11.03.2011 | Studie

Die Kreativwirtschaft wird statistisch überschätzt

Jeder will Kreativität fördern, vor allem wenn sie dem Wirtschaftswachstum und der Gentrifizierung der Peripherie dient. Das Institut Arbeit und Technik (IAT) in Gelsenkirchen hat eine Studie über das Thema verfasst. Das wichtigste Ergebnis: Die Kreativwirtschaft ist zwar in strukturschwachen Regionen noch wichtig, aber sie wird statistisch überschätzt.

Foto: © Sommer / PIXELIO

Von Claudia Braczko, Gelsenkirchen

Die Kultur- und Kreativwirtschaft wird als ökonomischer Wachstumsmotor überschätzt. Zwar hat sich die neue Querschnittsbranche im Hinblick auf Beschäftigte und Umsatz gesamtwirtschaftlich in den letzten Jahren positiv entwickelt. Ein Großteil dieses Wachstums entfällt aber auf die wachstumsstarke Software-Industrie, die in der amtlichen Statistik der Branche zugerechnet wird. Mit der Kultur- und Kreativwirtschaft (KKW) und ihren statistischen Abgrenzungsproblemen befasst sich eine aktuelle Publikation aus dem Institut Arbeit und Technik (IAT) der Fachhochschule Gelsenkirchen.

Zur KKW-Branche zählen Unternehmen, die kulturelle/kreative Güter und Dienstleistungen schaffen, produzieren und vertreiben. Die Statistik erfasst die Teilmärkte Musikwirtschaft, Buch, Kunst, Filmwirtschaft, Rundfunk, darstellende Künste, Designwirtschaft, Architektur, Presse, Werbung und die Software-/Games-Industrie. 2009 waren knapp eine Million Menschen in der Kultur- und Kreativwirtschaft beschäftigt, mit über 400.000 sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten stellt die Software- und Games-Industrie den mit Abstand größten Arbeitgeber dar. Die IAT- Wissenschaftler Franz Flögel, Stefan Gärtner und Jürgen Nordhause-Janz gehen aber davon aus, dass „der schöpferisch kreative Prozess des Entwerfens von Computerspielen und Internetpräsentationen nur einen Bruchteil der Softwareerstellung ausmacht und ein nicht unerheblicher Teil der Beschäftigten in der Softwareentwicklung und Beratung tätig ist“. Eine exemplarische Untersuchung im Bergischen Städtedreieck zeigt, dass dort nur 14 Prozent der Software-Unternehmen der KKW zuzurechnen wären.

Kultur und Kreativität sind für die Regionalpolitik keineswegs unerheblich, auch wenn die meisten Regionen kaum Wachstums- und Beschäftigungseffekte daraus ziehen können. Auch strukturschwache Regionen sollten sich in diesem Feld positionieren und dabei die Vernetzung zu regionalen Wertschöpfungsketten suchen, raten die IAT-Forscher. Gerade altindustrielle Regionen, die nicht in der ersten Liga der Kulturregionen spielen, müssen sich Gedanken machen, wie – trotz nicht optimaler wirtschaftlicher und finanzieller Rahmenbedingungen – Lebensqualität, Atmosphäre und Identität erhalten bzw. verbessert werden können.

nach obenNach oben

Ihr Kommentar zu diesem Beitrag