16.02.2010 | Sexualität und Religion

Pater Aldo und das Evangelium der Liebe

Es gibt keine starke Moral ohne Doppelmoral. Die Psychoanalyse macht deutlich, wie nah sich Sublimierung und Perversion stehen. So war es auch bei Pater Aldo.

Von Davide Brocchi, Köln

„Mit wem treibst du dich herum? Wer ist dein fidanzato, eh?!“ fragte Pater Aldo mit einem Blick zwischen Verurteilung und Lust. Diesen Druck konnte Meris nicht standhalten: Sie war nur elf Jahre alt und begann zu weinen. Unbegreiflich war es für sie: Warum wollte der Priester ihr Geheimnis unbedingt erfahren? Warum sollte sie ihm den Namen ihres Liebhabers verraten?
Weitere sechs Jugendlichen saßen am selben Tisch: Ihnen stand die Firmung bevor. Sie waren sprachlos und verwirrt, denn das intime Verhör durch den Priester wurde für sie selbst langsam unangenehm: Was hatte dies denn mit Catechismo zu tun?!

In der italienischen Mittelschule war Religion Pflichtfach. Die Kinder der Zeugen Jehovas verweigerten die Teilnahme, denn bei dieser Veranstaltung wurden Religione und römisch-katolische Kirche als Synonyme betrachtet.
Für den Religionsunterricht war Pater Aldo zuständig. Unsere Hauptlektüre war das Evangelium, aber der fünfzigjährige Priester nutzte jede freie Minute, um uns mit seinem Lieblingsthema vertraut zu machen: Sex. Dieses Wort nahm er nur selten in den Mund – und trotzdem wusste jedes Kind, was er meinte.

Einmal machte Pater Aldo es ganz offiziell. Er erklärte uns, wie wichtig es sei, dass Jugendliche in der Pubertät über Sexualität aufgeklärt werden: „Da sich die meisten Lehrer weigern, diese Aufgabe wahrzunehmen, werde ich euch für mehrere Wochen Sexualunterricht anbieten,“ schlug Pater Aldo vor. „Bevor dies aber für Unruhe in euren Familien sorgt, solltet ihr bitte mit euren Eltern klären, ob sie damit einverstanden sind.“

Nichts war Pater Aldo ferner als die Idealen der 68er. Er war ein überzeugter Antikommunist, reaktionär und konservativ. Sein Verhalten schwankte ständig zwischen Opferwahn und autoritärem Stil. Nur mit dem strengen Gebot des Vatikans zur sexuellen Enthaltsamkeit kam er irgendwie nicht zurecht. Unsere Eltern konnten es nur ahnen, denn Pater Aldo ließ nur Kinder an seiner Perversion teilhaben. Er war der Priester des Dorfes und wurde schon deshalb von allen respektiert. Die Linken ließen den Sexualunterricht zu, um nicht als bigott zu erscheinen. Den Christkonservativen war hingegen das Thema schon unangenehm genug, und sie wollten es durch eine öffentliche Diskussion nicht noch wichtiger machen.

Beim ersten Sexualreligionsunterricht erzählte uns der Priester eine Geschichte aus seiner Kindheit: „Meine Eltern waren Bauer, wir lebten auf dem Land. Einmal beobachtete ich, versteckt hinter dem Hof, wie mein Vater einem Schaf half, sein Baby zu gebären. Ich war außer mir. Völlig begeistert lief ich zu meiner Mutter und erzählte ihr, dass ich nun wusste, wie Kinder auf die Welt kommen. Mein Vater erfuhr es kurzer Zeit später…. Er schlug mich mehrmals fest, sogar mit seinem Gürtel. Ich durfte zwei Tage lang mein Zimmer nicht verlassen.“ Paradoxerweise hatten genau solche Erlebnisse dazu geführt, dass Moral und Sexualität bei Pater Aldo als untrennbar erlebt wurden. Die Erwachsenen hatten ihm verboten, einen Teil seiner Menschlichkeit zu entwickeln. Eine Sexualität konnte er nur mit anderen Kindern teilen. Sein Leben lang.

Die Aufklärung in der Schulklasse setzte er mit Diapositiven fort. Auf den gelblichen Illustrationen, die auf die Wand projiziert wurden, waren Penis und Vulven, Spermien und Eier erkennbar: „So meine lieben Kinder, wie kommen die zwei Elemente zusammen?“
Pater Aldo schien nicht zu ahnen, wie ausgeprägt unsere Fachkenntnisse schon waren. Auf den Pornozeitschriften, die mein Großvater und mein Onkel hier und da versteckt hielten, hatte ich schon eine ganze Menge erfahren. Ebenso wusste ich, wie angenehm sich die Träume mit den Schönen Stefania oder Federica anfühlten. Nur das Wachsen der schwarzen Behaarung an ungewöhnlichen Stellen meines Körpers hatte mich am Anfang ziemlich erschreckt. Ein paar Freunde hatten mich aber schnell beruhigt: Zum Glück war ich nicht der einzige, der gerade dabei war, sich in einen Menschenaffen zu verwandeln.

Trotzdem warnte uns Pater Aldo: „Ihr dürft das Schlafzimmer eurer Eltern nicht einfach so betreten: Ihr solltet zuerst klopfen, dann warten und erst wenn die Antwort kommt, das Zimmer betreten!“ Warum es unbedingt so sein sollte, ob man es einfach glauben sollte, wollte er uns nicht sagen. Aber auch damit hatte ich schon meine unangenehme Erfahrung gemacht – und daraus gelernt.

Nach zwei Wochen Sexualunterricht war es mit der Geduld bei den Eltern vorbei. Beim Mittag- und Abendessen berichteten ihnen die Kinder immer wieder, was sie in der Schule gelernt hatten. Viele Eltern fanden es nicht mehr lustig, und der Schuldirektor bekam diesen Unmut irgendwann zu spüren: Er bat Pater Aldo, mit dem speziellen Unterricht aufzuhören.

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