03.05.2007 | Bewegte Demokratie

Die Frauenbewegung

Erst vor 100 Jahren durften die Frauen in Europa wählen. Noch heute verdienen sie weniger als Männer. In den Unternehmen werden sie nur als potenzielle Mütter betrachtet und kommen deshalb für höhere Posten nicht in Frage. Für ihre Gleichberechtigung müssen Frauen immer noch kämpfen, aber bilden keine echte soziale Bewegung mehr.

Von Ruth Weiss

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit: diese Forderung der französischen Revolution schloss Frauen aus. Verständlich, denn zur Zeit herrschte das Patriarchat, Männer waren die Herren der Welt. Jedoch die Revolution brachte vieles ins Wanken. Aus den Salongesprächen der eleganten Damenwelt über die männliche Dominanz, entwickelte sich eine Frauenbewegung. Im Lauf des 19. Jahrhunderts forderten starke Frauen das Wahlrecht zur Herstellung der politischen Gleichheit der Frau, danach folgte die Forderung für gleiches Recht an Bildung und Arbeit. Frauen organisierten sich, um diese Forderungen zu erkämpfen. Die Frauenbewegung wurde jedoch gespalten in bürgerliche und sozialistische Strömungen. Kritik wurde im 20.Jahrhundert von Frauen aus anderen Kulturen an der ‚eurozentrischen’ Sicht der westlichen Frauenbewegung geübt.

Zu Beginn des 20.Jahrhunderts war nach harten Kämpfen das Ziel des Wahlrechts für Frauen in fast allen westlichen Ländern erreicht. Auch die Zulassung von Frauen zu Universitäten und Berufen musste schwer erkämpft werden und wurde zu Beginn des 20.Jahrhunderts verwirklicht. Frauen in der Politik, selbst an der Spitze von Parteien und Regierungen, gehören im 21. Jahrhundert zur gesellschaftlichen Ordnung. Was jedoch nicht eingetreten ist, ist die Erwartung, dass Frauen in der Politik sich anders benehmen als Männer, mit mehr Einsicht und Sanftheit.

Bewegungen kommen stets in Wellen. Die zweite Welle innerhalb der Frauenbewegung begann in den 60er Jahren, als die westlichen Gesellschaften sich in Umbruch befanden. Feministen forderten nun auch eine Veränderung – und Gleichstellung – in der privaten Sphäre. Frauen waren mit der traditionellen Rolle innerhalb der drei Ks – Küche, Kinder, Kirche – unzufrieden und forderten, Mädchen nicht mehr von Beginn an auf diese Rolle vorzubereiten. Außerdem wollten Feministen nicht lediglich in männlichen Institutionen tätig werden, sie wollten die Hierarchien dieser Strukturen aufbrechen. Damit ist die Bewegung nicht weit gekommen.

Der Anspruch für Gleichberechtigung an Bildung und Arbeitsmöglichkeiten, für gleiche Arbeitsbedingungen und Bezahlung, bleibt weiter zum Teil unerfüllt. Noch immer verrichten mehr Frauen als Männer untergeordnete Arbeit wie etwa Putzfrauen, Kassiererinnen, Sekretärinnen. Obwohl kein Beruf für Frauen gesperrt ist, so werden bestimmte Berufe weiter von Männern beherrscht. In den oberen Betriebs- Etagen, in Aufsichtsgremien, arbeiten mehr Männer als Frauen, noch immer sind Großverdiener in der Mehrheit Männer. Jedoch die Basis für bessere Bedingungen in der Zukunft ist geschaffen: so ist etwa im deutschen Grundrecht die Gleichheit aller Menschen vor Gesetz verankert, sowie die Pflicht des Staates, die Beseitigung aller Nachteile der Geschlechter zu fördern.

Im Lauf der 90er Jahre kam eine neue Welle, als sich die Forderung innerhalb der Frauenbewegung entwickelte, dass auch Männer ihre Rolle hinterfragen, da auch sie unter der traditionellen Rollenverteilung litten. Das Konzept eines Hausmannes entwickelte sich, der Mann sollte mehr Anteil an Hausarbeit und Kinderziehung nehmen, erstens um Frauen die harte Arbeit zu erleichtern, zweitens um Frauen zu ermöglichen, ihre Karriere zu verwirklichen. Traditionellen Strukturen innerhalb der Familie sind in der Tat aufgeweicht und verändert. Doch oft fühlen sich nun junge Männer etwa durch Maßnahmen wie Frauenquoten am Arbeitsplatz benachteiligt.

Das Interesse am Feminismus ist bei jungen Frauen nicht mehr so ausgeprägt wie bei älteren. Gleichzeitig jedoch arbeiten mehr Frauen in Frauenprojekten, etwa um Mutterschaft und Beruf besser zu verbinden oder Gewalt gegen Frauen oder Pornografie zu bekämpfen. „Gender Studies“ ist längst zur akzeptierten Wissenschaft geworden.

Fast hundert Jahre nach dem Wahlrecht für Frauen in Deutschland und dreißig nach der hohen Emanzipationswelle, haben alle politische Parteien Fraueninteressen – wie etwa mehr Kindergärten, flexi-Stunden für arbeitende Mütter, gleiche Löhne für gleiche Arbeit – zum Teil ihrer Programme gemacht. Eine postfeministische Bewegung besteht weiter, aber die Ziele werden oft innerhalb Parteistrukturen angestrebt.

© Ruth Weiss, 03.05.2007

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Die Autorin

1936 emigriert sie mit ihrer jüdischen Familie nach Johannesburg (Südafrika). Nach Tätigkeit in einem Anwaltsbüro, bei einer Versicherung und einem Verlag, beginnt sie 1954 für verschiedene internationale Zeitungen und Zeitschriften zu schreiben. Sie setzt sich als Journalistin in Südafrika insbesondere gegen die Apartheid ein, sodass sie zur „Persona non grata“ erklärt und in eine so genannte „schwarze Liste“ eingetragen wird, von der sie mithilfe von Freunden 1991 gelöscht wird. Sie erhält ferner bald Einreiseverbot. Folglich arbeitet sie fortan in Südrhodesien und begleitete die Unabhängigkeit Zimbabwes, bis sie schließlich, nachdem sie einige Zeit auf Isle of Wight (England) gelebt hat, nach Deutschland zurückzieht. 2005 ist sie für den Friedensnobelpreis nominiert worden. Heute schreibt sie primär nicht mehr Sachbücher, sondern Romane, die zum Teil im Literaturkanon der Schulen (vor allem „Meine Schwester Sara“) aufgenommen worden sind. Das Buch „Meine Schwester Sara“ war im Schuljahr 2006/2007 die Prüfungslektüre der Realschulen in Baden-Württemberg [Quelle: Wikipedia]

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