21.10.2010 | Nachhaltigkeit

Wie lernfähig ist unsere Gesellschaft?

Das Hauptziel der Nachhaltigkeit ist es, mögliche Sackgassen in der Entwicklung einer Gesellschaft zu entgehen. Mit Auschwitz, Hiroshima, Tschernobyl, der Finanzkrise von 1929 oder der Ölkrise von 1973 boten die letzten 100 Jahre einen Vorgeschmack auf die Sackgassen, in die wir in diesem Jahrhundert geraten könnten. Aus jenen Erfahrungen gibt es noch viel zu lernen, zum Beispiel über den Umgang der modernen Gesellschaft mit strukturellen Krisensituationen.

Von Davide Brocchi, Köln

Einer der besten Dokumentarfilme zum Thema „Nachhaltigkeit“, den ich je gesehen habe, ist „Sommer ’39“. Die Produktion von ARTE aus dem Jahr 2009 erzählt auf beeindruckende Weise, wie sich die Menschen verhalten, wenn eine Katastrophe, wie der Zweite Weltkrieg kurz bevorsteht. Die Autoren Mathias Haentjes und Nina Koshofer zeigen den Alltag in Europa in den Wochen vor Kriegsbeginn am 1. September 1939. Dabei stützen sie sich auf sorgfältige Recherchen, außergewöhnliches Archivmaterial und eindrucksvolle Interviews mit Zeitzeugen wie Marcel Reich-Ranicki, dem polnischen Regisseur Andrzej Wajda oder dem britischen Komiker Denis Norden.
In 90 Minuten macht die Dokumentation die damalige Kluft zwischen der Wirklichkeit und der Wahrnehmung der Wirklichkeit so lebendig wie unerträglich sichtbar: Wie ist es möglich, dass die Europäer im Sommer ’39 nicht an einen Krieg glaubten? Warum versuchten sie nicht, eine solche Katastrophe zu verhindern? Wie konnten sie die Gräuel des Ersten Weltkriegs schon vergessen haben?

Während Europas Diktatoren die letzten Vorbereitungen für den neuen Weltkrieg trafen, ging das Leben der meisten Briten, Polen oder Deutschen im August 1939 wie gewohnt weiter. Die Schönen und die Reichen tummelten sich an der Cote d’Azur. Die Polen, die wenige Wochen später als erste überfallen wurden, sonnten sich an den weißen Stränden der Ostsee und genossen das Sommerwetter. Seit langer Zeit drohte Deutschland ihrem Land, doch sollte man deswegen nicht baden gehen?
Aus Berlin, dem Zentrum der schlimmsten Diktatur überhaupt, berichtete der US-Reporter William L. Shirer am 10. August 1939:

Wie total isoliert ist doch die Welt, in der die deutschen Menschen leben. Während die gesamte übrige Welt voller Sorgen beobachtet, dass Deutschland darauf und dran ist, den Frieden zu brechen mit seiner Angriffsdrohung gegen Polen in der Danzig-Frage, wird hierzulande das glatte Gegenteil behauptet. Was die Nazi-Zeitungen verkünden, ließt sich so: Es ist Polen, das den Frieden in Europa stört; dass Deutschland mit bewaffnetem Überfall droht, usw. ‚Polen? Achtung’ warnt die Schlagzeile in der B.Z. – und fügt hinzu: ‚Antwort an Polen, den Amokläufer gegen Frieden und Recht in Europa.’ Aber das deutsche Volk kann unmöglich solchen Lügen Glauben schenken. Jeder Laie weiß doch, dass es ihnen überhaupt nicht um Danzig geht. Das ist nur ein Vorwand.[1]

In der Tat hat Danzig Hitler bald den gewünschten Anlass für einen Krieg gegen Polen geliefert. Trotzdem glaubten die Polen wenige Wochen davor nicht an einen Krieg. „Man hielt es für ein politisches Spiel“, so Andrzej Wajda, damals 13 Jahre alt.
Am 1. September 1939 um 4:45 begann das deutsche Kriegsschiff Schleswig-Holstein den Beschuss der Westerplatte vor Danzig. Wenige Stunden später wurde Warschau bombardiert. „Die meisten Menschen starben im Schlaf. Das war ein Symbol. […] Die ahnungslosen Menschen waren die ersten Opfer“, berichtet der spätere polnische Außenminister Wladislaw Bartoszewski, der damals 17 Jahre alt war.
Sogar am ersten Tag der größten Katastrophe des 20. Jahrhunderts verlief das Leben in Deutschland wie gewohnt: „Ich weiß nur dass der 1. September ein wunderschöner Sonnentag war. Ich bin wahrscheinlich baden gegangen oder so was,“ so Traudl Lessing, die damals in Wien lebte und später „Time“-Korrespondentin wurde. In den nächsten sechs Jahren forderte der Krieg 55 Millionen Opfer. Ganze Städte in Europa wurden dem Boden gleichgemacht.

Die meisten Dokumentationen über diese traurige Phase der europäischen Geschichte stellen Diktatoren, Täter und Opfer in den Mittelpunkt. Die Hauptdarsteller von „Sommer ’39“ sind hingegen die Masse der „normalen“ und „unauffälligen“ Menschen. Sich mit ihnen zu identifizieren ist so leicht, wie auch unangenehm. Wie hätten wir uns in einer ähnlichen Situation verhalten?
Hier liegt die eigentliche Warnung des Films. Der Zweite Weltkrieg ist vielleicht die größte Katastrophe, die eine Gesellschaft bisher verursacht hat. Umso naiver und begrenzter erscheint die Wahrnehmung der Europäer kurz vor diesem Ereignis.
Das Bild des Menschen, das damit vermittelt wird, ist höchst ambivalent: Einerseits können Menschen  ganze Armeen bewegen und Atombomben bauen, andererseits haben sie nicht einmal die eigenen Sinne und Emotionen ganz im Griff.
Menschen können die Kontrolle über Prozesse verlieren, die sie selbst ausgelöst haben. „Sommer ’39“ bestätigt die These, dass gesellschaftliche Krisen durch eine zunehmende Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit antizipiert werden. Um gesellschaftliche Krisen zu vermeiden, sollten wir uns also zuerst fragen, was die Lernfähigkeit und die Wahrnehmung einer Gesellschaft hemmt oder fördert.

Der Soziologe und Philosoph Jürgen Habermas beschäftigte sich indirekt mit „Nachhaltigkeit“, als er den Begriff der „sozialen Evolution“ definierte. Dabei handelt es sich um einen Prozess der Erarbeitung von Lernmechanismen, die eine Gesellschaft befähigen, drohenden ‚evolutionären Sackgassen’ zu entkommen und eine ‚gute’ Gesellschaft zu werden.[2] Dies setzt viel mehr als technologische Innovationen voraus: Ausschlaggebend sind die Veränderbarkeit und die Lernfähigkeit des sozialen Systems. Genau an dieser Stelle zeigt die westliche Gesellschaft Schwächen, die im krassen Widerspruch zu ihrem Image als Wissens- und Informationsgesellschaft stehen. Vermutlich hätte allein die tragische Erfahrung des Ersten Weltkriegs reichen können, um jede Form militärischer Gewalt zum Tabu zu erklären. Im Westen genügte nicht einmal der Zweite Weltkrieg dafür: Beinah wäre es zu einem Dritten Weltkrieg gekommen. Heute führt sogar Deutschland wieder Krieg. In den letzten Jahren haben die weltweiten Rüstungsausgaben Rekordwerte erreicht.

Auch die heutige Finanzkrise macht unsere Bilanz nicht besser: Anscheinend hat der Westen aus der Finanzkrise von 1929 nicht alles gelernt, was er hätte lernen sollen und eine Deregulierung der Finanzmärkte wieder zugelassen. Natürlich kann behauptet werden, dass sich die Geschichte nie wiederholt – und deshalb ein Vergleich zwischen dem Börsencrash von 1929 und 2008 unangebracht sei. Auch in unserem Leben gibt es keine Erlebnisse, die sich in identischer Form wiederholen – und trotzdem haben wir aus manchen von ihnen viel gelernt. So lernte ich als Kind, dass man die Bremse am Fahrrad richtig kontrollieren sollte, bevor man gegen eine Wand rast. Obwohl, ich heute ganz andere Wege befahre, achte ich immer noch auf Geschwindigkeit und Bremsen. Warum sollten Lernprozesse für die Meso- und Makroebene der Gesellschaft so anders sein?

Jeder Lernprozess bedarf eines Gedächtnisses, das Erfahrungen und Informationen speichert, so dass wir später darauf zurückgreifen können. Der französische Philosoph und Soziologe Maurice Halbwachs theoretisierte die Existenz eines „kollektiven Gedächtnisses“. Darin, in der Kultur, ist die historische Erfahrung gespeichert, die von Generation zu Generation übertragen wird. Damit werden die Überlebenschancen der Individuen in ihrer Umwelt gesteigert.

Die Möglichkeit eines Global Overkill, durch Atomwaffen oder aktuelle globale Herausforderungen wie den Klimawandel, zwingen uns heute zu einer besonderen Form des Lernens. Während unsere Gesellschaft in der Vergangenheit oft (aber nicht immer) nach katastrophalen Erfahrungen lernte,[3] muss sie im Hinblick auf die Gefahr eines globalen Kollapses a priori lernen. Denn ein Lernen danach wäre sinnlos. Ich meine, der gesellschaftliche Wandel, den wir heute brauchen, darf nicht aus der materiellen Notwendigkeit einer Krise entstehen, sondern muss durch eine kulturelle Wende antizipiert werden.

Wir müssen nicht jeden Fehler selbst machen, um daraus zu lernen. Die „Kultur“ unser gesellschaftliches Gedächtnis ermöglicht uns, Fehler zu vermeiden, die unsere Eltern und Großeltern schon gemacht haben. Zumindest im idealen Fall.

In der Praxis müssen wir uns fragen, warum Kulturen bestimmte historische Lehren aufnehmen – und andere nicht. Was hat eine systematischere Auseinandersetzung mit der Erfahrung des Ersten Weltkriegs und mit der Finanzkrise von 1929 in Europa ver- oder behindert? […] Kann auch ein kollektives Gedächtnis an Verdrängung oder Vergesslichkeit leiden? Ist eine Prävention oder eine Heilung von kollektiven Gedächtnisstörungen möglich? Ähnliche Fragen stellen sich auch im Bezug auf die kollektive Wahrnehmung.

Zu einer gesellschaftlichen Krise kommt es nie plötzlich. Genauer genommen sind auch Unfälle wie der Supergau von Tschernobyl oder die von BP verursachte Ölpest im Golf von Mexiko kein Zufall: Der gesellschaftliche Kontext kann die Wahrscheinlichkeit solcher Ereignisse erhöhen oder verringern.
Wenn es eine Möglichkeit für ein Lernen a priori, also vor der Krise, gibt, dann liegt sie in der Wahrnehmung der Anzeichen, die jene Krise ankündigen.
Der US-amerikanische Evolutionsbiologe und Biogeograf Jared Diamond hat historische Fälle vom Untergang verschiedener Gesellschaften verglichen und nach einem Grundmuster gesucht. In seinem Bestseller „Kollaps – Warum Gesellschaften überleben oder untergehen“ von 2005 unterteilt er die Ursachen des Zerfalls von Zivilisationen in fünf Kategorien.
Der Untergang der Rapanui auf der Osterinsel war das Ergebnis dramatischer Umweltschäden. Die zweite Kategorie betrifft die Klimaveränderungen: Sie zwangen die Normannen, sich aus Grönland (dem „grünen Land“) zurückzuziehen. Nicht nur die Kriege mit feindlichen Nachbarn (Kategorie 3), sondern auch die Abhängigkeit von freundlichen Handelspartnern (Kategorie 4) hat das Überleben einiger Zivilisationen immer wieder erschwert.

In fast allen Fällen von gesellschaftlichem Untergang spielt aber die fünfte Kategorie von Ursachen eine entscheidende Rolle: Die Reaktion der Gesellschaft auf die Anzeichen der Krise und auf die Krise selbst. Nicht allein das Auftreten eines Problems führt zu gesellschaftlichem Untergang, sondern die fehlende oder die falsche Reaktion darauf.

„Sommer ’39“ behandelt die fehlende Reaktion der Europäer auf die Anzeichen des bevorstehenden Krieges. Auch vor dem Börsencrash im Herbst 2008 fehlten die Warnungen nicht. Zwei Jahre vor der Krise veröffentlichte zum Beispiel der deutsche Wirtschaftswissenschaftler Max Otte ein Buch mit dem Titel „Der Crash kommt: Die neue Weltwirtschaftskrise und wie sie sich darauf vorbereiten“.

Aus der Sicht verschiedener „Experten“ aus Politik und Wirtschaft brauchen wir heute noch mehr Wirtschaftswachstum, um die sozialen und ökologischen Probleme zu lösen, obwohl diese vom Wirtschaftswachstum selbst verursacht werden.
Sowohl beim Fehlen einer Reaktion, als auch bei der falschen Reaktion auf die Anzeichen einer Krise spielt die Wahrnehmung eine entscheidende Rolle: In beiden Fällen werden starre Überzeugungen und Ideologien der Wirklichkeit bevorzugt. Je extremer und systematischer Wirklichkeit und Wahrnehmung der Wirklichkeit auseinander klaffen, desto härter und überraschender fällt die Krise aus, die der Ausdruck dieser Diskrepanz ist.

Wenn wir nachhaltig handeln wollen, dann sollten wir uns fragen, was die Wahrnehmung der Wirklichkeit hemmt, bzw. fördert.
Diese Frage stellte ich in einem Seminar Studierenden, nachdem diese die Dokumentation „Sommer ’39“ gesehen hatten: Wie konnte es sein, dass die Menschen kurz vor der größten gesellschaftlichen Katastrophe des 20. Jahrhunderts baden gingen? Was führte zu einem solchen krassen Auseinander klaffen von Wahrnehmung und Wirklichkeit bei unseren Eltern und Großeltern?
Wie konnte gerade das Land der großen Wissenschaftler und Philosophen so tief fallen?

Dabei fielen einige interessante Argumente, die sich folgendermaßen zusammenfassen lassen:

  • Die kollektive Wahrnehmung wurde damals durch eine Ideologie stark beeinflusst. Sie lieferte den Menschen einfache Antworten. Eine charismatische „Vaterfigur“ einerseits und eindrucksvolle Massenveranstaltungen andererseits, boten ein starkes Zugehörigkeits- und Sicherheitsgefühl, dem man sich nicht entziehen konnte.
  • Unsere Sinne und kognitive Fähigkeiten sind begrenzt. Dem Unmittelbaren räumen wir eine höhere Relevanz ein, als fernen Ereignissen, die uns physisch nicht berühren. Wir sind auf Medien angewiesen, um zu erfahren, was anderswo passiert. Damals konnten die Menschen die Wahrheit nicht erfahren, weil es keine Pressefreiheit gab: Die Information wurde zensiert oder manipuliert.
  • Nicht alle in Europa nahmen die Wirklichkeit gleich wahr, aber ein Austausch zwischen den verschiedenen Perspektiven fand auch nicht statt, sondern wurde vermieden oder verwehrt. Die Menschen konnten miteinander nicht offen reden. Anders denkende wurden verfolgt und hatten häufig Angst. Die rassistischen und nationalen Grenzen hemmten den Dialog unter unterschiedlichen Sichtweisen.
  • Die Menschen fühlten sich überfordert, wenn die Probleme ihre Fähigkeiten überstiegen. In einer solchen Situation sind Verdrängung und Resignation verbreitete Strategien, um die ständige Konfrontation mit der eigenen Ohnmacht zu vermeiden. Damals war in Europa die Ohnmacht von vielen proportional entgegengesetzt zu der Macht von wenigen.
  • Macht und Lernfähigkeit schließen sich häufig gegenseitig aus. Wer Macht hat, kann die eigene Sicht der Dinge durchsetzen und muss sich nicht mit anderen Meinungen auseinandersetzen. Für die eigenen Fehler macht „die Macht“ andere verantwortlich.
  • Die größten Fehler machen die Gesellschaften, die die eigenen Fähigkeiten überschätzen.

Hitler und Stalin sind längst gestorben und der Nationalismus in seiner ursprünglichen Form wird nicht so schnell wiederkehren. Trotzdem erkannten die Studierenden nach der Diskussion, dass einige der oben genannten Punkte auch auf die heutige Gesellschaft zutreffen: Durchaus ein Grund zur Sorge.
Die Geschichte wiederholt sich nicht auf der Ebene der Ereignisse: Es ist der Mensch, der sich ähnlicher geblieben ist. Die Entwicklung der Gesellschaft stößt nicht nur an die biophysischen Grenzen des Planeten (so wie Dennis Meadows 1972 im ersten Bericht des Club of Rome schrieb), sondern auch an die menschlichen Grenzen. Die Strukturen der Gesellschaft sollten so gestaltet werden, dass die Menschen nur die Fehler machen können, deren Konsequenzen sie selbst verantworten können. So wie gesellschaftliche Strukturen die Wahrnehmung der Wirklichkeit in der Vergangenheit hemmten, so können sie diese fördern. Eine nachhaltige Entwicklung setzt deshalb eine starke Demokratie, soziale Gerechtigkeit, Pressefreiheit, Kritikfähigkeit und interkulturelle Kommunikation voraus, sowie ein Selbstbewusstsein, das uns vor dem bloßen Funktionieren im System bewahrt. Dies ist die wichtigste Lehre, die wir aus den Krisen des 20. Jahrhunderts ziehen sollten.

© Davide Brocchi, 2.6.2010
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[1] William L. Shirer, Berlin Diary: The Journal of a Foreign Correspondent, 1934–1941.
[2] Wieland Jäger, Ulrike Weinzierl: Moderne soziologische Theorien und sozialer Wandel, Wiesbaden: VS-Verlag für Sozialwissenschaften, 2007. S. 28.
[3] Zum Beispiel wurden vielerorts die Umweltministerien erst nach dem Unfall von Tschernobyl eingerichtet.

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2 Kommentare

  1. Kiana Vossoughi ()

    1)Selbstbewusstsein(?)= Wahrnehmung der Wirklichkeit
    2)Starke Demokratie= soziale Gerechtigkeit, Pressefreiheit, Kritikfähigkeit und interkulturelle Kommunikation

  2. Kiana Vossoughi ()

    Starke Demokratie=Frieden(Keine Gesellschaftliche Kriese)

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