16.07.2011 | Altlasten

Bomben, geht heim!

Kaum einer weiß, dass die Bundeswehr noch immer US-Atombomben lagert. Elke Koller klagt dagegen.

Von Waltraud Schwab, Leienkaul

Elke Kollers Empörung ist so leidenschaftlich, so klar, so wach und gegenwärtig wie ihre neue Liebe. Sie steht in ihrem Garten in der Eifel. Vor sich die Vulkanketten. Je weiter entfernt, desto heller das blaugetönte Grau, mit dem sie den Horizont teilen. „In der Eifel spürt man, dass es eine junge Landschaft ist“, sagt sie. „Geologen bestätigen“, sagt sie noch, dann wird ihr Satz vom Krach eines aufsteigenden Tornados erstickt. Koller streckt ihre Hand aus, sie weiß, wo sie in der diesigen Sonne hinzeigen muss, um den Tower des Fliegerhorstes Büchel zu sehen. Die letzten US-amerikanischen B-61-Atomraketen sind dort gebunkert. „Dass sie da sind, verstößt gegen geltendes Recht“, sagt sie.

Nach der Wende verpflichtete sich Deutschland im Zwei-plus-vier-Vertrag, der zwischen der DDR, der BRD, den drei Westmächten und der Sowjetunion ratifiziert wurde, auf atomare Waffen zu verzichten. Dagegen verstößt die Stationierung der Atomwaffen in der Eifel, sagt Koller. Deshalb verklagt sie nun die Bundesregierung.

Viele wussten es

Koller wohnt gut fünf Kilometer vom Fliegerhorst Büchel entfernt in Leienkaul, einem kleinen Dorf nicht weit von Cochem an der Mosel. In dieser Fachwerkhäuserstadt, umgeben von Weinbergen, geflankt von der Reichsburg, hatten Koller und ihr Mann eine Apotheke. „Aber Cochem schön und gut“, sagte sie, „ich brauchte Natur“. In Leienkaul fand sie sie vor dreißig Jahren. Dass sie fast auf den Atombomben saß, wusste sie nicht. Sie hat es erst vor fünfzehn Jahren durch die Presse erfahren. Zu einer Zeit also, als die Bomben längst zurück in den USA sein sollten. „Ich fühlte mich hintergangen“, sagt sie. Warum? „Weil so viele Leute, mit denen ich zusammenarbeitete, es wussten.“ Koller war Abgeordnete der Grünen im Kreistag.

Koller strahlt Energie aus. Ihre hellgrauen Haare schwingen bei jeder Bewegung mit. Sie ist offen, klammert Themen, die das Herz berühren, nicht aus. Ihre Verliebtheit etwa, die vor drei Jahren begann und seither nicht aufhörte. In einen Mann, der früher bei der CDU war. Obwohl beide längst aus den Parteien ausgetreten sind, sie aus den Grünen, er aus der CDU, sagt sie: „Wir proben die schwarz-grüne Koalition.“ Was sie aber auch nicht ausklammert: ihren Weg hin zu einer Protestlerin, denn das sei sie lieber als eine Politikerin.

Im Dezember 1942 ist Koller geboren. Den Vater, einen überzeugten Nationalsozialisten, habe der Krieg „kuriert“. „Lass dich nicht einlullen, lass dir nichts vormachen, hinterfrage“, predigte er ihr. Eigentlich könnte sie eine Achtundsechzigerin sein. Aber 1968 machte sie „brav“ ihr Examen.

Allerdings hat sie neben der Bravheit noch eine andere Seite: Koller ist eine Vatertochter – an Selbstbewusstsein mangelt es ihr, wie den meisten Vatertöchtern, nicht. Klassensprecherin, Anführerin – das lag ihr, auch wenn sie die Qualitäten erst mal nutzte, um sich zu etablieren, um eine Unternehmen zu gründen und eine Familie. Heute dagegen hilft es ihr, wenn sie Demonstrationen organisiert. „Das hätte meinem Vater vielleicht nicht gefallen. Auf die Straße gehen. Laut sein“, meint sie und bedauert im gleichen Atemzug, dass sie erst spät politisch aktiv wurde.

Der Bericht des Club of Rome, der in den siebziger Jahren veröffentlicht wurde und in dem aufgezeigt wurde, dass die rücksichtslose Ausbeutung der Natur den Menschen schade, packte die Naturwissenschaftlerin. Da fängt die Empörung an. Auch weil sie Kinder hat. „Was lassen wir denen zurück?“ Sie beginnt, Ökologischem den Vorzug zu geben und Recycling, Ressourcenschonung zu propagieren. Sie trägt ihr Wissen in die Apotheke, lässt es in Gesprächen einfließen: „Was die Natur belastet, was nicht.“ Sie bringt die Leute zum Nachdenken: „Wenn sie sich über Benzinpreise erbosten, wenn sie die Atomkraft lobten etwa.“ Die Apotheke, das ist ein Treffpunkt und die promovierte Koller, Frau Doktor, eine Respektsperson.

Auch die Grünen in Cochem werden auf sie aufmerksam. Bald schon boten sie ihr einen Platz auf der Kreistagsliste an. „Die haben mich auf den Schild gehoben. Das hatte was, eine Frau aus dem Bürgertum.“ Freunde seien überrascht gewesen: Dass du das wagst – zu den Grünen gehen? Hast du keine Angst wegen der Kundschaft? Aber der Bürgermeister, CDU, sei vor ihrer Kandidatur ihr Kunde gewesen. Und blieb es.

Bei den nächsten Landtagswahlen kommt sie auf einen aussichtsreichen Listenplatz für den Landtag. Sie ist Mitte fünfzig, verkauft die Apotheke, setzt auf Risiko. Aber die Grünen verlieren und ihre Ehe geht auch in die Brüche. „Ich war mal in so einer Phase, wo ich das Leben neu gestaltete“, sagt sie dazu. Die Phase dauert fünfzehn Jahre. „Zeit zum Nachdenken, zum Reisen, zum Malen.“ Sie jobbt in der Apotheke, die ihr vorher gehörte. „Materielles ist so vergänglich. Ich brauch kein dickes Auto, keine Yacht im Mittelmeer.“

Und dann plötzlich die Erkenntnis: Die Atombomben sind immer noch da. Zuerst hält Koller es für ein Versehen. FDP, SPD, Teile der CDU sind dafür, dass diese Bomben abgezogen werden. Grüne sowieso. Selbst im Koalitionsvertrag der schwarz-gelben Regierung steht es. Und? „Nichts.“ Koller setzt das Thema auf ihre persönliche Agenda, organisiert Protest und handelt sich die Wut der Bücheler ein. Die glauben, ihr wirtschaftlicher Niedergang sei besiegelt, wenn der Fliegerhorst zumacht.

Über all die Jahre tut sich nichts. Die Bomben bleiben, die deutschen Soldaten holen sie regelmäßig aus den Bunkern, warten sie, steigen zu Übungszwecken mit ihren Tornados auf. „Aus Nato-Bündnistreue“, glaubt Koller. Kämen die Bomben in einem Konflikt zum Einsatz, wäre die Bundeswehr involviert.

Letztes Jahr reichte Koller deshalb Klage ein gegen die Bundesregierung. Die deutsche Sektion der Internationalen Vereinigung von Juristen gegen Atomwaffen unterstützt sie. Sie argumentieren, dass die beibehaltene Stationierung von Atombomben in Deutschland den Atomwaffensperrvertrag, das Zwei-plus-vier-Abkommen und das Völkerrecht verletzt. Völkerrecht aber geht den Gesetzen der BRD vor. Am 14. Juli 2011 kommt es zur Anhörung vor dem Verwaltungsgericht in Köln. Koller vermutet, dass das nicht das letzte Wort sein wird.

Der Standort: In Büchel bildet die deutsche Luftwaffe im Rahmen der innerhalb der Nato vereinbarten nuklearen Teilhabe Piloten für den Einsatz mit dieser Massenvernichtungswaffe aus.

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Ein Kommentar

  1. Kiana Vossoughi ()

    Die Aktion von Fr.Dr.Koller finde ich sehr stark und beachtungswert!
    Ein schöner Text!

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