wünsche musste Julia verdrängen, nur der Beziehung zuliebe: Das fiel ihr nicht immer leicht. Auf jedem Fall wollte sie auf ihren nächsten Urlaub nicht verzichten. Ihn musste sie jedoch wieder allein planen.

Insbesondere das Thema “gemeinsame Perspektiven” sorgte für ständigen Streit: Ich hatte ganz andere und dringendere Probleme zu lösen, als über die gemeinsame familiäre Zukunft zu reden! Wenn Julia vor Zorn explodierte, dann warf sie mir oft meine eigene Arbeitslosigkeit vor: “Vielleicht liegt es ein bisschen auch an dir selbst!”, “Vielleicht machst du etwas falsch!”, “Vielleicht machst du nicht genug!”, “Vielleicht weißt du nicht genau, was du in deinem Leben möchtest!” Dabei fühlte ich mich wie ein Versager, das tat weh und machte mich gleichzeitig wütend: “Wenn du mich lieben würdest – antwortete ich – dann würdest du zu mir stehen, an mich glauben, auch in solchen Momenten, wo ich selbst schon verzweifelt bin! Was bist du denn für eine Freundin?! Glaubst Du, dass es mir Spaß macht, so zu leben? Meinst du nicht, dass ich schon alles versuche, um aus dieser Scheißsituation raus zu kommen? Für jeden Berufstätigen wie du ist es sehr einfach, einem Arbeitslose zu sagen, was er alles falsch macht. In meiner Situation muss ich mir von jedem sagen lassen, wie, wo und wofür ich leben soll, was ich Wert oder nicht Wert bin! Ich fühle mich wie ein Blatt in dem Wind! Ich werde dir es aber zeigen: sobald ich einen Job finde, verlasse ich dich! Du kannst mich mal!”

Meine Wut richtete sich nicht nur gegen Julia, sondern auch gegen diese ganze ungerechte Welt: Hätte ich mir eine Arbeitslose als Freundin suchen sollen? Jemand der für meine Situation mehr Verständnis hat? Mein eigenes privates Ghetto bilden? Wer sollte nach der Trennung den Umzug finanzieren? Welche Vermieter hätte einen Arbeitslosen als Mieter akzeptiert? In meiner Situation hätte ich mich nicht einmal trennen können, nicht einmal umziehen, wenn es so weit gekommen wäre. Noch schlimmer: Wenn ich in den nächsten Wochen keine Arbeit gefunden hätte, dann wäre der Schritt zum Sozialamt unvermeidbar gewesen. Neben meinem Einkommen hätte ich dort auch Julias Einkommen angeben müssen: Ich hätte weniger Sozialhilfe bekommen; Julia wäre dazu gezwungen worden, für mich finanziell zu sorgen. Und das wäre sehr unangenehm gewesen, für mich aber auch Julia gegenüber. Was für eine staatliche Idiotie: Wie kann man Menschen per Gesetz dazu zwingen, von einem anderen freien Mensch abzuhängen, ohne seine Einwilligung, nur weil zwei seit ein paar Jahren Liebe machen?

In der postmodernen Gesellschaft, wo Flexibilität und Mobilität in jeder Stellenanzeige und in jeder Arbeitsmarktreform ganz groß geschrieben werden, machte mich die Arbeitslosigkeit und die latente Armut immer unbeweglicher. Mir fehlte das Geld für jede Reise außerhalb Düsseldorf, für jedes Risiko, für jede Investition aufs Neue, für Weiterbildung, praktisch für jede Lebensveränderung. In dieser scheinbar freien Gesellschaft bekam ich keine Chance, mich von diesem sozialen Gefängnis zu befreien.

Allmählich machte sich bei mir das Gefühl breit, in einem ewigen Kreis eingeschlossen zu sein, einem Kreis von Bewerbungen und Absagen, von Kontaktversuchen und Ablehnungen. Meine psychische Energie gab zunehmend nach, ganz aufgeben wollte ich aber nicht. Eine leise innere Stimme versuchte mich immer wieder aufzuklären und aufzumuntern: “Jede Interpretation und Bewertung der Realität ist subjektiv, eine Privatsache, die keinen wirklich interessiert. Es lohnt sich positiv zu denken: Alles andere bringt gar nichts, du machst dich nur selbst fertig. Die Lösung des Problems liegt bei dir, du wirst es schaffen, so schwer kann es nicht sein: du hast studiert. Du bist erfahren. Du bist intelligent. Du bist engagiert. Du bist lernfähig…”

Solche positive Gedanken brachten mir einen instinktiven Schub an Existenzkampfenergie. Gleichzeitig deuteten solche inneren Schlagaustausche darauf, dass Schizophrenie oder Depression für mich keine Krankheiten mehr waren: Sie waren zum gewöhnlichen Teil meines Alltags geworden.

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Dieser Artikel wurde am 01.11.2009 aktualisiert.

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