19.10.2010 | Biologische Vielfalt

„Wir sägen am Ast auf dem wir sitzen“

Bei der UN-Vertragsstaatenkonferenz zur Biodiversität (COP10) in Nagoya (Japan) geht es um nicht weniger, als die Weichen für unser aller Zukunft zu stellen. Denn ohne die biologische Vielfalt ist kein Leben auf unserem Planeten möglich, sie ist unserer aller Lebensgrundlage.

Von Sebastian Tilch, Leipzig

Das hyperexponentielle Wachstum der Wirtschaft und das weitere Bevölkerungswachstum müssten massiv gebremst werden. Möglich wird dies nur durch effektive Armutsbekämpfung und Ausgleichung der sozialen Schieflage zwischen Industrie- und Entwicklungsländern. Brasilien fordert vor Nagoya die Verhundertfachung der Mittel für die Umsetzung der Ziele der CBD.

In Afrika sind noch heute Jagd und Fischfang entscheidend für die Ernährung der Bevölkerung, weiß Eduard Linsenmair von der Universität Würzburg, der als Tropenökologe v.a. in Westafrika arbeitet. Während in den Industriestaaten die Ernährung auf den ersten Blick von der Natur weitgehend abgekoppelt scheint, spielen in Afrika intakte Ökosysteme noch eine sehr unmittelbare Rolle für die Beschaffung der Lebensgrundlage der Menschen. Doch das enorme Bevölkerungswachstum und die Zerstörung bzw. Übernutzung dieser natürlichen Ressourcen machen das Überleben heutiger und vor allem folgender Generationen immer schwieriger.

Biodiversitätsforscherinnen und -forscher wie Linsenmair fordern deshalb dringend von den Entscheidungsträgern in Nagoya, die Fakten und Lösungsansätze aus der Biodiversitätsforschung ernst zu nehmen und Konzepte für eine Weltwirtschaft zu entwerfen, die auf Ressourcen-Schonung und Nachhaltigkeit hin ausgelegt ist. Anschauliche Beispiele dafür liefern u.a. marktwirtschaftliche Anreizsysteme für Landwirte im Rahmen des vom BMBF geförderten BIOPLEX-Programmes und die TEEB-Studie für lokale Entscheidungsträger.

Da die UN-Vertragsstaatenkonferenz nach dem Konsensprinzip entscheidet, müssen alle Staaten an einem Strang ziehen, um wirklich etwas zu bewegen. Dabei geht es in den Verhandlungen vor allem um Geld, denn die höchste Biodiversität befindet sich in den Entwicklungsländern, die für die Erforschung und Inventarisierung der Naturschätze sowie deren Schutz und nachhaltige Nutzung alleine nicht aufkommen können. Brasilien hat hier bereits die Ernsthaftigkeit der Industrieländer, den fortschreitenden Verlust aufhalten zu wollen, getestet. Es will die 2020-Ziele nur dann akzeptieren, wenn die Mittel z.B. für Maßnahmen und Fachkräfteausbildung, verhundertfacht würden. Denn nur dann seien die notwendigen Maßnahmen weltweit finanzierbar.

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