09.06.2006 | Energiepolitik

Die postfossile Zukunft

Erneuerbare Energien sind eine realistische und bezahlbare Alternative

Von Hermann Scheer, Berlin

Für die Weltenergieversorgung gibt es eine schlechte und eine gute Nachricht. Die schlechte: Das Erdöl geht zu Ende. Die gute: Das Erdöl geht zu Ende. Und nicht nur das Erdöl, sondern früher oder später jede Art fossiler Energie – auch das fossile Uranerz als Basismaterial für atomare Brennstäbe.

Erdöl wurde aus einem schlichten Grund zur meistgenutzten Energie: Nur weil es flüssig und damit leichter nutzbar ist, wurde es zum “schwarzen Gold” des 20. Jahrhunderts. Doch schon John Rockefeller, der erste und berühmteste aller Ölmagnaten, sprach in dumpfer Vorahnung von “Tränen des Teufels”.

Dass Erdöl eines Tages erschöpft sein wird, war immer schon klar. Aber weil man nicht genau wusste, wann, hat man das Problem verdrängt. Der heutige Alarmismus von Staatsführern verrät, dass sie in den Tag hinein gelebt haben, während die Abhängigkeit ihrer Länder von den sich erschöpfenden Ressourcen immer größer wurde. Doch die Frage, wie lang die Reserven noch reichen, ist nur die drittwichtigste.

Die wichtigste ergibt sich aus folgendem Faktum: Zeitlich näher als die Verfügbarkeitsgrenze liegt die ökologische Belastungsgrenze für die Weltzivilisation. Für den Schutz des Weltklimas müssen nach den Erkenntnissen des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) die Klimagase bis 2050 um mindestens 60 Prozent reduziert werden, wenn ein Kollaps der Ökosphäre verhindert werden soll.

Die zweitwichtigste Frage lautet: Was bedeutet die Entwicklung der Energiepreise für die Weltwirtschaft und die einzelnen Volkswirtschaften? Ihr kontinuierliches Ansteigen geht auf mehrere Faktoren zurück. Erstens ist die Zeit des leicht zu fördernden Rohöls (”easy oil”) endgültig vorbei, weshalb zunehmend auf teure, nicht konventionelle fossile Potenziale zurückgegriffen wird. Zweitens steigt der Weltbedarf, etwa aufgrund der Entwicklung Chinas und der Zunahme des Weltverkehrs, schneller, als die technisch realisierbaren Angebotsmöglichkeiten wachsen. Drittens wird der Infrastrukturbedarf immer teurer, weil das fossile Weltsystem immer stärker auf die Ausbeutung der letzten Nischenquellen angewiesen ist.

Ein vierter Faktor sind die politischen Unsicherheiten, die in einer kulturell, wirtschaftlich und sozial immer instabileren Welt infolge einer wirtschaftslibertär dogmatisierten Liberalisierung eher zunehmen werden. Damit wächst die Störanfälligkeit des überkommenen Energiesystems, dessen logistische Hauptanforderung ja darin besteht, mit Öl, Gas und Uran von relativ wenigen Förderplätzen und -ländern in langen Bereitstellungsketten die Energieversorgung der ganzen Welt zu sichern. Mit der Störanfälligkeit steigen die politischen und militärischen Kosten der Energiesicherheit, also der Aufgabe, strategische Energieversorgungslinien und -zentren vor terroristischen Angriffen zu schützen.

Mit den steigenden Kosten wird die Energiefalle immer prekärer. Am härtesten trifft es die Entwicklungsländer, deren Bruttoinlandsprodukt (BIP) akkumuliert weniger als 10 Prozent des BIP der “westlichen Industrieländer” ausmacht und die dennoch Weltmarktpreise für ihre Energieimporte zahlen müssen. Ihre volkswirtschaftliche Belastung liegt damit um das 10- bis 20fache höher. Bei vielen zehren die Energieimporte bereits ihre gesamten Exporteinnahmen auf. 2005 sind die Ölimportkosten der Entwicklungsländer um über 100 Milliarden Dollar gestiegen; das ist deutlich mehr, als die gesamte Entwicklungshilfe aller Industrieländer ausmacht. Währenddessen steigen die Gewinne der oligopolistisch organisierten Energiekonzerne in astronomische Höhen: 2005 machte Exxon 35 Milliarden Dollar Gewinn, Shell 25 Milliarden und BP 22 Milliarden.

Die Weltenergieversorgung ist also heute schon prekär und desolat, lange bevor die tatsächliche Erschöpfung eintreten wird. Deshalb stehen auf dem nächsten G-8-Gipfel in St. Petersburg Initiativen an, mit denen man der Energiefalle entrinnen will. Doch die Pläne sind illusorisch. Denn mit einer weltweiten Renaissance der Atomenergie und der Förderung von “Clean coal”-Kraftwerken tut man so, als wäre das Weltenergiesystem intakt, wenn es nur nicht das Kohlendioxid- bzw. Klimaproblem gäbe. Deshalb wird um der Energiesicherheit willen empfohlen, die Förderländer zu höheren Förderquoten zu drängen und die internationalen Transportnetze auszubauen – was jedoch im Widerspruch zu den Klimaschutzzielen steht. Zwar sollen auch die erneuerbaren Energien gefördert werden, doch steht dieser Ansatz nicht im Zentrum der Initiativen.

Dabei müsste der generelle Wechsel der Energiebasis – hin zu erneuerbaren Energien – längst die absolute strategische Priorität haben. Um dieser Konsequenz immer noch auszuweichen, werden haltlose Ausreden und Entschuldigungen aufgeboten: Das Potenzial erneuerbarer Energien reiche nicht aus, um atomare und fossile Energien ersetzen zu können. Solche Energien auf breiter Front einzuführen sei zu teuer, also eine unzumutbare wirtschaftliche und soziale Last. Auch dauere das Ganze viel zu lange, weshalb in den nächsten Jahrzehnten der Schwerpunkt weiter auf konventionellen Energieanlagen liegen müsse. Und schließlich sei das Problem der Speicherung erneuerbarer Energien nicht gelöst.

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Dieser Artikel wurde am 01.11.2009 aktualisiert.

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