24.02.2010 | Elektroschrott-Export

Sodom und Gomorrha in Ghana (Bild: Kupfer und Zink ist das Gold der Müllkippe)

Sodom und Gomorrha in Ghana

Computer sind oftmals nach bereits 4-5 Jahren veraltert. Doch wohin mit dem weltweit anfallenden Elektronikschrott? Der größte Teil verlässt unseren Kontinent per Container und landet illegal auf Müllkippen in Afrika. Ein Bericht.

Foto: © unbekannt

Von Johan von Mirbach, Accra (Ghana)

Auf Accras größter Elektroschrott – Müllkippe im Stadtteil Agbogbloshie, im Volksmund Sodom und Gomorrha genannt, arbeiten größtenteils Kinder und Jugendliche. Sie bearbeiten den Müll aus dem 21. Jahrhundert mit Steinzeitmethoden: Sie schlagen die Bildschirme mit Steinen ein, benutzen Meißel, um Metallverbindungen aufzustemmen, oder schmeißen Kabel ins Feuer. Die Kinder verdienen ihr Geld mit Elektroschrott. Für ein Kilo Zink bekommen sie fast einen Euro, dieselbe Menge Kupfer ist 3 Euro wert. Die zerlumpten Jugendlichen verbrennen die alten Kupferkabel, um direkt an das wertvolle Metall zu gelangen; dabei ersparen sie sich langwierige Fummelarbeit, um die Plastikummantelung vom Kupfer zu lösen.

Damit es schneller geht, nutzen die Kinder Autoreifen oder Schaumstoffe aus alten Kühlschränken zur Brandbeschleunigung. Das giftige Resultat ihrer Arbeit schwebt überall in der Luft und rieselt in feinen Partikeln auf die Schultern herunter: Blei, Kadmium, Barium, Brom, verschiedene Chlorverbindungen, Quecksilber, Arsen und andere Giftstoffe. Vergangenes Jahr nahmen Wissenschaftler im Auftrag von Greenpeace Boden-, Luft- und Wasserproben und brachten das erschreckende Resultat an die Öffentlichkeit: Teilweise liegen die Konzentrationen 100-fach über den normalen Werten.

Kinder arbeiten auf der Müllkippe Agbogbloshie

Kinder arbeiten auf der Müllkippe Agbogbloshie

“Vor den Giften habe ich keine Angst,” tönt der 21-jährige Adam Shadu, “der Rauch steigt doch nach oben.” Er weiß es nicht besser und vergiftet sich seit 6 Jahren jeden Tag aufs Neue. Auch der 28-jährige Abdul Gafara macht sich keine Sorgen: “Den Müll verbrennen doch die kleinen Jungs.” Es sind die Jüngsten, die die gefährlichsten Arbeiten ausführen, so wie der 11-jährige Kofi. Er hat nur noch ein Auge, das andere ist verbrannt –  wie und wo, will er nicht sagen. Die Arbeit mache ihm aber Spaß und sei besser als Schule, sagt er. Sein Freund Saddik hat oft Reizhusten und Kopfschmerzen, doch er nimmt morgends und abends immer seine Medizin: Ein Schluck Milch. Die Milch, so meint er, soll den giftigen Staub ausspülen.

Alte Computer, Bildschirme, Kühlschränke, Drucker und Scanner oder Autobatterien:  Westlicher Elektro-Müll stellt eine gute Einnahmequelle für deutsche und ghanaische Schrotthändler dar. Offiziell sind die Container, die den Hamburger Hafen verlassen, beladen mit gebrauchten, aber funktionstüchtigen Geräten. Doch über 60% ist tatsächlich Schrott. Was sich noch einigermaßen reparieren lässt, wird als Gebrauchtware vor Ort verkauft, der Rest landet auf Müllkippen wie der von Agbogbloshie. Dort leben hunderte von Kindern und Jugendlichen davon, den Müll zu Geld zu machen.

Wertvolle Rohstoffe? Moment, damit kann man doch Geld verdienen und gleichzeitig Gutes tun, dachte sich Issah Nikabs vor einem Jahr. Der 64-jährige pensionierte Chemieingenieur will gemeinsam mit seinem deutschen Partner den Elektroschrott jetzt fachgerecht sortieren und – man halte sich fest – nach Deutschland zurückexportieren. Die Globalisierung macht’s mal wieder möglich.

Issah Nikabs kommt regelmäßig auf die Müllkippe, um zu sehen, ob sich etwas verändert hat. Da die Kinder und Jugendlichen den giftigen Müll in Brand stecken, kommt es immer wieder zu Großbränden auf der Müllkippe und in den anliegenden Vierteln. Vergangenes Jahr allein vier Mal. Das Gift regnete anschließend auf die naheliegenden Wohngebiete ab. “Eigentlich müssten wir den Jugendlichen hier nur ein paar Schraubenzieher geben und ihnen beibringen, die Computer auseinanderzubauen. Dann würde sich hier schon einiges ändern” meint Issah Nikabs. Doch den meisten Kindern sind die Gifte egal. Viele sind noch gesund, sie können sich nicht vorstellen, dass sie wegen der Gifte vielleicht nur 30 oder 40 Jahre alt werden. Niemand weiß, wie viele Menschen bereits an den Schadstoffen gestorben sind. “Die meisten Kinder hier kommen aus dem Norden, wenn hier jemand krank wird,  schickt man ihn nach Hause. Wie es dort weiter geht, wissen oft nicht einmal die engsten Freunde.”

Daher hat Issah Nikabs eine Vision. Erfahrung mit Recycling hat er bereits. Seit 15 Jahren betreibt er zusammen mit Jürgen Meindl eine Plastikentsorgungsfirma in Accra. Jetzt wollen sie sich an die giftigen Computer wagen und diese sachgerecht verwerten. Zusammen haben sie private Spenden gesammelt und eine Werkstatt aufgebaut. Ihr Traum ist es, den Jugendlichen beizubringen, wie sie die Geräte fachgerecht auseinanderbauen können. Noch arbeitet keiner an den neuen Maschinen, doch bald soll es los gehen. “Im Prinzip machen die Jugendlichen dasselbe wie vorher, nur ohne sich zu vergiften”, erklärt Issah Nikabs. Doch ob er und sein Kompagnon erfolgreich sein werden, ist fraglich. Denn diese Art der Verwertung ist mühevoll, langwierig und wirft zu wenig ab. Ein Kabel Stück für Stück von der Plastikummantelung zu befreien, ist weitaus arbeitsaufwendiger, als den lästigen Kunststoff einfach zu verbrennen. Einen Bildschirm einzuschlagen, ist viel einfacher, als mühsam alle Schrauben heraus zu drehen. Und zu Beginn werden die Kinder auch weniger verdienen. Es wird nicht einfach sein, die Kinder zu überzeugen.

Auf dem Hof der neuen Werkstatt steht für alle Fälle schon ein großer Container: Der Plan des pensionierten Chemieingenieurs: “Wenn der voll ist, verkaufen wir ihn nach Deutschland, wir packen da alles rein, was hier nicht verwertet werden kann: Festplatten, Bildröhren, all das giftige Zeugs, und natürlich Kupfer, dort wird es vernünftig aufbereitet”. Er hofft, durch sein Engagement den Kindern und Jugendlichen in Sodom und Gomorrha eine gesunde Chance zu bieten. Warum der ganze Schrott nicht direkt in Deutschland recycelt wird, diese Frage stellt er sich nicht. Vielleicht muss er sie sich auch nicht stellen. Dass Container mehrmals hin und her, rund um die Welt geschickt werden, gehört schon lange zum Alltag – überall auf der Welt.

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Der Autor

Johan von Mirbach lebt in Köln und ist Stipendiat der Heinz-Kühn-Stiftung.

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