03.08.2010 | Loveparade

Die Erfindung der ‚Metropole Ruhr’ und ihre tödlichen Folgen

Plädoyer für einen Paradigmenwechsel im Ruhrgebiet nach der Katastrophe von Duisburg.

Von Thomas Ernst, Bruxelles

Angesichts ihrer bestürzenden sozioökonomischen Lage haben sich die Ruhrgebietsstädte in den vergangenen Jahren zunehmend unter dem Marketinglabel ‚Metropole Ruhr’ vereint, das aus dem ökonomischen und politischen Diskurs auch sehr erfolgreich in den medialen und künstlerischen Diskurs hineingewuchert ist. Das Konzept, die 53 Städte des Ruhrgebiets unter einem griffigen Etikett zu vereinen, das möglichst bald auch auf den Atlanten des Auslands erscheinen und die anderen deutschen Ballungszentren wie Berlin, Hamburg, München oder den Rhein-Main-Raum überstrahlen sollte, erfordert für seine Durchsetzung natürlich auch diskursive Ereignisse mit internationaler Ausstrahlung. Das Jahr als ‚Europäische Kulturhauptstadt 2010? ist in diesem Sinne ein Glücksfall für die Ruhr-Region, ebenso schien es die erfolgreiche Anwerbung der ‚Loveparade’ zu sein, die in Berlin partout nicht mehr durchführbar war und 2007 in Essen und 2008 in Dortmund erfolgreich stattfand.

Allerdings schrieb Erik Reger bereits 1929 über die Kulturpolitik an der Ruhr: „Man läuft hinter den Größen der Vergangenheit mit Superlativen der Bewunderung her, man erkennt nicht, wie destruktiv es ist, von einer alten Tradition zu zehren, ohne eine neue zu schaffen.” Dies trifft erstens für die Reaktivierung des Metropolenbegriffs zu, der vor allem im 19. Jahrhundert für Zentren mit kultureller Leitfunktion wie Paris seine Berechtigung hatte, aber in keinster Weise sinnvoll auf das Ruhrgebiet des 21. Jahrhunderts appliziert werden kann. Ich habe dies schon im letzten Jahr bei einem Vortrag über die ‚Nicht-Metropole Ruhrgebiet’ ausführlich begründet, der in Kürze als Aufsatz veröffentlicht wird (die Audioversion ist bereits online; die relevantesten Ausführungen zur Kritik der ‚Metropole Ruhr’ finden sich im 1. Teil, vor allem ab 9:27 Min., Erläuterungen zu Alternativen im 2. Teil). Auch kritische Journalisten und Aktivisten wie die Ruhrbarone, die Herausgeber der Pop-Protokolle aus dem Ruhrgebiet oder die AG Kritische Kulturhauptstadt haben in unterschiedlicher Weise das gigantomanische und vor allem auf die ökonomischen Interessen der darbenden Ruhrgebietsstädte ausgerichtete Konstrukt der ‚Metropole Ruhr’ fundamental kritisiert.

Zweitens trifft Regers 81 Jahre altes Verdikt auch auf die Adaption der Loveparade zur Stilisierung des Ruhrgebiets zu einer jugendlichen und weltoffenen ‚Metropole’ zu. Als die Loveparade ins Ruhrgebiet kam, hatte sie ihre innovative Phase schon lange hinter sich und war sie zu einer Werbeveranstaltung für die Marke ‚McFit’ geworden. Auch ihr Gründer, Dr. Motte, kritisiert retrospektiv, dass die Loveparade „nur noch der kommerziellen Verwertung und der Werbung für eine Marke dient. Da wurde die Marke Love Parade zum Steuerabschreibungsmodell. Mensch und Kultur bleiben auf der Strecke.”

Die bankrotten Ruhrgebietsstädte und die Kommerzialisierung ihrer Kultur

Nun ist Dr. Motte zwar ein problematischer Gewährsmann, wenn es um die Qualität von Kunst und ihre politische Relevanz geht (die erste Loveparade stand 1989 unter dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen”), aber er weist auf ein fundamentales Problem des Ruhrgebiets hin: Wenn die kommunalen Haushalte aufgrund bundespolitischer Entscheidungen und globaler Kapitalismuskrisen kaum mehr über eigene Mittel verfügen, können sich die Kommunen Kunst und Kultur nur noch als Public-Private-Partnership leisten, wenn überhaupt.

Kunstprojekte werden in der Wahrnehmung von Politik, Unternehmen und Journalisten zu einem Standortfaktor degradiert, sie müssen sich rechnen, der Region ein besseres Image und den Hotels und der Gastronomie einen Gewinn versprechen.
Vor diesen Hintergründen hat sich Duisburgs Kulturdezernent Karl Janssen schon am 2.12.2009 gegen die Loveparade als ‚Mega-Ereignis’ gewandt, die „keinen Bezug zur Kultur” besitze, und darauf verwiesen, dass andererseits an allen Ecken und Enden Geld fehle: „Denn mir fielen tausend andere Projekte aus dem Bereich der Kultur ein (…), die städtische Zuschüsse wirklich gut gebrauchen könnten.” Auch der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, verwies schon am 18.2.2009 auf die nach den Kürzungsorgien der letzten Jahre viel zu dünne Personaldecke der Polizei vor Ort: „Ich glaube, dass es im gesamten Ruhrgebiet nicht vernünftig ist, eine solche Loveparade stattfinden zu lassen. Denn sowohl was die verkehrlichen Belastungen angeht als auch was die Belastung der Einsatzkräfte angeht, ist das einfach nicht mehr zu handhaben.” Allerdings: „Wenn man genügend Geld in die Hand nimmt, geht alles.”

Nun hat die Stadt Duisburg jedoch ganz einfach nicht mehr das Geld, um die notwendige Infrastruktur und umfassende Sicherheitsmaßnahmen für die Loveparade 2010 bereitzustellen, wie Spiegel online zusammenfasst: Duisburg hatte schon zu Beginn des Jahres 2010 etwa 2,75 Milliarden Euro Schulden und ist dem Nothaushaltsrecht unterworfen, muss sich also alle Ausgaben von der Landesregierung in Düsseldorf genehmigen lassen. Da von 493.000 Einwohnern nur 157.000 in sozialversicherungspflichtigen Jobs arbeiten, wird sich an dieser Situation bis auf Weiteres auch nichts ändern. Die Situation scheint aussichtslos, der Leiter der Duisburger Städtkämmerei, Frank Schulz, stellt resignierend fest: „Selbst wenn wir auf alles verzichteten, woran man sparen kann, schrieben wir keine schwarze Null.”

Angesichts dieser trostlosen Lage hat eine Vielzahl von Politikern, Journalisten und Verwaltungsbeamten in den vergangenen Jahren das Marketinglabel ‚Metropole Ruhr’ hofiert und massiv darauf gedrängt, mit Hilfe gigantomanischer Leuchtturmprojekte eine internationale Strahlkraft zu entwickeln – und ihr Engagement war zweifelsohne gut gemeint. So bezeichnete die Journalistin Annika Rinsche – pars pro toto für so viele – auf derwesten.de am 19.1.2009 die Absage der Loveparade 2009 in Bochum als „kleinstädtische Engstirnigkeit” und zugleich lobte sie die gelungenen Loveparades in Essen und Dortmund: „Für einen Tag blickte die Welt auf die Metropole Ruhr.” Mit der Ausrichtung der Loveparade könne die Region „der Welt (…) beweisen, dass sie mehr ist als 53 Städte in einem Ballungsraum: nämlich die Metropole Ruhr.” Auch ihr Kollege Wolfgang Gerrits plädierte am 2.10.2009 dafür, dass es „Kein zweites Bochum” geben dürfe, denn: „Zu viel steht auf dem Spiel, als dass die Region auf dieses Mega-Event im Kulturhauptstadtjahr 2010 verzichten könnte.”

In ganz ähnlicher Weise wehrte sich am 9.2.2010 Fritz Pleitgen in seiner Funktion als Geschäftsführer der Ruhr.2010 GmbH gegen eine mögliche Absage der Duisburger Loveparade: „Hier müssen alle Anstrengungen unternommen werden, um dieses Fest der Szenekultur mit seiner internationalen Strahlkraft auf die Beine zu stellen.” Auch Dieter Gorny, der künstlerische Direktor von Ruhr.2010 für ‚Kreativwirtschaft’, wird am 21.1.2010 wie folgt zitiert: „Es gibt keine bessere Gelegenheit, sich international zu blamieren, als wenn man diese Chance verpasste. (…) Nach der tollen Eröffnung [des Kulturhauptstadtjahres, T.E.] dürfen wir nicht dafür sorgen, dass andere behaupten, die kriegen nichts hin. (…) Eine richtige Metropole kann das stemmen.”

Duisburg hat nun im Alleingang versucht, diese „Party um jeden Preis” zu stemmen, allerdings mit tödlichen Folgen, wie wir seit Samstag wissen. Die beteiligten Politiker und Beamten aus Duisburg sind in diesem Prozess natürlich ebenso verantwortliche wie tragische Figuren. Ihre Pressekonferenz am Sonntagmittag nach der Katastrophe verdeutlichte die geballte Hilflosigkeit und Ohnmacht jener, die aus der Verwaltung von Missständen heraus gravierende Fehler gemacht haben und denen ihrem eigenen Verständnis nach wohl gar keine Alternative zu ihren Entscheidungen blieb. Ihnen schlagen nun Wut und aggressive Rücktrittsforderungen entgegen, mit denen paradoxerweise vor einem Jahr noch die Bochumer Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz konfrontiert wurde, als sie die Loveparade 2009 für Bochum absagte.  Ihr damaliger Polizeipräsident Thomas Wenner erklärte dazu: „Was denken sich eigentlich Politiker und Journalisten, die die Metropole Ruhr als Monstranz ihrer Popularität vor sich hertragen, wenn es um die Verantwortung derer geht, die als Amtsträger für die Folgen ihres Handelns persönlich haften?” Und er schloss seine von heute aus betrachtet nahezu prophetische Erklärung mit den Worten: „Überleben ist wichtiger…”

Die ‚Metropole Ruhr’ als Größe der Vergangenheit. Zum notwendigen Paradigmenwechsel der Ruhrgebietskultur

Das Image von ‚Ruhr.2010? und der ‚Metropole Ruhr’ wird fortan von den Topoi ‚Kunst als Massenevent und Kommerz’, ‚die Death Parade von Duisburg’, ‚uneinsichtige Lokalpolitiker’ und ‚unfähige Verwaltungsbeamte’ mitbestimmt werden, die Hochglanzbilder der tödlichen Tunnelanlage von Duisburg werden direkt neben Schwarz-Weiß-Aufnahmen der gefährlichen Stollen stillgelegter Ruhrgebietszechen stehen. Einige Kulturpolitiker haben das Ruhrgebiet mit Hilfe vergangener Größen wie dem Metropolen-Begriff oder einer Institution wie der Loveparade neu zu erfinden versucht, und ihre Duisburger Kollegen haben eine junge Generation als Kulturkonsumenten umworben, indem sie sie in Drahtzäune einpferchten, damit sie im Gehege ihre ‚Freiheit’ austanzen könnten. Diese verwaltungstechnische Pervertierung der ursprünglichen Loveparade-Idee erntet Dr. Mottes Unverständnis: „Das Problem ist zudem auch der Zentralismus, dass man alles kontrollieren will. Das war nie Love Parade. (…) Wir haben im Kreis getanzt, wir haben betont, dass es um Freiräume geht. Dass es um die Teilnehmer der Love Parade geht, und nicht um die Veranstalter. (…) Und das hat man längst völlig auf den Kopf gestellt.”

An die Stelle von Kreativität, Innovation und Freiheit im – ebenfalls finanziell schwer gebeutelten – Berlin sind Kontrolle, Verwaltung und Zentralismus in der selbsternannten ‚Metropole Ruhr’ getreten. Vom Primat der Massen-Events in einer ‚Metropole Ruhr’ scheint sich nun in Person von Frank Stenglein selbst der WAZ-Konzern zu verabschieden, der vorher einer ihrer größten Trommler war: „Manchmal hat man das Gefühl, die Millionen Menschen (…) dienen nur als Kulisse für die Profilneurose einiger, die aus dem Ruhrgebiet mit Gewalt mehr machen wollen als drinsteckt. (…) [W]ir schaffen ALLES. Für diese Ruhr-Hybris ist die Loveparade zum Menetekel geworden. Nie mehr kann man derartige Naivitäten einfach so von sich geben, ohne sich lächerlich zu machen.”  Auch Stefan Laurin von ruhrbarone.de problematisiert die spezifische Selbstinszenierung des Ruhrgebiets seit den 1980er Jahren: „Der Zwang zum Megaevent war einer der Gründe, warum bei der Sicherheit alle Augen zugedrückt wurden.” Und Andreas Rossmann erklärt in der FAZ unter dem Titel Größenwahn und Provinzialität, dass seit dem „Inferno von Duisburg der Metropol-Traum ausgeträumt” sei, dieser sei ohnehin nur „Ausdruck alten Denkens” gewesen. Das Ruhrgebiet müsse andere Wege als „Mega-Events” suchen, nämlich „Impulse und Angebote, die (…) mehr Vielfalt und Verschiedenheit schaffen”.

In der Tat: Wenn Dieter Gorny sagt, dass „eine richtige Metropole” die Duisburger Loveparade stemmen könne, dann ist im Umkehrschluss nach unserem heutigen Wissen die ‚Metropole Ruhr’ also gar keine. Und Gorny selbst scheint Konsequenzen aus dieser Erkenntnis zu ziehen: Während noch wenige Tage vor der Loveparade das alte DGB-Haus in Essen geräumt wurde, das gerade von der Künstlergruppe Freiraum 2010 besetzt worden war, die auf den fehlenden Raum für junge Kreative im Ruhrgebiet hinweisen wollte, sind nun Verhandlungen über diesen Ort aufgenommen worden unter Vermittlung von Gorny selbst.

„Die Ruhr muß ein Sammelbecken junger, schöpferischer Kräfte werden, die, darauf kommt es an, nicht abgestempelt sind, sondern kämpfen und umkämpft werden”. Das Ruhrgebiet hat es in den vergangenen 81 Jahren nicht ansatzweise geschafft, Erik Regers Forderung umzusetzen – und hat sich trotzdem in den letzten Jahren als ‚Metropole’ bzw. ‚Weltstadt Ruhr’ mit Städten wie Berlin oder gar New York zu messen versucht. Spätestens seit Samstag ist die Trias ‚Metropole + Mega-Event + Zentrum’ für das Ruhrgebiet erledigt. Eine Zukunft kann es vielleicht mit der Trias ‚Netzwerk + Kunst + Vielfalt’ haben, die ohnehin viel besser ins 21. Jahrhundert passen würde. Doch was die Zukunft auch bringen mag – 21 Menschen werden sie nicht mehr erleben.

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Über den Autor

Der Literatur- und Kulturwissenschaftler Thomas Ernst lebt in Brüssel und hat zuletzt die Bücher „Das Schwarze sind die Buchstaben. Das Ruhrgebiet in der Gegenwartsliteratur“ (2010) und „Europa erlesen: Ruhrgebiet“ (2009), beide gemeinsam mit Florian Neuner, veröffentlicht. Mehr Informationen unter www.thomasernst.net.

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