11.06.2009 | Kindheit und Ernährung
Der Kampf am Esstisch
Essstörungen bei Kindern, die zu Mangelernährung führen, nehmen zu. Geschätzt wird, dass etwa 15 Prozent aller gesunden Säuglinge und Kleinkinder betroffen sind.
Von Kathrin Burger (taz), Berlin
“Nein, meine Suppe ess’ ich nicht!” ruft trotzig Heinrich Hoffmanns Suppenkaspar, immer wieder bis der zuerst kugelrunde Bub nur noch ein Fädchen ist und schließlich am fünften Tag stirbt. Ob solche drastischen Geschichten Kinder jemals zum Essen motivieren konnten, ist fraglich. Aber sie zeigt, dass sich auch schon frühere Elterngenerationen mit dem Problem Essensverweigerung herumgeschlagen haben.
In einer Zeit, in der alle Welt von Moppel-Kindern spricht und wir Lebensmittel im Überfluss haben, geraten Probleme mit dünnen Kindern leicht in Vergessenheit. Dabei vermuten Experten, dass Fütter- und Essstörungen, die zu Mangelernährung führen, ebenso zunehmen, wie die Übergewichtsraten. Etwa 15 Prozent aller gesunden Säuglinge und Kleinkinder sollen betroffen sein – Jungs und Mädchen zu gleichen Teilen. Ob die Kinder später auch ein Risiko für andere Essstörungen haben, ist noch nicht untersucht.
Normalerweise legen sich Phasen der Essensverweigerung wieder – sie sind Teil der normalen, kindlichen Persönlichkeitsentwicklung. Medizinischen Rat sollten sich Eltern aber suchen, wenn der tägliche Kampf ums Essen länger als einen Monat anhält. Dann liegt laut den Leitlinien der “Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendlichenpsychiatrie” (DGKJP) eine Fütterstörung vor.
“Wenn sich Teufelskreise einspielen, das heißt, wenn die Kinder immer mehr verweigern und die Eltern immer mehr Druck machen müssen oder immer neue Ablenkungsmanöver ausprobieren, ist Sorge angebracht”, meint Michael Schieche, Psychologe am Münchner Kinderzentrum für Ess-, Schlaf- und Schreistörungen bei Kleinkindern.
Der Kinderarzt kann feststellen, ob das Kind so wenig isst, dass es bereits eine Gedeihstörung hat. Er kann auch ursächliche Allergien oder Unverträglichkeiten aufdecken. Gehäuft kommen Fütterstörungen etwa bei Frühchen vor, die nach der Geburt künstlich beatmet wurden. Manche Fälle müssen stationär betreut werden, wenn der Ernährungs- oder Flüssigkeitsstatus des Kindes bereits kritisch ist. Sie werden dann über Sonden ernährt.
In manchen Kliniken wird auch ambulant betreut, etwa im Kinderzentrum München. Bundesweit gibt aber viel zu wenig Beratungsangebote, so beklagen Experten. Schwerpunkt in einer Kinderambulanz ist die Videoarbeit. “Die Eltern bekommen ja ständig Ratschläge von allen Seiten, aber keiner sieht sich einmal die fest gefahrene Esssituation genau an,” so Schieche.
Die Eltern müssen daher schon beim Ersttermin etwas zum Füttern mitbringen und werden dann gefilmt. Danach bespricht man anhand der Aufzeichnung mögliche Veränderungen. Dabei versuchen die Kinderärzte etwa zu klären, ob das Kind im Moment überhaupt Appetit hat oder wann es günstig ist aufzuhören.
In einer Beratung versucht man auch, das Vertrauen der Eltern in die kindlichen Hunger- und Sättigungsmechanismen wieder herzustellen. “Wenn Kinder Essen verweigern oder ausspucken, haben sie meist keinen Hunger, sie besitzen noch ein natürliches Gefühl für Sättigung”, meint Schieche. Zudem kommen Kinder, wenn sie sich nicht gerade in einer Wachstumsphase befinden, mit sehr wenig Nahrung aus.
Das Forschungsinstitut für Kinderernährung (FKE) hat in der DONALD-Studie ermittelt, dass es auch zwischen gleichaltrigen Kindern erhebliche Unterschiede bei den täglichen Verzehrsmengen gibt. So trinken zehn Prozent der 3-Monate alten Säuglinge nur gut einen halben Liter Muttermilch, während andere mehr als das anderthalb-fache davon zu sich nehmen. Diesen Mengenunterschied fanden die Forscher in allen Altersgruppen.


Themendossier 07/09