27.11.2007 | Medien

Die vierte Gewalt

Wie stark ist der Einfluss von Militär auf Medien und der Medien auf Regierungspolitik tatsächlich?

Von Martin Löffelholz, Ilmenau

Die politische Praxis wie die akademische Forschung interessieren sich seit längerem für die Beziehungen von Medien und Sicherheitspolitik – vor allem in Kriegs- und Krisenzeiten. Zwei Fragen stehen dabei im Mittelpunkt:

  • Wie prägt das sicherheits- und verteidigungspolitische Management von Kommunikation die Krisenberichterstattung? Können Journalistinnen und Journalisten Kriege unabhängig beschreiben – trotz Zensur, PR-Kampagnen, Ereignisinszenierung und eingebettetem Journalismus (embedded journalism)?
  • Wie beeinflusst die Kriegsberichterstattung sicherheitspolitische Entscheidungen? Können Medien den Verlauf gewaltsamer Konflikte beeinflussen, also etwa Regierungen dazu bewegen, kriegerische Auseinandersetzungen zu beginnen – oder zu beenden?

Determinieren Public Relations die Kriegsberichterstattung?

Selbstverständlich: Dass sicherheitspolitische Akteure – auch in Demokratien – bemüht sind, ihre Handlungen in einem positiven Licht erscheinen zu lassen und dafür (selten, gelegentlich, oft?) unredliche Mittel einsetzen, kann als gesichert gelten. Darauf verweist die große Zahl lancierter und nachträglich entlarvter Falschinformationen, die in bestimmten historischen Konstellationen gravierende Konsequenzen für Entscheidungen über Krieg und Frieden hatten. Zu nennen sind etwa die von einer PR-Agentur erfundene „Brutkastenlüge“ vor Beginn des Zweiten Golfkriegs (1991), der offenkundig konstruierte „Hufeisenplan“ im Kosovokrieg (1999) oder die von der US-Regierung vorgelegten „Beweise“ für Massenvernichtungswaffen vor dem Angriff auf den Irak (2003).

Diese Beispiele, so bedenkenswert sie sind, sagen allerdings nur begrenzt etwas darüber aus, welche Organisationen oder Personen unter welchen Bedingungen mit welchen Zielen bei welchen Medien welche Inhalte mit welchen Auswirkungen auf welche Bevölkerungssegmente erreichen. Weder Sicherheitspolitik noch Militär können trotz eines enormen Kommunikationsaufwandes – gerade in den USA – voraussagen, wie Journalisten sich in bestimmten Kriegen oder Krisen verhalten, welche Themen geheim gehalten werden können oder welche Ereignisse mediale Breitenwirkung erzielen. Das zeigte sich beispielsweise im Frühsommer 2004, als Medien Folterbilder aus einem von US-Militärs geleiteten Gefängnis in Bagdad publizierten und damit eine weltweite Debatte auslösten, die das Pentagon sicherlich gerne vermieden hätte.

Die Beziehungen zwischen sicherheitspolitischem Kommunikationsmanagement und den Medien sind in offenen Gesellschaften insofern als prinzipiell nicht-deterministisch zu charakterisieren. Das ergibt sich zum einen aus kommunikationswissenschaftlichen Theorien und Befunden, nach denen die Beziehungen von Öffentlichkeitsarbeit und Journalismus keineswegs durch einseitige Einflussnahme, sondern durch wechselseitige Abhängigkeiten charakterisiert sind. Zum anderen unterliegt die Kriegs- und Krisenberichterstattung in demokratischen Gesellschaften einer Vielzahl von Einflüssen: Neben dem Kommunikationsmanagement spielen journalismusimmanente Aspekte (wie Arbeitsregeln, Organisationsformen), die Situation in Kriegsgebieten (wie Sicherheitslage, Zugang), die Interessen der Rezipienten sowie das öffentliche Klima eine Rolle.

Versuche zur Instrumentalisierung des Journalismus können darüber hinaus zu Konsequenzen führen, die die politischen Akteure keineswegs intendieren. In Spanien überholte der Privatsender Telecinco in den ersten Monaten des Irakkrieges erstmals das Staatsfernsehen TVE in der Zuschauergunst. Offenkundig auf politischen Druck hin hatte TVE darauf verzichtet, über die europaweit größte Antikriegsveranstaltung zu berichten, an der in Spanien rund fünf Millionen Menschen teilgenommen hatten. Von dieser journalistische Standards ignorierenden Berichterstattung profitierte Telecinco, das sich im Gegensatz zu TVE nicht auf den kriegsfreundlichen Kurs der Regierung Aznar eingelassen hatte. Ein regierungskritischer Journalismus kann also ein einträgliches Geschäft sein, solange die redaktionelle Linie sich an den Interessen der Publikumsmehrheit orientiert. Welche Konsequenzen sich aus einer eher kritischen oder aber einer eher affirmativ-propagandistischen Berichterstattung – wie etwa 2003 von Fox News über den Irakkrieg – für Sicherheitspolitik, Diplomatie und Kriegsführung ergeben, wird in Wissenschaft und Politik intensiv diskutiert.

Sicherheitspolitische Effekte der Kriegsberichterstattung

John Shattuck, ehemaliger Vize-Außenminister der Vereinigten Staaten, illustrierte vor einigen Jahren die Folgen eines zunehmend globalen Kommunikationssystems wie folgt: „Die Medien brachten uns nach Somalia und dann wieder hinaus.“ Diese Einschätzung steht exemplarisch für eine gerade in der US-Politik vertretene Position, nach welcher Nachrichtenmedien einen großen und unmittelbaren Einfluss auf sicherheitspolitische Entscheidungsprozesse ausüben. Tatsächlich entsandte die US-Regierung Anfang der 1990er Jahre im Rahmen einer UN-Mission Truppen nach Somalia – aufgerüttelt durch dramatische Bilder verhungernder Flüchtlinge. Ein Jahr später bewegten grausame Bilder einer verstümmelten, durch die Straßen von Mogadischu geschleiften Leiche eines US-Soldaten die amerikanische Öffentlichkeit – die USA zogen sich aus Somalia zurück.

Seit das Cable News Network (CNN) zum globalen Nachrichtenlieferanten aufstieg, werden solche Zusammenhänge zwischen Kriegsberichterstattung und politischen Entscheidungen als „CNN-Effekt“ bezeichnet. Gemeint ist das Einflusspotenzial des globalen Kriegs- und Krisenjournalismus auf Politik, Diplomatie und Militär. Live-Berichterstattung kann für Streitkräfte in der Tat problematisch werden, wenn der Gegner dadurch beispielsweise Informationen über die eigene Truppenstärke erhält. Angenommen wird des Weiteren, dass die beschleunigte Medienberichterstattung zu einer geringeren Bedeutung traditioneller Diplomatie und zur Herausbildung einer Public Diplomacy führt. Schließlich richten international operierende Medien ihre Aufmerksamkeit auf bestimmte Krisenherde und setzen diese damit möglicherweise erst auf die Tagesordnung politischer Entscheidungsträger.

Der CNN-Effekt unterstellt eine starke kausale Wirkung der globalen Echtzeitberichterstattung auf sicherheitspolitische Prozesse. Diese These eines unilinearen Zusammenhangs von Kriegsberichterstattung und Sicherheitspolitik ist jedoch „angesichts widersprüchlicher empirischer Ergebnisse nicht haltbar bzw. tritt der unterstellte Wirkungsmechanismus nur unter bestimmten Bedingungen ein“. Es scheint daher sinnvoller, die Medien nicht als einen die Sicherheitspolitik bestimmenden Faktor anzusehen, sondern vielmehr davon auszugehen, dass Politikgestaltung in einer von Medien geprägten Umgebung stattfindet („Mediengesellschaft“) und die Beschleunigung der globalen Krisenberichterstattung zu Veränderungen im politischen Prozess führt. So stellen Medienangebote mittlerweile eine starke Konkurrenz zu klassischen Informationsquellen der Sicherheitspolitik dar, etwa den Botschaften oder den Geheimdiensten. Und der durch die öffentliche Diskussion sicherheitsrelevanter Themen erhöhte Zeitdruck verstärkt die Gefahr überstürzter politischer Entscheidungen.

Neben diesen Veränderungen kommt es in Kriegs- und Krisensituationen unter bestimmten Bedingungen zu einem sprunghaften Popularitätsgewinn staatlicher Institutionen. Der so genannte Rally-Effekt („Rally round the flag“) beschreibt eine auffällige, aber vergleichsweise kurzfristige Zunahme der öffentlichen Unterstützung für den Präsidenten, seine Politik, den Kongress und das Militär. Zu erklären ist der Effekt durch die monothematische, möglicherweise auf Instrumentalisierungsabsichten politischer Akteure zurückgehende regierungsfreundliche Aufbereitung kriegsbezogener Ereignisse in der Medienberichterstattung. Nicht alle Teile der Bevölkerung beteiligen sich dabei an der Rally: Parteiaffinität und Mediennutzungspräferenzen spielen eine wichtige Rolle.

In Deutschland wurden Rally-Effekte am Beispiel des Kosovokrieges nachgewiesen. Während des ersten Kriegsmonats, im April 1999, stieg die Popularität wichtiger Regierungspolitiker (Gerhard Schröder, Rudolf Scharping, Joschka Fischer) sprunghaft an, nahm in den darauffolgenden Wochen jedoch kontinuierlich ab, um sich im Juni 1999 auf dem Ausgangsniveau einzupendeln. Ein ähnliches Muster zeigte sich bei der öffentlichen Bewertung des US-Präsidenten in den ersten Monaten des Irakkrieges 2003.

Fazit: Kernressourcen – Think Tank – Netzwerk

In demokratischen Gesellschaften gewinnen das sicherheitspolitische Kommunikationsmanagement und die Public Diplomacy an Relevanz, während traditionelle Formen zur Aushandlung politischer Entscheidungen über Krieg und Frieden an Bedeutung verlieren. Vor allem das US-Militär versteht Information und Kommunikation als Kernressourcen der globalen Kriegsführung des 21. Jahrhunderts. Der nicht-deterministische Charakter der Beziehungen von Medien und Sicherheitspolitik wird dabei zunehmend berücksichtigt. Ob der Journalismus vorbereitet ist, den aktuellen Herausforderungen der Kriegs- und Krisenkommunikation zu begegnen, erscheint aber zweifelhaft.

Die Analyse der Beziehungen von Kriegsberichterstattung und sicherheitspolitischem Kommunikationsmanagement steht allerdings – trotz einer großen Zahl von Einzelstudien – erst am Anfang. Untersuchungen, in denen die Produktion von Medienaussagen inklusive der dahinterstehenden Einflüsse mit den journalistischen Produkten und der Rezeption von Kriegs- und Krisenberichterstattung systematisch verknüpft werden, gibt es bislang genauso wenig wie einen Think Tank, der die Veränderungen der sicherheitspolitischen Kommunikation in Deutschland systematisch in den Blick nimmt.

Diese Funktion übernehmen weder die Bundeswehrhochschulen noch das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr noch die Akademie der Bundeswehr für Information und Kommunikation oder die Bundesakademie für Sicherheitspolitik (BAKS). Um die Beziehungen von Kriegsberichterstattung und sicherheitspolitischem Kommunikationsmanagement systematischer zu erschließen, ist es deshalb an der Zeit, neben einer verbesserten Kooperation interessierter Fachwissenschaftler in Deutschland ein Forschungsnetzwerk einzurichten, das dazu beiträgt, den vielfältigen Herausforderungen der Krisen- und Kriegskommunikation im 21. Jahrhundert besser zu begegnen.

© Martin Löffelholz, 27.11.2007. Der Artikel wurde bereits auf der Homepage der Bundeszentrale für politische Bildung veröffentlicht

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Der Autor

Dr. phil. Martin Löffelholz, geb. 1959; Professor an der TU Ilmenau; dort Leiter des Fachgebiets Medienwissenschaft sowie der Internationalen Forschungsgruppe Krisenkommunikation. TU Ilmenau, Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft. Mitherausgeber des neu erschienen Handbuches: Kriegs- und Krisenberichterstattung. Ein Handbuch. UVK Verlag

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