23.05.2008 | Biodiversität

Biodiversität

Ein Wert an sich

Tiere und Pflanzen haben nicht nur ein Lebensrecht, wenn sie dem Menschen dienen. Rheobatrachus silus wurde jüngst eine seltene Ehrung zuteil: Die UNO beklagt das Ableben des Magenbrüter-Frosches im australischen Urwald.

Foto: © unbekannt

Von Ulrike Fokken

Rheobatrachus silus wurde jüngst eine seltene Ehrung zuteil: Die UNO beklagt das Ableben des Magenbrüter-Frosches im australischen Urwald, ist es doch der pharmazeutischen Wissenschaft zu Lebzeiten der Amphibienart nicht gelungen, das Geheimnis der Magenbrütung zu lüften. Forscher hatten zwar bemerkt, dass das Weibchen von Rheobatrachus silus die gelegten Eier verschluckt, im Magen ausbrütet und nach geraumer Zeit winzige Frösche ausspuckt. Sie fanden auch heraus, dass die Kaulquappen mittels einer Substanz die Magensäureproduktion der Mutter blockieren. Doch bevor die Wissenschaft die chemische Zusammensetzung dieses Magensäurehemmers ergründen konnte, verschied die Froschart. Mit ihr ging die Hoffnung der Pharmaindustrie, ein Mittel gegen Magengeschwüre aus dem Froschnachwuchs zu entwickeln.

Rheobatrachus silus gilt deswegen als Beispiel für den unbedingten Sinn von Artenschutz. Unzählige Tier- und Pflanzenarten weltweit bergen Geheimnisse, die der Medizin endlich zu einem Durchbruch bei der Behandlung verbreiteter Krankheiten helfen könnten, argumentieren die beiden Wissenschaftler. Die Menschheit verliere Chancen für ihren Erhalt, wenn diese „medizinische Schatzkiste“, die Unep-Direktor Achim Steiner in der Artenvielfalt entdeckt hat, nicht erforscht und erhalten bleibt. Die Gesundheit des Menschen dient ihm als Argument für den Erhalt der Biodiversität.

Nach 200 Jahren Aufklärung und der in der westlichen Welt erfolgreichen Trennung von belebter und unbelebter Natur erhalten nun auch vom Aussterben bedrohte Tierarten ihre Daseinsberechtigung unter dem Nutzenaspekt.

Sie teilen damit das Los der Nutztierrassen in der industriellen Landwirtschaft, die Schweine, Kühe, Hühner und Lachse bereits so weit optimiert hat, dass ihr Leben in der Mast so kurz wie nötig und der finanzielle Gewinn so groß wie möglich ausfallen. Wild lebende Arten in den Tiefen der Ozeane und dem dunklen Unterholz konnten sich der industriellen Verwertbarkeit bislang weitgehend entziehen. Und dachte man bislang, dass ihre Nicht-Existenz im Blickfeld von Mensch und Industrie ihr Überleben sichert, hängt der Artenerhalt nun von der Entdeckung und vom wirtschaftlichen Vorteil ab, den sie dem Nutznießer ihrer Gene bringen. Diese Argumentation der mutmaßlichen Artenschützer, zu denen auch Umweltminister Sigmar Gabriel und seine politischen Verhandlungsführer auf der UN-Artenschutzkonferenz in Bonn gehören, ist unübertroffen zynisch.

Tiere und Pflanzen bekommen in der Logik der neuen Biodiversitätsschützer ein Lebensrecht zugesprochen, wenn sie dem Menschen dienen. Das ist eine Anmaßung: Das Leben an sich ist ein Wert, da bedarf es keiner Wertschöpfung durch die Industrie.

Die Natur bedarf keiner ökonomischen Bewertung, um Argumente zur Abwägung ihres Gebrauchs zu liefern, wie die Ökonomen Joachim Weimann und Sönke Hoffmann an dieser Stelle kürzlich geschrieben haben. Sie folgen dem falschen Gedankengang der europäischen Aufklärung, nachdem es menschliches Leben ohne Natur gibt, dass der Mensch eine von Natur und Umwelt losgelöste Spezies bildet, die dank ihrer Ratio von allen anderen Lebewesen abgekoppelt ein eigenständiges Leben führen könnte. Dieses ideologische Gedankenkonstrukt spiegelt einzig den Wunsch nach letztmöglicher Individualisierung im 21. Jahrhundert wider: Nachdem der westlich denkende Mensch sich mühsam von Gott, dem Vater, befreit hat, will er sich nun auch endlich von der Natur, der Mutter, lösen.

Ohne weitere psychoanalytische Exkurse muss auch dem aufgeklärten Menschen verständlich sein, dass der Mensch ohne Wälder, Moore, Flussauen, Mangrovenwälder und atmende Meere nicht lebensfähig ist.

Das Leben auf dem Planeten ist ein System, es ist nicht singulär und deswegen hängen Hochwasser in Mitteleuropa auch vom Urwalderhalt am Amazonas ab. Wir wissen zwar nicht, ob das Aussterben des Magenbrüter-Frosches direkte Auswirkungen auf die Wüstenbildung in Südspanien hat, aber die offenkundige Zerstörung seines Lebensraumes in Australien mag zur Klimaveränderung beitragen. Oder eine Folge davon sein. Dann wäre der von den Industrieländern verursachte Klimawandel dafür verantwortlich, dass ihrer unter Magengeschwüren leidenden Bevölkerung das lindernde Mittel aus dem australischen Busch vorenthalten bleibt. Diese Verantwortung möchte wohl keine Regierung eines Industrielandes übernehmen, und genau an der Weiterführung einer derartigen Argumentationskette vom Sinn des Artenschutzes zum Erhalt der Volksgesundheit zeigt sich ihre Abstrusität.

Es gibt die berühmte Weisheit der Cree-Indianer, nach der die Weißen erst nach dem Fällen des letzten Baumes merken werden, dass Geld nicht essbar ist. Selbst wer jetzt müde abwinkt und von diesem einst auf jeder Heckscheibe klebenden Credo der deutschen Umweltbewegung in den Siebzigerjahren nichts mehr hören will, wird zugeben, dass die Cree Recht hatten. Bäume stehen noch, aber der Anbau von Raps, Weizen und Zuckerrohr für die Energiegewinnung führt bereits zu weltweit steigenden Lebensmittelpreisen und Hungeraufständen. Die Menschheit braucht keine energetisch verwertbaren Pflanzen zum Überleben. Ihre Existenz sichert sich damit einzig die Mineralöl- und Autoindustrie und entzieht sich so der Verantwortung für kapitalintensive Innovationen in effiziente Technik.

Die neu ernannten Artenschützer in UNO und Bundesumweltministerium haben noch ein weiteres Instrument gefunden, das ihre Bemühungen für den Schutz der Biodiversität unterstreichen soll. Der Wert von Tieren und Pflanzen wird in Euro und Cent bemessen. Die völlige Ökonomisierung der Natur wird das Artensterben jedoch beschleunigen und nicht etwa aufhalten.

Wenn erst Pflanzen und Tiere einen in Geld bezifferbaren Wert haben, wird ihr Lebensraum dann umso billiger, je kümmerlicher ihr Bestand ist. Eine Magerwiese, das sind die struppig und dem Betrachter oft armselig erscheinenden Wiesen zwischen Feldflur und Acker, ist reich an Wildkräutern und Insekten, aber volkswirtschaftlich zu vernachlässigen. Mit ein wenig Dünger lassen sich artenreiche Magerwiesen jedoch in artenarme, aber ertragreiche Äcker verwandeln. Auch die Lebensräume der Orang-Utans oder Gorillas in den letzten Urwäldern werden umso billiger, je weniger von ihnen überleben. Die Ökonomisierung wildlebender Tiere schafft erst den Anreiz, ihr Ableben zu beschleunigen, denn das nach dem Artentod finanziell wertlose Land lässt sich durch den Anbau von Energiepflanzen oder Futter für die Rindfleischindustrie veredeln. Wenn Primaten unter dem Primat des Geldes stehen und ihr Leben mit Arbeitsplätzen und dem Überleben der Autoindustrie verrechnet wird, haben sie keine Chance. Nur das Unwissen über den finanziellen Wert von Tieren und Pflanzen schützt die Vielfalt des Lebens.


© Das Interview wurde in der TAZ vom 23. Mai 2008 veröffentlicht

Ulrike Fokken (43) schreibt als Journalistin seit 20 Jahren über Wirtschaft und Umwelt (unter anderem als taz-Redakteurin) und hat Bücher zu nachhaltigem Management veröffentlicht. Sie ist Sprecherin der Deutschen Umwelthilfe.

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