06.12.2008 | Medien

Die Presse in Deutschland

"Die Welt besteht zu 99 Prozent aus Papier". Fast alles, was wir über die Welt erfahren, kommt aus den Medien. Die meisten von ihnen gehören Unternehmen, deren oberstes Ziel nicht immer die gute Information der Bürger ist. Der folgende Text bietet eine umfangreiche Analyse der Presse in Deutschland und macht einen Vergleich mit Italien.

Von Davide Brocchi, Köln

Inhaltsverzeichnis

  1. Die deutsche Presse im 20. Jahrhundert
  2. Die Struktur der deutschen Presse
  3. Redaktionelle Aspekte
  4. Entwicklungen und Trends
  5. Schlusswort
  6. Literatur

———————————

In Deutschland werden fast vier Mal mehr Zeitungen verkauft als in Italien. Ist dies ein Merkmal für eine stärkere Demokratie?
Die erste Antwort lautet: Ja. Dies bedeutet aber nicht, dass die Freiheit und die Vielfalt der deutschen Presse nicht gefährdet seien. Deshalb liefert der folgenden Text eine zweite etwas differenziertere Antwort. Nach einem Einblick in die Geschichte werden hier die Struktur, die neusten Entwicklungen und die Eigenart der deutschen Zeitungen erklärt.

1. Die deutsche Presse im 20. Jahrhundert

Schon um das Jahr 1900 wurden in Deutschland mehr Tageszeitungen als in Italien gelesen: Während der Corriere della Sera 60-70.000 Exemplare täglich verkaufte, hatte der Berliner Morgenpost eine Auflage von 250.000.
Die Weimarer Reichsverfassung von 1919 führte nach dem Ersten Weltkrieg die Meinungsfreiheit ein. Danach wurden viele neue Tageszeitungen gegründet: Mehr als Tausend zwischen 1921 und 1932. Eine solche Titelvielfalt wurde nie wieder erreicht: 4.275 verschiedene Zeitungen verkauften täglich bis 25 Millionen Exemplare. Diese Entwicklung erklärt sich auch durch die starke politische Polarisierung innerhalb der Weimarer Republik: Fast die Hälfte der Tageszeitungen bekannten sich hier zu einer parteipolitischen, gesellschaftspolitischen oder weltanschaulichen Richtung.

Nachdem Adolf Hitler 1933 Reichskanzler wurde, stellten die Nationalsozialisten in wenigen Monaten die Pressefreiheit ein. Das erste Opfer war die kommunistische Presse, dann folgten die sozialdemokratischen Zeitungen. Das aus diesen Redaktionen beschlagnahmte Vermögen wurde meistens nationalsozialistischen Verlagen übertragen. Mit dem Schriftleitgesetzt stellten die Nationalisten auch die restliche Presse in ihren Dienst: Nur diejenigen Journalisten, die in einer Berufsliste eingetragen waren, durften den Beruf des Chefredakteurs ausüben. Zu den Kriterien für die Eintragung in die Liste gehörte auch die „politische Zuverlässigkeit“. Damit war die deutsche Presse für elf Jahre keine selbstständige Kraft mehr, „sondern ein Instrument der Propaganda, der Beeinflussung und Erziehung des deutschen Volkes im Sinne des Nationalsozialismus und zur publizistischen Vorbereitung außenpolitischer Erfolge“ (Noelle-Neumann, 1999, S. 441).

Diktaturen haben sowohl in Italien als auch in Deutschland die Presse gelenkt, trotzdem fiel ihr Eingriff in die Unternehmensstrukturen der Zeitungen unterschiedlich aus. In Italien gehörten die Tageszeitungen meistens Unternehmern, die Benito Mussolini unterstützten. Als Gegenleistung erhielten sie mehr Autonomie im eigenen Geschäft. In Deutschland waren es hingegen Verlage, die Tageszeitungen herausbrachten. Sie wurden von den Nationalsozialisten zerschlagen und übernommen. Da die deutsche Presse von den Nazis komplett infiziert war,  wurde sie 1945 von den Alliiertenmächten auf Null gestellt.

Die Regierung der Alliierten diktierten einen sehr harten Verhaltenscodex für die Gründung von neuen Zeitungen. So wie der neue deutsche Staat föderalistisch organisiert wurde, um eine Wiederkehr zum alten preußischen Zentralismus vorzubeugen, sollte es nationale Tageszeitungen nicht mehr geben: Deutschland hat noch heute nur lokale, regionale und überregionale Tageszeitungen. Die lokale Aachener Nachrichten und die überregionale Süddeutsche Zeitung waren die ersten Blätter, die unter der Kontrolle der Alliierten gegründet wurden.

Im Gegensatz zu der Weimarer Republik bekannte sich die neue westdeutsche Presse nur sehr selten in einer parteipolitischen Orientierung: 1967 waren nur vier Prozent der Blätter in der Bundesrepublik Deutschland als fest- oder grundrichtungsbestimmt (Noelle-Neumann, 1999, S. 384). Parteitageszeitungen wie in Italien gibt es in Deutschland nicht. Nach dem Willen der Alliiertenmächte durfte sich das politische Spektrum der deutschen Presse zwischen einem konservativen und einem linken Liberalismus bewegen. Vor allem die Boulevardzeitung Bild enthielt antikommunistische Töne und wurde Ende der Sechziger Jahre bei den Studentenprotesten immer wieder angegriffen.

Für Aufruhr sorgte 1962 die sogenannte Spiegel-Affäre, als mehrere Redakteure sowie der Herausgeber und Chefredakteur des populärsten westdeutschen Nachrichtenmagazins festgenommen wurden. Die Anklage lautete: Landesverrat, für die Veröffentlichung von militärischen Geheimnissen. Die Leser reagierten entsetzt und demonstrierten auf der Strasse für die Pressefreiheit. Nach wenigen Tagen kamen die Redakteure wieder auf freien Fuß. Solche Ereignisse sind ein Beleg für die Spannung zwischen der Bundesregierung und der freien Presse. Sie hält bis heute an: Im September 2005 lies der damalige Innenminister Otto Schily die Redaktion der politischen Zeitschrift Cicero durchsuchen, weil Informationen aus vertraulichen Akten des Bundeskriminalamtes in einem Artikel zitiert worden waren. Noch gravierender ist der Skandal der systematischen Abhörung von Journalisten durch die deutschen Geheimdienste. Diese setzten sogar Journalisten als Spitzel in einigen Redaktionen ein (u.a. bei dem Spiegel, Focus und der Süddeutschen Zeitung). Scheinbar stellten die Geheimdienste solche Aktivität erst vor wenigen Jahren ein. Obwohl solche Ereignisse Besorgnis erregend sind, können sie aber mit der Lage der Presse in der DDR kaum verglichen werden.

Nach dem Fall der Berliner Mauer wurden viele ostdeutsche Tageszeitungen privatisiert. Den Zuschlag erhielten durchweg große westdeutsche Verlage, die allein die hohen Verkaufspreise zahlen und Übernahme-Konzepte vorlegen konnten. Seitdem leidet die Presse in den neuen Bundesländern an einer besonders hohen Marktkonzentration. In Westdeutschland war das Problem schon seit 1950 bekannt. In der Tat sank zwischen 1954 und 1997 die Zahl der Verlagsbetriebe, die Tageszeitungen herausgaben, von 624 auf 371.

1997 wurden mehr als die Hälfte aller täglich verkauften Zeitungsexemplare von nicht mehr als drei Prozent der Zeitungsverlage herausgebracht. Allein fünf Verlagsgruppen verfügen heute über einen Marktanteil von 42 Prozent. Die Zahl der selbstständig redigierten politischen Teile ging zwischen 1954 und 1976 um einen Drittel zurück. Starke Befürchtungen begleiten auch die Entstehung von Lokalmonopolen. Die Zahl der Ein-Zeitungs-Kreise stieg zwischen 1954 und 1989 fast auf das doppelte: Jeder dritte Einwohner des alten Bundesgebiets ist für die Unterrichtung über das lokale Geschehen auf eine einzige Zeitung angewiesen, hat also keine Wahlmöglichkeit mehr.

2. Die Struktur der deutschen Presse

Wichtige Merkmale der Struktur der deutschen Presse sind:

  • In Deutschland gibt es zwei Gruppen von Zeitungen: die quality papers (auch „Qualitätskaufzeitungen“ genannt) und die popular papers (Boulevardzeitungen). Zu den ersten gehören zum Beispiel die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) und die Süddeutsche Zeitung (SZ). Zu den zweiten die Bild-Zeitung und der Express. Diese Trennung hat seinen Ursprung in der Tradition der angelsächsischen Presse. Sie spiegelt die soziale Ungleichheit zwischen Eliten und Massen wider. Die quality Papers orientieren sich vor allem ans Ziel der Information. Die zentrale Funktion der Boulevardzeitungen ist hingegen die Unterhaltung. Klatsch, Sex und Verbrechensdelikte bekommen hier die Titelseite. Trotzdem üben die Boulevardzeitungen auch einen politischen Einfluss: Nicht nur weil sie auch über Politik berichten, sondern weil sie die meist verbreiteten Blätter der Bundesrepublik sind.
  • In Deutschland unterscheidet man auch zwischen Straßenverkaufzeitungen und Abo-Zeitungen. Die Boulevardpresse wird nur an der Strasse, in Kiosken und in Presseläden verkauft. Drei Viertel der Tageszeitungen werden hingegen per Abonnement vertrieben (nur neun Prozenz in Italien). Davon profitiert vor allem die lokalen und regionalen Blätter. Durch den hohen Anteil an Abonnements gilt der deutsche Leser als treu und verlässlich. Dies bietet den Redaktionen eine gewisse Plansicherheit.
  • In Deutschland gibt es keine nationalen, sondern nur lokale, regionale und überregionale Tageszeitungen. Vor allem regionale und lokale Tageszeitungen haben in diesem Land Tradition: 70 Prozent der Gesamtauflage fiel 2005 auf sie zurück, nur 7,6 Prozent auf die zehn überregionalen Tageszeitungen und 22,4 Prozent auf Straßenverkaufszeitungen.
  • Die Eigentümer der deutschen Tageszeitungen sind Verlage – und keine Parteien oder Unternehmen wie in Italien.

Ein genaueres Profil der deutschen Presse erörtern die folgenden Paragrafen.

2.1  Statistik

In keinem anderen europäischen Land werden so viele Tageszeitungen wie in Deutschland verkauft: im Jahr 2006 21,19 Millionen Exemplare täglich (zum Vergleich: weniger als 6 Millionen in Italien). Es gibt 353 Tageszeitungen, davon sind 334 lokale oder regionale Tageszeitungen (Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger, 2006). Sie werden von 359 Verlagen herausgebracht (Puerer/Raabe, 2007, S. 406).

Auflage wichtigster Printmedien (2007)

Titel

Verkaufte Auflage

Überregionale Abo-Zeitungen

Süddeutsche Zeitung

523.185

Frankfurter Allgemeine Zeitung

360.915

Die Welt (Berlin + Hamburg)

205.137

Frankfurter Rundschau

152.166

Handelsblatt

143.415

Straßenverkaufszeitungen

Bild

3.547.644

Express (Köln / Bonn / Düsseldorf)

216.265

B.Z.

186.947

Die Abendzeitung (München, Nürnberg)

148.706

Hamburger Morgenpost

109.697

Regionale Abo-Zeitungen

Westdeutsche Allgemeine Zeitung (Essen)*

580.000

Rheinische Post (Düsseldorf)

397.323

Freie Presse

334.476

Sächsische Zeitung (Dresden)

288.207

Hamburger Abendblatt

260.455

Quelle: http://www.ivw.eu; * WAZ-Impressum

 

Wahrend in Italien 2005 nur 41 Prozent der Bevölkerung angab, täglich Zeitung zu lesen, waren es in Deutschland 74,8 Prozent (Puerer/Raabe, 2007, S. 314). Mit dieser Zeitungsreichweite liegt Deutschland in einem guten Mittelfeld unter den europäischen Ländern, ähnlich wie Österreich und die Schweiz. Trotzdem –  auch nördlich der Alpen nahm die Zahl der Leser in den letzten 15 Jahren ständig ab: In der Bundesrepublik werden heute fast 6 Millionen weniger Tageszeitungen als 1991 verkauft. Von diesem Medium entfernten sich vor allem die jungen Menschen: „Sie zählen am ehesten zu jenen Medienkonsumenten, die das Internet als ‚Allroundmedium’ für sich erschlossen haben. Sie sind es auch, die auf das Fernsehen mehrheitlich am wenigsten verzichten wollen. Den öffentlich-rechtlichen Sendern zugeneigte Fernsehzuschauer hingegen bleiben der Zeitung in höherem Masse treu.“ (Puerer/Raabe, 2007, S. 317)

Eine bedeutende Abnahme der Leserschaft war auch unter den Senioren zu verzeichnen. In Westdeutschland werden deutlich mehr Tageszeitungen als in Ostdeutschland gelesen. Die Ostdeutschen greifen besonders selten auf überregionale Tageszeitungen, vielleicht weil sie meistens aus dem Westen kommen. Männer lesen viel häufiger als Frauen Boulevardzeitungen. Auch unter den Lesern von überregionalen Tageszeitungen liegen die Männer vorn, diesmal aber jene mit einem überdurchschnittlichen Einkommen.

Welche Themen interessieren die Deutschen in einer Tageszeitung? Seit vielen Jahren stehen an erster Stelle die lokalen Berichte (bei 83 Prozent der Leser im Jahr 2003), gefolgt von politischen Berichten aus dem Inland (69 Prozent) und aus dem Ausland (60 Prozent), dem Leitartikel (44 Prozent), den Anzeigen und den Leserbriefen (43 Prozent).

Welche Motivation haben Deutsche, eine Tageszeitung zu lesen? 98 Prozent der Leser nennen die Information als ersten Grund. Der zweite Grund ist „Mitreden können“ (bei 79 Prozent der Leser). 65 Prozent der Befragten nennen „Spaß“ und 63 Prozent „Denkanstöße bekommen“.

Obwohl die deutschen Tageszeitungen ihren Inhalt und Umfang ständig erweitert haben und die gesamte Mediennutzung zunimmt, ist der durchschnittliche Zeitaufwand für die Zeitungslektüre seit 1970 um einen Fünftel zurückgegangen. Im Durchschnitt verbringen die deutschen Leser 28 Minuten täglich auf einer Tageszeitung, das heißt 5 Prozent von ihrem Medienbudget (10 Stunden pro Tag). Das wichtigste Medium ist in Deutschland das Fernsehen (3 Stunden und 40 Minuten pro Tag). Beim Radiohören verbringen die Deutschen fast genauso viel Zeit (vgl. Kopper, 2006, S.288).
  

2.2      Wirtschaftliche Struktur

Trotz ausgeprägter Titel- und vor allem Ausgabenvielfalt ist der deutsche Tageszeitungsmarkt von relativ hoher (Auflagen-)Konzentration gekennzeichnet. Allein die fünf größten Tages-zeitungsverlagsgruppen kontrollieren 41,3 Prozent der Gesamtauflage.

Die zehn größten Tageszeitungsverlage 2004 

 

Verlagsgruppe

1989

1995

2000

2004

1 Axel-Springer AG, Hamburg/Berlinu.a.: Bild, Die Welt, Berliner Morgenpost, B.Z.

26,7

23,3

23,6

22,7

2 Verlagsgruppe WAZ, Essenu.a.: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Westfaelische Rundschau, Westfalenpost, Ostthueringer Zeitung

6,0

5,5

6,0

6,0

3 Verlagsgruppe Stuttgarter Zeitung / Die Rheinpfalz / Südwestpresse, Ulm

3,2

5,0

5,0

5,0

4 Verlagsgruppe DuMont Schauberg, Koelnu.a.: Koelner Stadt-Anzeiger, Express, Mitteldeutsche Zeitung

3,3

4,4

4,4

4,0

5 Ippen-Gruppe, Muenchenu.a.: Münchener Merkur, tz, Westfälischer Anzeiger

3,0

2,7

2,9

3,9

6 Holtzbrinck, Stuttgartu.a.: Handelsblatt, Der Tagesspiegel, Saarbrücker Zeitung

2,5

2,5

3,6

7 Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurt am Mainu.a.: FAZ, Frankfurter Neue Presse, Märkische Allgemeine

2,4

2,9

3,0

3,1

8 Gruner + Jahr, Hamburgu.a.: Berliner Zeitung, Berliner Kurier, Sächsische Zeitung, Financial Times Deutschland

3,6

2,8

2,8

9 Madsack, Hannoveru.a.: Hannoversche Allgemeine Zeitung, Göttinger Tageblatt

1,9

2,5

2,4

2,5

10 Süddeutsche Zeitung, Muenchenu.a.: Sueddeutsche Zeitung, Neue Presse, Freies Wort

3,6

3,2

3,3

2,5

SUMME

54,8

55,7

55,9

56,1

Quelle: Eigene Zusammenstellung; aus Quelle: Puerer/Raabe, 2007, S. 409-410

Die bundesdeutschen Tageszeitungen erreichten 2004 einen Gesamtumsatz von 8,847 Milliarden Euro: 46,8 Prozent davon waren Erlöse aus dem Verkauf und 53,2 Prozent aus Werbung und Anzeigen. Der Anteil der Werbung am Gesamtumsatz ist in den letzten zehn Jahren stark gesunken. Dies hatte vor allem zwei Gründe: die Wirtschaftsrezession und die steigende Konkurrenz durch andere Medien (vor allem das Privatfernsehen und das Internet).

2.3  Politische Orientierung

Obwohl sich der angelsächsische Journalismus gerne als überparteilich bezeichnet, ist in den deutschen überregionalen Tageszeitungen eine politische Orientierung erkennbar. Die vier Zeitungen Die Welt, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung und Frankfurter Rundschau stehen für die politische Orientierungen rechts, gemäßigt rechts, gemäßigt links und links. Ein weiteres überregionales Blatt, die linksorientierte die Tageszeitung (taz), wurde 1979 in Berlin gegründet und gehört seit 1992 einer Verlaggenossenschaft mit mehr als 7.000 Mitgliedern. Sie versteht sich als Organ der alternativen Szene und bedient seitdem dieses besondere Segment von Lesern, mit einer Auflage von 57.000 Exemplaren.

Die Wiedervereinigung hat die eher liberale westdeutsche Presse um einige sozialistisch geprägte Blätter bereichert, die aber keine hohe Auflage haben. Die Tageszeitung Neues Deutschland stand der PDS und nun der Linkspartei von Oskar Lafontaine und Gregor Gysi nah (Auflage: 43.000). Auch die Junge Welt aus Berlin stammt aus der DDR und verfügt heute über eine Auflage von 14.000 Exemplaren.

Katholisch orientiert ist die Zeitung Der Tagepost aus Würzburg. Er erscheint dreimal pro Woche mit einer Auflage von 13.000 Exemplaren. Schließlich gibt es zwei überregionale Tageszeitungen mit einer wirtschaftlichen Orientierung: der Handelsblatt aus Düsseldorf (143.415) und die Financial Times Deutschland (103.489).
 

2.4 Zeitschriften

In Deutschland werden rund 20.000 verschiedene Zeitschriften herausgegeben. Bei einer solchen hohen Zahl ist es nicht einfach, einen Überblick zu liefern. Hier werden deshalb nur die wichtigsten politischen überregionalen Zeitschriften erwähnt.

Die deutschen Nachrichtenmagazine sind drei: Der Spiegel (verkaufte Exemplare 2007: 1.051.113 ), Stern (1.011.290) und Focus (711.171). Zusammen haben sie eine Auflage von 2,8 Millionen Exemplaren und erreichen fast 20 Millionen Leser, die im Durchschnitt 45 Jahre alt sind.

Der Spiegel wurde 1947 gegründet, hatte ursprünglich eher eine linke Orientierung, die in den letzten Jahren eine linksliberale wurde. Bis vor wenigen Jahren wurde er als Musterzeitschrift des korrekten deutschen Sprachgebrauchs empfohlen. Focus ist eher liberalkonservativ ausgerichtet. Der Stern ist eine Mischung aus einem Nachrichtenmagazin und einem Illustrierter.

Zu den Wochenzeitungen, die eine Auflage von 100.000 erreichen, gehören die liberale Die Zeit (480.232), die Deutsche Handwerks Zeitung (474.370) und die technikorientierte VDI-Nachrichten (150.996). Zu erwähnen sind auch die Parteiwochenzeitung Bayernkurier (65.760) der bayrische konservativen Christsozialen (CSU) und die linke Freitag (12.352).

3. Redaktionelle Aspekte

Wie ist eine deutsche Zeitung? Diese Frage hat mindestens zwei Antworten: Die erste betrifft die Qualitätszeitungen, die zweite die Boulevardzeitungen.

3.1 Die Qualitätszeitungen

Die deutschen Qualitätszeitungen haben eine nüchterne und uniforme Erscheinung. Der Fließtext überwiegt gegenüber Bildern und Grafiken. In den letzten Jahren wurde das Layout vieler Tageszeitungen moderner. 2007 hat sogar die Frankfurter Allgemeine Zeitung ihre konservative Grafik aufgegeben.

In den Berichten der deutschen Tageszeitungen wird ein Ereignis nur selten bewertet. Die Titel der Artikel sind in der Regel sachlich und zurückhaltend. Nehmen wir die US-Präsidentschaftswahl Ende 2004 als Beispiel: Wahrend die linksliberale Süddeutsche Zeitung und die rechtsorientierte Die Welt mit „Bush bleibt Präsident der USA“ und „Bush bleibt im Weißen Haus“ titelten, schrieb die linke Unità in Italien „Wir müssen ihn für weitere vier Jahre vertragen“ (It.: Dobbiamo tenercelo per altri quattro anni) und die rechtskonservative Il Giornale von Silvio Berlusconi „Bush gewinnt haushoch – die italienische Linke regt sich auf“ (It.: Bush stravince – La sinistra italiana stramazza). Eine Ausnahme bildet Deutschland die taz, die eher der italienischen Tradition folgt und „warme“ Titel gerne verwendet.

In der deutschen Presse werden Meinung und Information konsequenter getrennt als in Italien. Die Redaktion äußert ihre eigene Position im Leitartikel auf der ersten Seite bzw. in den Kommentaren (Seite 4 in der Süddeutschen Zeitung).

Im Allgemeinen unterscheiden sich die Themenbreite der deutschen Zeitungen wenig von den italienischen. In der deutschen Presse bekommen die Fernsehenereignisse viel weniger Raum als in der italienischen. Das Gleiche gilt für die Verbrechens- und Unfallberichte sowie die Klatschberichte (Cronaca Nera und Cronaca Rosa): das ist der Preis einer fehlenden Trennung zwischen Qualitätszeitung und Boulevardzeitung in Italien.

Die deutsche Tageszeitung druckt auf der ersten Seite den Aufmacher, wichtige Berichte des Tages und ein Inhaltsverzeichnis, die weiteren Themen der folgenden Seiten kurz zusammenfasst. Die zweite Seite widmet die Süddeutsche Zeitung (SZ) dem „Thema des Tages“. Es folgt „Die Seite drei“ mit den wichtigsten innenpolitischen Berichten; die „Meinung“ (Seite 4) mit verschiedenen Kommentaren; die „Politik“ (vier bis sechs Seiten), vor allem mit außenpolitischen Themen; und schließlich „Panorama“ (zwei Seiten), mit Berichten über ungewöhnlichen und kuriosen Ereignissen (u.a. lokale Gewaltakten) sowie über Lebensstil, Mode und Prominenten.

Bei der Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) gehören die ersten sieben Seiten der Rubrik „Politik“. Auf der zweiten Seiten werden die wichtigsten Themen des Tages vertieft. Hier findet man die Fortsetzung einiger Berichte der ersten Seite sowie die „Stimmen der Anderen“, das heißt übersetzte Zitate aus ausländischen Tageszeitungen zu bestimmten Themen. Die weiteren Seiten der „Politik“ behandeln die Themen der Innenpolitik und dann der Außenpolitik, über die Europäische Union bis zum Rest der Welt. Auf der Seite 8 werden die „Briefe an die Herausgeber“ gedruckt, dann folgt „Deutschland und die Welt“, die mit der Rubrik „Panorama“ der SZ vergleichbar ist. Eine weitere Rubrik wechselt in der FAZ von Tag zu Tag: Sie wird am Dienstag den „Politischen Büchern“ gewidmet, am Donnerstag dem „Zeitgeschehen“.

Bei vielen deutschen Tageszeitungen sind der Wirtschaftsteil, der Kulturteil (Feuilleton) und der Sportteil drei Zeitungen in der Zeitung. Im Wirtschaftsteil findet man Nachrichten über die Wirtschaftspolitik, die Finanzmärkte und die wichtigsten Unternehmen. Im Feuilleton wird hingegen über Kunst, Kino, Literatur, Medien und Wissenschaft berichtet. Die wichtigste Sportart ist in Deutschland wie in Italien der Fußball.

Am Mittwoch und insbesondere am Samstag bringen die Tageszeitungen ihre Anzeigeblätter heraus. Den Extraseiten gehören die Jobangebote, die Anzeigen aus dem Immobilien- und Automarkt aber auch die Bekanntschaftsanzeigen. Sie beziehen sich meistens auf die Stadt und die Region, in der die Tageszeitung erscheint. Den Einwanderern, die auf der Suche nach einer Arbeit oder einer Wohnung sind, bieten diese Seiten oft eine erste wichtige Hilfe.

Die redaktionelle Struktur der Tageszeitung spiegelt sich in der Struktur der jeweiligen Homepage wider. Die Artikel sind aber nicht immer die gleichen, insbesondere wenn die virtuelle Ausgabe über eine eigene Redaktion verfügt, die die Beiträge auch im Laufe des Tages aktualisiert.

Tageszeitungen im Web (Auswahl)

Süddeutsche Zeitung www.sueddeutsche.de
Frankfurter Allgemeiner Zeitung www.faz.net
Die Welt www.welt.de
Frankfurter Rundschau www.fr-online.de
Die tageszeitung (taz) www.taz.de

 

3.2  Die Boulevardpresse

Während die Qualitätspresse großen Wert auf Schlichtheit und Zurückhaltung legt, zeichnet sich die Boulevardpresse durch starke Kontraste aus. Ihre Grundfarben sind Schwarz und Rot. Die Bilder überwiegend gegenüber dem Fließtext.

Auf der Titelseite wird die Nachricht des Tages praktisch geschrien und dramatisiert, egal um welches Thema es geht: das Privatleben eines ehemaligen Tennisstars oder der Klimawandel. Auch Gewalt und Erotik erhalten oft einen möglichst sichtbaren Platz. Die journalistische Sprache ist hier jene der Straße: Der Leser soll die Tageszeitung als Freund betrachten, mit dem er über die pikanten Gewohnheiten des Nachbars plaudern kann.

Solche Boulevardzeitungen stehen sehr oft in der Kritik – und zwar nicht nur, weil sie Träger einer konservativen und zynischen Kultur sind. Die Redaktionen arbeiten manchmal mit fragwürdigen Methoden.

4.  Entwicklungen und Trends

Seit Mitte der Neunziger Jahre hat die deutsche Presse vier Phasen durchgemacht (Puerer/Raabe, 2007, S. 387): eine Phase der Stabilisierung nach der Wiedervereinigung Deutschlands, des Aufschwunges (bis 2001) und dann der Krise. In den letzten Jahren wurden Auswege aus der Krise gesucht. 

4.1 Phase der Stabilisierung (1994-1998)

Der deutsche Pressemarkt kam nach den Neben- und Nachwirkungen der Wiedervereinigung wieder zur Ruhe. Der markante Auflagenrückgang, der vor allem nach 1990 in den neuen Ländern zu verzeichnen war, schwächte sich ab. Zeitungs- und Zeitschriftenverlage begannen, sich im Online-Bereich zu engagieren und bauten eigene Internet-Auftritte auf. Viele Printunternehmen entwickelten sich dadurch zu multimedialen Medienkonzernen und Informationsdienstleistern. Vorreiter in dieser Entwicklung war der Spiegel-Verlag. Seit Oktober 1994 ist das Nachrichtenmagazin im World Wide Web vertreten (unter: www.spiegel.de). Ihm folgten 1995 die Schweriner Volkszeitung, der Tagesspiegel (Berlin), Die Welt und die tageszeitung (taz), u.a..

4.2  Phase des Aufschwunges (1998-2001)

Das Wirtschaftswachstum dieser Jahre basierte auch auf dem Multimedia- und New-Economy-Hipe. Dies bescherte dem deutschen Pressewesen steigende Werbe- und Anzeigeneinnahmen. Besonders zugute kam der Aufschwung den überregionalen Tageszeitungen und den Straßenverkaufszeitungen. Die zusätzlichen Einnahmen investierten die Presseverlage vor allem in drei Trends:

  • Ausweitungen in bestehenden Ressorts: Sie betrafen zum Beispiel die Erweiterung der Lokalteile, der Politikteile (z.B. Hintergrundsberichterstattung und Kommentierung der Ereignisse der großen Kriegsherden), der Service-Teile (Life-Style, Events, Ratgeber) sowie der Wirtschafts- und Kulturteile. Auch die Medienberichterstattung gewann an Bedeutung.
  • Ausweitungen durch neue redaktionelle Teile: zum Beispiel kamen Tageszeitungen wie die taz oder die Süddeutsche Zeitung mit einer regionalen Ausgabe für das bevölkerungsreiche Land Nordrhein Westfalen aus. Die Verlegung der Hauptstadt von Bonn nach Berlin veranlasste zahlreiche Tageszeitungen, die Berichterstattung über die neue Hauptstadt zu intensivieren.
  • Ausweitungen durch Zeitungsneugründungen: Der Spiegel-Verlag versuchte 1998, eine eigene Tageszeitung (Der Tag) auf den Markt zu bringen. Nach weniger als drei Monaten ging das Experiment aber zu Ende. Viel erfolgreicher verlief die Gründung des Financial Times Deutschland durch den Verlag Gruner + Jahr.

In dieser Phase gab es auch Versuche, Gratistageszeitungen und Sonntagszeitungen auf dem deutschen Pressemarkt zu etablieren. Die Idee der Gratiszeitungen kam aus Skandinavien. Sie sollten sich ausschließlich durch Anzeigen finanzieren und lagen an Kiosken, als freie Stapelauslagen oder in Zeitungsboxen an Haltestellen öffentlicher Verkehrsmitteln. Die meisten Versuche, die Verlage oder Unternehmen in diese Richtung starteten, scheiterten, u.a. am Widerstand der bestehenden Verlage, die mit eigenen Abwehrkonzepten reagierten. Das bekannteste Beispiel kommt aus Köln: Ende 1999 gründete der norwegische Schiebsted-Verlag den Gratistageszeitung 20 Minuten Köln. Der Kölner Verlag DuMont Schauberg und der Springer Verlag setzten der Neuerscheinung zwei eigene Gratistitel entgegen: Kölner Morgen und Köln extra. Zugleich strebten die zwei Verlage Gerichtsverfahren wegen unlauteren Wettbewerbs gegen Schibsted an, die aber erfolglos blieben. Trotzdem ging die Geschichte von 20 Minuten Köln im Juli 2001 zu Ende.

Neben Bild am Sonntag und Welt am Sonntag kam im September 2001 eine dritte Sonntagszeitung auf den Markt: die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Sie hat sich relativ schnell etabliert: Ihre Auflage betrug im 2. Quartal 2005 über 310.000 Exemplare.

4.3  Phase der Krise (2001-2004)

Ab Mitte 2001 kam es in Deutschland zu einem dramatischen Rückgang der Werbeerlöse. Der Gesamtumsatz der Tageszeitungen sank 2003 auf die Werte von 1994 zurück. Die überregionalen Tageszeitungen in Westdeutschland wurden von der Krise besonders stark getroffen: Sie verloren mehr als die Hälfte ihrer Werbeeinnahmen. Die Reaktion war eine Leistungsreduktion im publizistischen Bereich, Personalkürzungen, Zusammenlegung von Redaktionen und Schließung von Lokalredaktionen. Bundesweit wurden 46 (meist lokale) Zeitungsausgaben eingestellt. Die Online-Auftritte wurden zurückgefahren: Man hatte feststellen müssen, dass die Werbung nicht ausreichte, um sie zu refinanzieren. Die Nutzer waren zu selten bereit, dafür zu zahlen.   

Trotz starker Sparmassnahmen standen manche Tageszeitungen kurz vor der Schließung. Die linksliberale Frankfurter Rundschau wurde im letzten Moment durch eine Bürgschaft des Landes Hessen gerettet. Dieser Schritt der Landesregierung sorgte für viel Diskussionsstoff: Inwiefern sollte Staatshilfe für Zeitungen bzw. für die Unabhängigkeit von Zeitungen zugelassen werden? Eine Medienholding der sozialdemokratischen Partei (SPD) übernahm schließlich die marode Tageszeitung. Seit dem Sommer 2006 steht die Frankfurter Rundschau unter der Kontrolle der Kölner Verlagsgruppe DuMont Schauberg.   

4.4  Wege aus der Krise (ab 2004)

Die Krise hat die Erlösstruktur der Tageszeitungen nachhaltig verändert. Für die Zeitungsverleger stellt sich nun die Frage, wie die Verluste durch die verminderten Werbeeinnahmen aufgefangen werden können. Dazu kommt, dass die Gesamtauflage seit Jahren abnimmt. Sicher ist, dass die Leser nicht durch höhere Zeitungspreise belastet werden dürfen: Die FAZ kostet bereits 1,60 € und die SZ 1,80 € (zum Vergleich: Il Corriere della Sera kostet 1,30 €). Welche Strategien bleiben also übrig? Die Zeitungsverleger konzentrieren sich auf die folgenden vier.

Kompaktausgaben bzw. Tabloids
Im Ausland ist das s.g. Tabloid-Format ein Erfolgrezept. Es ist handlicher, halb so groß wie die Original-Formate. Am Anfang wurde er im englischen Sprachraum nur für Boulevardzeitungen verwendet, aber mit der italienischen La Republica, der britischen Independent oder der spanischen El Mundo hat er sich mehr und mehr auch für die quality papers bewährt. Deshalb haben ab 2004 auch in Deutschland immer mehr Tageszeitungen auf dieses Format umgestellt. Ein Beispiel sind Welt kompakt (Berlin, Springer Verlag) und die Frankfurter Rundschau. Andere Zeitungsverlage geben Tabloid-Ausgaben heraus, die mit der bestehenden Abonnentenzeitung verschickt werden, um besondere Zielgruppen besser zu erreichen und zu binden. Zum Beispiel die Kölner Stadt-Anzeiger Direkt, nicht größer als eine DIN A4, richtet sich an die Zielgruppe der 20- bis 39-Jaehrigen. Es gibt auch Beispiele von kleinen Lokalzeitungen, die mit den großen Abonnentenzeitungen verkauft werden: Zum Beispiel die Leine Zeitung in der Hannoverschen Allgemeinen.

Neue (Zusatz-)Produkte
Auch diese Idee kommt aus den Auslandsmärkten, zum Beispiel aus Italien, wo „große Zeitungen wie die italienische La Repubblica in den vergangenen Jahren beachtliche unternehmerische Erfolge erzielt hatten, indem sie am Kiosk Zugaben zur Zeitung, vor allem Bücher, verkauften.“[1] Das Konzept der „Gadget“ konnte aber in Deutschland nicht eins zu eins übertragen werden, da sich die Rechtslage, das Kaufverhalten oder die Vertriebswege von der italienischen unterscheiden. Zum Beispiel ist in Deutschland ein Koppelungsgeschäft, wie der Verkauf von einer Zeitung mit einem Buch, verboten. Trotzdem haben in den letzten Jahren auch in Deutschland immer mehr überregionale Zeitungen auf „Gadgets“ zurückgegriffen, um ihre Auflage zu steigern. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat eine 20-teilige Opernedition herausgebracht; die Süddeutsche Zeitung hat im März 2004 mit der SZ-Bibliothek eine 50 Bände umfassende Sammlung erfolgreicher Belletristik-Titel und Romane gestartet (Motto: Lese.Freude.Sammeln).

Post von der Zeitung
Die Tageszeitungen werden in Deutschland nicht immer über die Post verteilt, sondern verfügen über einen eigenen Vertrieb, der in dem frühen Morgen die frische Ausgabe nach Hause liefert. Dieser Vertriebt wird bereits genutzt, um Werbeblätter von Unternehmen mit den Zeitungen zu verteilen. Nach der Liberalisierung des deutschen Briefmarktes ab 1998 wurde mehr und mehr an eine Erweiterung der Postdienstleistungen der Zeitungsverlage gedacht. Dies gestaltet sich aber als nicht so einfach (Puerer/Raabe, 2007, S. 405).

Erweiterung und Stärkung des multimedialen Angebots
Jeder Deutsche verbringt durchschnittlich 40 Minuten pro Tag beim Internetsurfen, länger als beim Zeitungslesen (vgl. Kopper, 2006, S. 288). Ca. 58% Bevölkerung über 14 Jahren nutzten 2005 das Internet: Prognosen sprechen von einem Anstieg auf 75% bis 2010. So oder so kann die steigende Bedeutung der Neuen Medien an den Zeitungsredaktionen nicht vorbei gehen. Nach den ersten Online-Versuchen scheinen viele von ihnen den richtigen Weg zum lohnenden Internetauftritt gefunden zu haben. Die Internetangebote der Zeitungen in Deutschland waren 230 im Jahr 2000; 631 fünf Jahre später (Puerer/Raabe, 2007, S. 433). Mit großem Abstand ist Spiegel Online die erfolgreichste Online-Zeitung, mit mehr als 53 Millionen Besucher im Jahr 2005. Unter www.spiegel.de findet man immer die wichtigsten Nachrichten. Die Beiträge werden fast stündlich aktualisiert. Der Spiegel-Newsletter, den man kostenlos abonnieren kann, fasst alle Online-Berichte des Tages zusammen.

Unter den Tageszeitungen haben die Online-Auftritte der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Allgemeine Zeitung mehr als 6 Millionen Besucher pro Jahr. Nach wie vor ist die Finanzierung solcher Auftritte eine unbeantwortete Frage, wobei die Werbeinvestitionen im Internet langsam steigen: von 153,4 Millionen im Jahr 2000 auf 332 Millionen im Jahr 2005. Dies sind aber nur 2% der deutschen Netto-Gesamtwerbe-Aufkommen. Die Bedeutung der Bezahlinhalte steigt, wobei diese Einnahmen immer noch ein kleiner Posten neben den Werbeeinnahmen der Online-Zeitungen ausmachen. Warum investieren die Zeitungsverlage trotzdem so viele Ressourcen auf ihre Online-Präsenz?

Weil Internet zunehmend zu einer Konkurrenz für die gedruckte Tageszeitung wird: Im Web wird nämlich eine große Menge an Informationen angeboten – und zwar kostenlos. Ein weiterer Grund ist die Sicherung des Kerngeschäfts: der Anzeigemarkt. Eine Online-Präsenz bietet auch die Möglichkeit, neue Werbe- und Anzeigeformen zu erschließen und an den Nutzer zu vermitteln. Das Internet erreicht bestimmte Segmente, wie Jugendliche, besser als die gedruckte Tageszeitung. Schließlich dient die Internet-Präsenz zur Pflege des Image der Tageszeitungen.

5. Schlusswort

Nicht nur für die deutsche Gesellschaft, sondern auch für die Presse bedeuteten die Ereignisse zwischen 1933 und 1945 eine tiefe Zäsur. Die propagandistische Nutzung der Presse durch die Nationalsozialisten wirkt immer noch als Warnung gegen jeden Versuch der Politik, in die Pressefreiheit einzugreifen. Trotzdem hat die Pressevielfalt in Deutschland in den letzten Jahrzehnten abgenommen. Ein kritischer und investigativer Journalismus ist auch in diesem Land auf dem Rückzug. Die wirtschaftlichen Ziele und die Marketingstrategien spielen in den Zeitungsverlagen eine immer wichtigere Rolle, oft auf Kosten der journalistischen Ziele. Diese Entwicklung spiegelt eine gesellschaftliche Entwicklung wider – und prägt sie gleichzeitig.

Als Medium ist die Tageszeitung zwar in der Krise, aber noch kein Auslaufmodell. Viele Menschen finden hier immer noch die Möglichkeit, Hintergründe und Zusammenhänge in Politik und Wirtschaft zu begreifen und zu vertiefen. Die Tageszeitung kann überall mitgenommen und auch in einem Café gelesen werden. Unter den Lesern genießt dieses Medium immer noch ein größeres Vertrauen als das unkontrollierte Informationsangebot im Internet.

Im Vergleich zur italienischen Presse bieten die deutschen Qualitätszeitungen weniger Einstiegsmöglichkeiten für junge Leser. Andererseits ist die deutsche Tageszeitung in seinem Informationsgehalt verlässlicher.

Die Ausnahme ist natürlich die Boulevardpresse. Es gibt sicher zu denken, dass die mit Abstand meistgelesene Tageszeitung in Deutschland die Bild-Zeitung sei. Vielen Menschen erscheint diese Presse leichter, bildhafter und unterhaltsamer. Ihr Informationsgehalt, ihre Objektivität und ihr pädagogischer Wert sind aber fragwürdig.

© Davide Brocchi, Köln, 06.12.2008

6. Literatur

  • Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger: Zeitungen 2006. Berlin 2006
  • Kopper, Gerd G.: Medienhandbuch Deutschland. Hamburg: Rowolt Verlag, 2006.
  • Noelle-Neumann, Elisabeth et al. (Hrsg.): Publizistik Massenkommunikation. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1999.
  • Pürer, Heinz; Raabe, Johannes: Presse in Deutschland. Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft, 2007.
  • Schrafroth, Elmar (Hrsg.): Lingua e mass media in Italia. Bonn: Romanistischer Verlag, 2006.

 
Internet

  • Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern (IVW): www.ivw.eu

 
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[1] Vgl. Lutz, Klaus J.: Die Zeitung als Marke – Neue Produkte, neue Geschäftsmodelle, in: Zeitungen 2005, hrsg. Vom BDZV, Berlin: ZV 2005, S. 120-125.

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