26.08.2006 | Literatur im Nationalsozialismus

Verfolgte Dichterinnen

Else Lasker-Schüler, Gertrud Kolmar und Nelly Sachs verstummten nicht angesichts der Shoah. Die verfolgten Dichterinnen nahmen die Sprache mit ins Exil oder in die innere Emigration.

Von Margret Karsch, Berlin

Ich liege wo am Wegrand übermattet –
Und über mir die finstere kalte Nacht –
Und zähl schon zu den Toten längst bestattet.

Wo soll ich auch noch hin –von Grauen überschattet-
Die ich vom Monde euch mit Liedern still bedacht
Und weite Himmel blauvertausendfacht.

Else Lasker-Schülers Gedicht Ich liege wo am Wegrand erschien 1943 in Jerusalem, zwei Jahre vor ihrem Tod im Exil. Die ersten beiden Strophen beschreiben paradigmatisch die Situation der verfolgten Dichterin. Das sprechende Ich irrt müde und hoffnungslos umher, eine Verscheuchte, wie ein anderes Gedicht aus ihrem letzten Lyrikband Mein blaues Klavier heißt. Else Lasker-Schüler, geboren 1869 in Wuppertal-Elberfeld, war vor der nationalsozialistischen Verfolgung 1933 zunächst in die Schweiz geflohen, erhielt dort jedoch keine Aufenthaltsgenehmigung und konnte deswegen von einer Reise nach Palästina im Jahre 1939 nicht wieder zurückkehren. Auch Nelly Sachs, geboren 1891 in Berlin, konnte vor den Nationalsozialisten fliehen. Sie starb 1970 im Stockholmer Exil. Gertrud Kolmar dagegen wurde 1943 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. 1894 als Gertrud Chodziesner in Berlin geboren, hatte sie die deutsche Form ihres Nachnamens angenommen und sich geweigert, Deutschland ohne ihren Vater zu verlassen. Die drei Dichterinnen wurden wegen ihres Judentums verfolgt. Durch den wachsenden Antisemitismus erhielt damit eine biografische Kategorie, die den aus dem assimilierten jüdischen Bürgertum stammenden Autorinnen selbst bis dahin kaum bewusst gewesen war, existenzielle Bedeutung. Auch die weibliche Autorschaft, das Exil oder die Zwangsarbeit im nationalsozialistischen Deutschland beeinflussten Leben und literarisches Werk in unterschiedlichem Maße. Sehr individuell konstruierten und inszenierten die verfolgten Dichterinnen in ihren Texten Weiblichkeit, Judentum und Verfolgung.

Else Lasker-Schülers dichterisches Verfahren lässt sich in vielen ihrer Texte als ein Spiel beschreiben, in dem das sprechende Ich verschiedene Rollen einnimmt: In den 1913 erschienen Hebräischen Balladen treten überwiegend alttestamentarische Figuren auf. Dabei ist das sprechende Ich weder auf ein Geschlecht festgelegt, noch sind die thematisierten Liebesbeziehungen eindeutig homo- oder hetero-erotisch determiniert. Das gilt auch für ihre orientalischen Geschichten Die Nächte der Tino von Bagdad, Der Malik und Der Prinz von Theben. Dieses Changieren zwischen den Geschlechtern und Kulturen setzte Lasker-Schüler in ihrem Leben in der Berliner Bohème fort, wenn sie die Briefe an ihren Freund Franz Marc mit „Prinz Jussuf von Theben“ unterschrieb und als solcher verkleidet im Romanischen Café saß. Ihren Freunden verlieh sie Namen verschiedener historischer, geografischer oder fiktionaler Zusammenhänge. Dadurch unterläuft Lasker-Schüler in ihrem Werk nicht nur sexuelle Festschreibungen, sondern auch ethnische bzw. kulturelle wie die einer jüdischen Identität.

Ähnlich entzieht sich auch Gertrud Kolmar den Zuschreibungen von außen. Indem das sprechende Ich in den Gedichten aus dem Band Die Frau und die Tiere (1938) sich in verschiedene Tiere verwandelt oder die Rollen wechselt, gelingt Kolmar ein in den Titeln angekündigtes Maskenspiel als Dichterin, Mutter, Fremde, Geliebte oder Jüdin. Das Geschlechterverhältnis bleibt aber dominantes Thema und die Situation letztendlich aporetisch, denn die Macht der Sprache reicht nicht über den Text hinaus. In dem Gedicht Die Kröte spricht ein Geschöpf aus einer fremden Welt, das weiß, das es bloß wegen seiner Andersartigkeit getötet werden soll:

Unter fauliger Planke
Aus Morastigem Glied um Glied,
Wie versunkner Gedanke
Aus dem Wust, aus dem Schlamm sich zieht.
Durch Gekräut, um Kiesel
Hüpf ich als dunkler, bescheidener Sinn;
Tauiges Laubgeriesel,
Schwarzgrüner Efeu spült mich dahin.

Ich atme, schwimme
In einer tiefen, beruhigten Pracht,
Demütige Stimme
Unter dem Vogelgefieder der Nacht.
Komm denn und töte!
Mag ich nur ekles Geziefer dir sein:
Ich bin die Kröte
Und trage den Edelstein…

Nelly Sachs

Dieser mögliche Verweis auf den Antisemitismus bleibt metaphorisch und setzt ihm nur Worte entgegen. In der Kabbala, der Lehre und den Schriften der mittelalterlichen, jüdischen Mystik, bedeuten Worte Leben. Auch Nelly Sachs hatte sich durch die rassistische Verfolgung verstärkt dem Judentum zugewandt. Ihr Gedicht Völker der Erde zeigt ihr Vertrauen in die Sprache, das sie dem Holocaust zum Trotz bewahrte:

Völker der Erde,
lasset die Worte an ihrer Quelle,
denn sie sind es, die die Horizonte
in die wahren Himmel rücken können
und mit ihrer abgewandten Seite
wie eine Maske dahinter die Nacht gähnt
die Sterne gebären helfen –

Die Reflexion von Sprache in der Situation der Verfolgung spielt bei allen drei Dichterinnen eine große Rolle. Die Sprache bietet einen Zufluchtsort, und sie lässt sich mitnehmen ins Exil. Schon Heine, der als der erste deutsch-jüdische Dichter des Exils gilt, hatte die Sprache als „portatives Vaterland“ bezeichnet. Während in Lasker-Schülers frühen Gedichten der Hang zum Sprachspiel überwiegt, so wird ab 1933 in der Schweiz und ab 1939 in Palästina der Ton immer hoffnungsloser. In Mein blaues Klavier heißt es:

Ich habe zu Hause ein blaues Klavier
Und kenne doch keine Note.
Es steht im Dunkel der Kellertür,

Seitdem die Welt verrohte.

Gertrud Kolmar

Der romantische Zauber des Wortes scheint seine Macht verloren zu haben. Auch der paradoxe Titel von Kolmars Nachlass, Das Wort der Stummen, weist auf die Sprachnot der Dichterinnen hin. Kolmar verleiht in diesem Zyklus den – oder der, bezogen auf ihr eigenes Schweigen in der inneren Emigration – Stummen Sprache: sowohl denen, die nicht in der menschlichen Sprache sprechen können wie die Kröte, als auch denen, die verstummt sind, weil sie ermordet worden sind, den Gefangenen der Konzentrationslager, den Juden. Zum Beispiel in dem Gedicht Der Misshandelte:

In meiner Zelle brennt die ganze Nacht das Licht.
Ich stehe an der Wand und schlafen darf ich nicht;

Denn alle zehn Minuten kommt ein Wärter, mich zu schaun.
Ich wache an der Wand. Sein Hemd ist braun.

Die andern kehren wieder, unterhalten sich
Mit meinem Schrein und Stöhnen, lachen über mich,
Sie recken mir die Arme gewaltsam, nennen ´s Sport.

Ich breche in die Knie… und endlich gehen sie fort.

Nelly Sachs hat ebenfalls eine Sprache für den Massenmord an den Juden gefunden. Ihr mystischer Ton fasst die Dimension des Grauens, ohne zu verharmlosen oder zu verschleiern.

O die Schornsteine!
Freiheitswege für Jeremias und Hiobs Staub –
Wer erdachte euch und baute Stein auf Stein
Den Weg für Flüchtlinge aus Rauch?

O die Wohnungen des Todes,
Einladend hergerichtet
Für den Wirt des Hauses, der sonst Gast war –

Das Gedicht erschien 1947 in dem ersten deutschsprachigen Lyrikband, der im Titel auf den Holocaust verweist: In den Wohnungen des Todes. Else Lasker-Schüler, Gertrud Kolmar und Nelly Sachs verstummten nicht angesichts der Shoah. Die verfolgten Dichterinnen nahmen die Sprache mit ins Exil oder in die innere Emigration.

© Margert Karsch, 26.08.2006

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