09.06.2010 | Neue Studie

Sind Muslime integrationsunwillig?

Zwangsheirat, Kopftuch, Ehre und Gewalt sind zentrale Stichworte in der Diskussion über die „Integrationsunwilligkeit“ muslimischer Migranten. In seinem neuen Buch lässt Prof. Ahmet Toprak diese Gruppe selbst zu Wort kommen – mit differenzierten und überraschenden Ergebnissen.

Von Cornelia von Soosten, Dortmund

Für die Studie „Integrationsunwillige Muslime?“ interviewte der Professor vom Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften der FH Dortmund in den Großstädten Berlin, Dortmund und München 124 Menschen mit Migrationshintergrund zwischen 15 und 74 Jahren, unter anderem aus Kulturvereinen, Jugendzentren, Schulen, Frauengruppen oder Anti-Aggressionstrainings. Die Daten wurden in 35 Gruppen- und zehn Einzelinterviews erhoben – eine sichere wissenschaftliche Methode, um Motive, Erklärungen oder Gründe von Probanden zu erhalten. Ziel dieser qualitativen Studie war es, Einstellungen zu den brisanten Themen zu erfahren und so eine wissenschaftlich fundierte Antwort auf die Frage zu bekommen: Sind Muslime wirklich integrationsunwillig?

Im Gegensatz zur deutschen Debatte, die das Kopftuch grundsätzlich als Zeichen für die Unterdrückung der Frau wertet, ergab Topraks Studie, dass muslimische Frauen sehr viel differenziertere Motive haben. „Das Kopftuch ist nicht zwangsläufig ein Unterdrückungsmerkmal, sondern hat oft schlichtweg eine Schutzfunktion für die Frauen – vor der Witterung ebenso wie vor Belästigungen“, bringt Ahmet Toprak eines der Ergebnisse auf den Punkt. Bei vielen seiner Interviewpartnerinnen, so Toprak, sei eine innere Unsicherheit und Zerrissenheit in Bezug auf das Kopftuch spürbar gewesen. Es gebe Frauen, die sich als einzige in der Familie ganz bewusst und aus religiösen Motiven für ein Kopftuch entscheiden. Andere seien zum Kopftuch nicht gezwungen, aber dahingehend über Jahre hinweg sozialisiert worden. In diesem
Zusammenhang stellt Ahmet Toprak die These auf, dass das Tragen des Kopftuchs bei Mädchen unter 14 Jahren keinesfalls eine freie Willensentscheidung sein kann.

Zwangsverheiratung wird von einem Großteil der Befragten entschieden abgelehnt. Das Thema „Zwangsehe“ stellt sich indes komplex und mit überraschenden Facetten dar: „Eine postmoderne arrangierte Ehe ist nicht gleichbedeutend mit Zwangsheirat“, sagt der Erziehungswissenschaftler. Arrangierte Ehen, die von einer Mehrheit favorisiert werden, beruhen häufig auf dem Wunsch, Familienbündnisse durch Heirat zu besiegeln. Die beiden miteinander vertrauten Familien sorgen dafür, dass die Kinder sich kennenlernen, was aber durchaus dazu führen kann, dass diese einvernehmlich einer Heirat nicht zustimmen. Bei einer Zwangsverheiratung spielen dagegen soziale Komponenten und wirtschaftliche Interessen eine Rolle: Zwangsverheiratung gebe es häufig, um „Heiratsmigration“ zu ermöglichen und sei Antwort auf die reglementierte Zuzugspolitik in Deutschland.

Der Begriff der Ehre, so Ahmet Toprak, stamme als Wert aus dem fünften oder sechsten Jahrhundert, als Männer für den Schutz der Frau verantwortlich waren, habe sich aber als praktische Machtoption bis heute erhalten: Die Studie zeigt, dass es vor allem Männer mit wenig Einfluss und Prestige sind, die „über die Kontrolle der Frauen ihre Macht demonstrieren wollen, das heißt, die Verteidigung der Ehre wird
zu einer Machtoption für Männer“.

Beim Phänomen des Ehrenmordes zeige sich, so Toprak, dass die Hälfte aller Ehrenmorde zwischen 1994 und 2005 eigentlich keine sind. Die Täter geben als Motiv zwar die Ehre an, eine genauere Analyse zeige aber, dass persönliche Motive wie Eifersucht, Missbrauch, Minderwertigkeitskomplexe oder Macht eine wichtigere Rolle spielen. Im Einzelfall eines versuchten Mordes ging es darum, über einen Ehrenmord
die Straftat des Familienoberhauptes (Missbrauch der Tochter) zu vertuschen. Zum Ehrenmord gedrängt werden in der Regel die jüngsten männlichen Familienmitglieder, weil sie die geringste Strafe zu erwarten haben.

Die Debatte um die Integrationsunwilligkeit wird – auch das ein Ergebnis der Studie – in der muslimischen Gemeinde wenig bis gar nicht wahrgenommen. Darauf angesprochen, reagieren die meisten Befragten mit Überraschung. Die fehlende Integrationsbereitschaft in Teilen der muslimischen Gemeinde wird aus Sicht der Migranten mit den schlechten Grundbedingungen in Deutschland oder mit persönlichen Misserfolgen beispielsweise im Bereich Bildung begründet. Ahmet Toprak: „Der Rückzug in die eigenethnischen Milieus erfolgt, weil eine immer größer
werdende Minderheit sich in Deutschland wirtschaftlich, sozial und bildungspolitisch abgehängt fühlt.“ Und das, so Toprak, betreffe auch viele Menschen, die eine deutsche Abstammung haben. Einen Weg aus der Misere könne es nur über ein steigendes Bildungsniveau geben.

Die Studie

Ahmet Toprak: Integrationsunwillige Muslime? Ein Milieubericht. Lambertus-Verlag: Freiburg 2010

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