06.06.2011 | Wachstum

„Es muss auch mal Schluss sein“

Im Wirtschaftsaufschwung boomt die Kritik an der Doktrin des "Immer mehr". Der Attac-Kongress "Jenseits des Wachstums" warf aber vor allem Fragen auf.

Von Felix Lee (taz), Berlin

Den wohl größten Applaus heimste Harald Welzer ein. Nachdem der Essener Sozialwissenschaftler am Wochenende auf dem Kongress „Jenseits des Wachstums“ in Berlin etwa eine Stunde auf dem Podium debattiert hatte, stand er auf. Moderator Tilmann Santarius von der Heinrich Böll Stiftung ging davon aus, dass der derzeit vielgefragte Diskutant zur nächsten Veranstaltung eilen wollte. Doch Welzer widersprach: Nein, er sei zum Skat verabredet.

Damit demonstrierte er praktisch eine Konsequenz aus dem, worüber er zuvor referiert hatte: Dass das Streben nach dem „Immer mehr“ nicht nur in den Konzernzentralen, an Börsen und in den Ministerien das Leitmotiv sei, sondern längst in unserer aller Köpfe verankert. An seinem Institut heiße es nie: Ich bin fertig. Auch im Wissenschaftsbetrieb gelte das Motto: Mehr Papiere, mehr Publikationen. Doch können wir ewig wachsen? Führt dieses „Immer mehr“ zu einem besseren Leben? „Es muss auch mal Schluss sein“, so Welzer.

Alternativen gesucht

Damit sprach er den meisten der über 2.500 TeilnehmerInnen aus der Seele, die nach Veranstalterangaben zu dem Kongress gekommen waren, den das globalisierungskritische Netzwerk Attac unter anderem mit der Friedrich Ebert, der Heinrich Böll und der Rosa-Luxemburg-Stiftung sowie der Otto Brenner Stiftung der IG Metall organisiert hatte. Der Andrang zeige, „wie sehr den Menschen die Frage nach Alternativen zu einer vom Wachstumszwang getriebenen Gesellschaft unter den Nägeln brennt“, resümierte Roland Süß vom Attac-Koordinierungskreis.

Dass so viele politische Stiftungen mit dabei waren, zeigt, dass Attac ein Thema gefunden hat, das über das engere Spektrum der Globalisierungskritiker hinaus auf viel Zustimmung stößt. Die Krisenjahre infolge der Lehman-Pleite hätten viele Menschen sprach- und perspektivlos gemacht, sagte Matthias Schmelzer von Attac. Nun, wo sich ökonomische und ökologische Krisen zuspitzten, setze die Wachstumskritik zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle an.

Dass sie aber auch sehr viel Konfliktstoff birgt, machte sich auf einigen der insgesamt mehr als 70 Podien und Diskussionsrunden durchaus bemerkbar. Abgesehen vom Konsens, dass eine vom Wachstumszwang getriebene Gesellschaft die Welt in absehbarer Zeit ins Verderben stürzen wird, gingen die Einschätzungen vor allem über die Alternativen weit auseinander. Genügt die Forderung nach einer gerechteren Umverteilung von Einkommen und Vermögen?

Wer muss verzichten?

Oder wie viel Verzicht braucht es? Ist nur die Politik gefragt oder auch jeder Einzelne? Wie wird vermittelt, dass Arbeitsverzicht notwendig ist? Ist Wachstum in den Ländern des Südens nicht zunächst notwendig, um sich überhaupt entwickeln zu können? Was kann ein Green New Deal leisten, ein Programm, das über grüne Technologien einen Wachstumsschub schaffen soll? Muss nicht jede Wachstumskritik in grundsätzliche Kapitalismuskritik münden? Bei der letzten Frage klafften die ideologischen Unterschiede auf. Das „zerstörerische Potenzial des Wachstumszwangs“ sei mit einem „ökologischen Kapitalismus“ nicht zu lösen, befand Mario Candeais von der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Angelika Zahrnt vom BUND hingegen begrüßte es, dass auf dem Kongress auch über Strategien diskutiert werde, die nicht gleich die Abschaffung des kapitalistischen Systems als Ganzes zur Voraussetzung macht. Barbara Unmüßig vom Vorstand der Heinrich Böll Stiftung fasste zusammen: „Die Suche nach Wegen aus der Wachstumsfalle hat begonnen.“

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