11.10.2010 | Kommentar

Was will Franz-Josef Radermacher wirklich?

Professor Franz-Josef Radermacher ist Mathematiker und Wirtschaftswissenschaftler. Er reist ständig durch Deutschland, um für seine "Global Marshall Plan Initiative" zu werben. So breit das Spektrum seiner Unterstützer ist, so ambivalent sind manche Ansichten.

Von Davide Brocchi, Köln

Franz-Josef Radermacher ist sehr gut vernetzt. Zu den Unterstützern seiner „Global Marshall Plan“-Initiative zählen:
- Personen (u.a.): Hans-Dietrich Genscher (FDP), Kurt Beck (SPD), Hubert Weinzierl (BUND), Rita Süssmuth, Ernst Ulrich von Weizsäcker, Jakob von Uexküll, Ulrich Martin Drescher, Renée Ernst, Sandra Maischberger (alle Deutschland), Josef Riegler, Franz Fischler (Österreich), Prinz El Hassan bin Talal (Jordanien), Vandana Shiva (Indien), Jane Goodall (Großbritannien).
- Organisationen (u.a.): der Club of Rome, das Ökosoziale Forum Europa, der Bundesverband für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft (BWA), AIESEC Deutschland und Österreich, Cap Anamur, VENRO, UN Millenniumkampagne Deutschland sowie alle Bundesländer Österreichs.

Radermacher ist ein Informatiker, der der CDU nahsteht. Seine Gesellschaftsanalyse ist radikal. Er unterstreicht zum Beispiel die Bedeutung der sozialen Ungleichheit zwischen Reichen und Armen in den globalen Verhältnissen.
Seine Synthese stellt hingegen die Wirtschaft in den Mittelpunkt und beinhaltet zum Teil neoliberale Ansichten.
Dieser Widerspruch erklärt, warum seine Initiativen von allen unterstützt werden kann, von SPD-, FDP-Politikern oder von der Umweltorganisation B.U.N.D..

Der Widerspruch ist auch in einigen seiner Dokumente offensichtlich.
Ein Beispiel ist das Dokument „Was kann jeder Einzelne tun? 30 Anregungen“, das Radermacher am 1.7.2010 verfasst hat.
Es sind Anregungen für den kleinen Bürger, nach dem afrikanischen Sprichwort: Wenn viele kleine Leute viele kleine Dinge tun, verändert das die Welt.

Die Anregungen von Radermacher sind u.a.:
Anregung 3: Weniger Fleisch essen.
Anregung 7: Beim Autofahren das Tempo immer wieder einmal mäßigen.
Anregung 15: Bäume pflanzen.

Ganz kleine Schritte, aber richtig und berechtigt. Dann kommt aber:

Anregung 23: Für Besteuerung nach Leistungsfähigkeit argumentieren.
Anregung 26: Sich gegen den Begriff Umverteilung in Verbindung mit Besteuerung wehren.

Die Nachhaltigkeit wird als Träger für politische Forderungen genutzt, die nicht unbedingt etwas mit Nachhaltigkeit zu tun haben. Der Leistungsbegriff ist hier nicht im Sinne des Gemeinwohls: “Wer sich für das Gemeinwohl einsetzt, verdient Anerkennung”. Nein, der Leistungsbegriff kommt hingegen aus dem Langer der profitorientierten Marktwirtschaft – und steht deshalb ohne weitere Attribute da. Diese Ansicht steht im vollen Widerspruch mit der Steigenden sozialen Ungerechtigkeit in unserer Gesellschaft, die Radermarcher selbst in seiner Analyse anprangert.
Es ist ein Leistungsbegriff, der folgende Fragen mit sich bringt:
- Was machen wir mit den Behinderten und den älteren Menschen in unserer Gesellschaft, die nach diesem Leistungsbegriff eher eine Last sind?
- Was machen wir mit den Leistungsträgern, die destruktiv im Sinne des Gemeinwohls handeln?

Mein Fazit: Herr Radermacher hat ein gutes Netzwerk, seine Analyse ist oft richtig. Der Rest ist aber ziemlich ambivalent – und die Gefahr ist, dass die Nachhaltigkeit oder Kampagnen wie “Plant for the Planet“) genutzt werden, um Aspekte der Nicht-Nachhaltigkeit durchzusetzen („Leistungsträger im eigenen Profit“ bevorzugen; keine solidarische Umverteilung).

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