19.11.2009 | Bildungsstreik gestern und heute

Erinnerungen an eine Selbstverfertigung

Sehnsucht nach einer Universität, die es nicht mehr gibt.

Von Ines Kappert (taz), Berlin

die tazIch stehe am Straßenrand und denke: Die Studis sehen ja noch genauso aus wie wir damals. Die meisten tragen dunkle Klamotten, Kapuzenpullis und in aller Regel keine Frisuren. Die Schilder sind improvisiert, Edding trifft auf Pappe. Viele Demonstrierenden sehen unfröhlich aus, manche wütend. Keine Ahnung, was ArbeitnehmerInnen in uns damals gesehen haben.

Studistreiks haben für mich eine romantische Seite. Sie erinnern mich an mein Studium, an den Anfang im ach so aufregenden Mauerfall-Berlin, an die nervigen Diskussionen, ob Gewalt gegen Sachen vielleicht doch okay wäre. Auch ob man Profs zu den Plena zulassen sollte, war ein hinlängliches Streitthema und ob ein Lesemarathon im Stadtzentrum der Bevölkerung klarmachte, dass wir nicht abhängen wollen, sondern mit unserem Willen zum Wissen in Seminaren mit 100 Leuten und einem häufig desinteressierten Lehrpersonal kein Gegenüber finden.
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Die Uni, an der ich von 1989 bis 1997 studiert und schließlich promoviert und selbst unterrichtet habe, gibt es nicht mehr. Die Studierenden von heute haben nicht mehr alle Zeit der Welt wie wir Geisteswissenschaftler von damals, weil das Studium für viele von uns weniger Berufsausbildung war als ein zäher Selbstverfertigungsprozess. Sie verbringen nicht mehr Stunden in selbst verwalteten Cafés, die die gleichfalls streikenden Vorgänger der Hochschulleitung abgetrotzt hatten. Ein befreundeter Prof bestätigt: Es gibt keinen Platz mehr für Autonomie in Unigebäuden. Auch verdient niemand mehr mithilfe sogenannten autonomer, also ProfessorInnen-freier Seminare sein Geld – häufig lässt ein krasser Wochenstundenplan gar keine Zeit zum kontinuierlichen Jobben.

Ich vermisse mein Chaos von damals nicht und hätte rückblickend gerne eine Ahnung davon gehabt, dass der Preis für die Zeitverschwendung hoch sein wird. Aber sobald mir ein Urlaub oder ein Stipendium erlaubt, in die Rolle der Zeitmillionärin zu schlüpfen, bin ich glücklich. Es öffnet sich dann etwas im Hirn.

Und während mir all diese Erinnungssplitter einfallen, bricht die Kette der Demonstrierenden nicht ab. 15.000 waren es in Berlin, 85.000 in Deutschland. Eine enorme Mobilisierungsleistung, wow! Der „Studi“ ist ja kein einfach zu definierendes politisches Subjekt. Das Gemeinsame der Postabiturienten ist allein die Wut darüber, dass ihnen die Gesellschaft keine Freiräume zum Nachdenken, also zum Lernen im eigentlichen Sinn zur Verfügung stellt. So viel Blödheit ist wirklich nicht hinnehmbar.

© taz – die Tageszeitung, 19.11.2009

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