27.11.2007 | Kriegsberichterstattung

Der Kriesenreporter
Christoph Maria Fröhder nennt sich Krisenreporter, nicht Kriegsreporter. Für das deutsche Fernsehen besuchte er die meisten Kriegsschauplätze der vergangenen Jahrzehnte. Er beklagt den immer geringeren Stellenwert, den Hintergrundberichterstattung im heutigen Fernsehprogramm hat.
Von Christoph Maria Fröhder
Der Krisenberichterstatter ist ein Journalist, der politische und gesellschaftliche Hintergründe von Konflikten intensiv recherchiert und der Öffentlichkeit präsentiert. Damit wird er automatisch zum Sprachrohr der in Konflikten unterdrückten Zivilbevölkerung. Er muss sich also behutsam auf das Leid von Familien einlassen und dies in eine Schilderung der örtlichen Machtverhältnisse einbetten. Wichtigste Grundvoraussetzung ist: Der Krisenreporter muss die Kultur und Tradition des Gastlandes nicht nur kennen, er muss sie respektieren. Im Dialog oder Interview mit jenen Politikern, die für die Krise mitverantwortlich sind, hat der Krisenreporter die Aufgabe möglichst umfassend informiert aufzutreten. Nur so wird verhindert, dass man versucht ihn mit allgemeinen Floskeln abspeisen. Ein Beispiel: Als ich nach langem Zögern 1995 erneut für eine Reportage nach Kambodscha reiste ergab sich per Zufall die Gelegenheit zu einem Interview mit König Sihanouk. Anfangs wollte er uns abwehren. Als ich dann aber detailliert nach seiner Mitverantwortung für die Mordtaten der Roten Khmer fragte, konnte er uns nicht ignorieren, ohne das Gesicht zu verlieren. Es entwickelte sich dann ein Streitgespräch, in dem er sich zu rechtfertigen versuchte. Als ich seine historische Darstellung mehrfach korrigierte, steigerte er sich vor der laufenden Kamera immer mehr in Extase. Wahrscheinlich hat er nie zuvor in der Öffentlichkeit so detailliert über seine Mitverantwortung gesprochen In der Praxis bedeutet dies: Das Niveau der Berichterstattung hängt zu einem wesentlichen Teil davon ab, wie gut der Krisenreporter mit der Geschichte des Konflikts vertraut ist.
Diese hier nur knapp geschilderten Kriterien unterscheiden ihn grundsätzlich vom Kriegsreporter, den die meisten Redaktionen mehr als Allzweckwaffe verstehen.
Der Kriegsreporter bekennt sich –wenn er ehrlich ist- nur allzu häufig zur Lust am Abenteuer. Er soll und will möglichst knallige Bilder und Reportagen liefern. Wenn es für diese Aufgabenstellung nützlich ist, wird auch Zensur oder die moderne Abwandlung, der Einsatz als „embedded-journalist“ akzeptiert. Auf Grund seines Status wird der Kriegsberichterstatter eng mit einer Konfliktpartei kooperieren und den Eindruck erwecken können, er sei in Wirklichkeit näher am Konfliktherd als die anderen Kollegen.
Nach dem 3.Golfkrieg im Jahr 2003 haben mir sogar renommierte Kollegen mit leuchtenden Augen erzählt, sie hätten sich beim Betrachten der Fernsehbildern vom Vormarsch der Amerikaner auf Bagdad, direkt wie bei der Truppe gefühlt. Mich irritiert diese Begeisterung. Nach meinen Erfahrungen verläuft jeder Vormarsch nach dem gleichen Raster, lediglich die Fahrzeuge werden größer, schneller und gefährlicher. Was variiert ist die Stärke des Widerstands, doch den hat es 1991 genauso wenig gegeben wie 2003, weil die irakischen Truppen schlecht ausgerüstet und entmutigt waren. Darüber konnten die „eingebetteten“ Kollegen aber schwerlich berichten, weil fast alle irakischen Soldaten vor den einziehenden Invasionstruppen flohen. Was die „eingebetteten“ Kollegen überhaupt nicht sahen, war das Ausmaß des Luftkriegs gegen die Zivilbevölkerung. Ohne Möglichkeit diesen Kern der amerikanischen Kriegsführung kritisch zu beobachten, wird der Kriegsreporter fast automatisch zum PR-Mitarbeiter einer angreifenden Armee.
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Themendossier 07/09