25.01.2007 | Kultur und Alter

Die Alten sind die Neuen

Die Alten sind die Neuen

Die Alten brauchen Kultur zur Unterhaltung, denn sie haben die Arbeit verloren. Aber sie können sich auch spielerisch einen neuen Freiraum schaffen.

Foto: © unbekannt

Von Jochen Gerz, Kilgarvan (Irland)

Insofern als das «Verlieren der Arbeit» (d. h. das Gewinnen der freien Zeit) in Zukunft nicht nur die Alten betrifft, sondern die zeitgenössischen Gesellschaften insgesamt, wird das Aktionsfeld der/für Kultur größer. Und in der arbeitsfreien Zeit wird möglicherweise eine Grenze sichtbar, die bisher nicht sichtbar war: die Grenze des Konsums. Der Arbeitsmensch braucht den Konsum an sich, nicht als Quelle aller kaufbaren Güter, sondern als Ablenkung während der Arbeit von der Arbeit. Als Droge, als Wunschtraum.

Die Alten sind also insofern interessant, weil sie die Avantgarde der arbeitsloseren Gesellschaften sind: sie sind potentiell, weil sie nicht arbeiten, sozialer, partizipativer, spielerischer und kultureller. Diese vier Adjektive sind Schlüsselworte der Gesellschaften, die wir uns heute vorstellen.

Die Alten sind also auch die Neuen der Gesellschaft heute. Im Zyklus des Lebens nähern sie sich der eigenen Vergangenheit und nehmen, nach vielen Jahren der Rationalisierung und Professionalisierung, den Kontakt zur eigenen Kindheit auf. Sie tun das auch mit einem neuen, weniger leistungsorientierten Zugang zur Zeit. Muse, Spiel, Teilnahme, Sozialität sind Teile der Aktualität.

Es ist leicht nachzuvollziehen, warum die Kultur Zentrum in einer solchen Konstellation sein kann: sie ist als das Archiv der zivilisatorischen Vergangenheit die sublimste Form von Konsum, der Schiller eine Fähigkeit zur Läuterung unseres Empfindens zuschrieb.

Die Situation hat sich seit der deutschen Klassik verändert, und das zu sagen, sollte kein Frevel sein. Ich sage das, weil Veränderungen im Bereich der Kultur – meist wird sie ja als Ausdruck unseres zeitlosen Erbes verstanden – oft auf eine nur bedingte Aufmerksamkeit, wenn nicht gar auf Unwillen stossen. Nichts ist vor den Eingriffen der Gegenwart sicherer als unsere Kultur. Dabei handelt es sich bei der Kultur natürlich nicht um ein unveränderliches Mausoleum aus Marmor – es ist vielmehr interessant zu beobachten, wie wenig wir tatsächlich von «Dauerhaftem» umgeben sind und wie groß nichts desto weniger der Platz ist, den das «Dauerhafte» oder das, was wir so bezeichnen, in unserem Denken und in unseren gesellschaftlichen Konventionen einnimmt. Als unsere Sehnsucht kann man das «Dauerhafte» definieren. Sie ist groß und es gibt wenige Beispiele der Revolte gegen die Dauer, die uns selbst so wenig vergönnt ist.

Meine Ausschweifung über das Thema der Dauer soll nur auf die Tatsache hinweisen, dass Kultur natürlich Teil des Vergänglichen ist und dessen, was konstant mutiert. Wenn man das Thema «Kultur und Alter» anspricht, käme dem oft ignorierten Aspekt der Kultur, dem der Veränderung, eine zentrale Rolle zu.
Was für die Alten gilt, nämlich dass sie mit dem Aspekt des «Erbes» als Kultur nicht hinreichend versorgt sein werden, das gilt sicher auch für die Gesellschaft insgesamt, d. h. alle übrigen Teilnehmer der Öffentlichkeit, wenn die Versorgung durch Arbeit in Frage gestellt sein sollte.

Es ist eigentlich überraschend, das das Auftauchen der Freiheit und das Zurücktreten der Bedeutung von Arbeit als Bedrohung und nicht als Chance und Befreiung diskutiert werden. Es steht dabei der Zwang und nicht die Sehnsucht im Vordergrund. So, als sei die Annäherung an unsere conditio als Lebende mit Zwang und die Entfernung davon mit Sehnsucht verbunden.
Und genau das zeigt, dass eine Kultur als Initiator von Gegenwart und Hiersein, wie sie in der Moderne wahrscheinlich erfolglos immer wieder formuliert wurde – auch heute eine nicht einfache Aufgabe ist.

Einen « arbeitslosen » Teil der Bevölkerung – gleich aus welchem Grund arbeitslos – nicht nur dank der Kultur als Erbe, sondern dank der freien Zeit neu zu orientieren, ist keine kleine Aufgabe. Es bedeutet die heutigen Hierarchien neu zu sehen und zu beurteilen. Es bedeutet in Ziellosen am unteren Ende der Leiter – am Beispiel der Alten deutet sich auch die anstehende Relativierung des Geldes (siehe Grundeinkommen) bei der Redefinierung der gesellschaftlichen Werte an – Autoren eines « Versuchs » zu sehen, die eine ganz entscheidende Sinnfrage am Ausgang der Arbeitszeit «durchspielen», und dies jenseits von Religion, Philosophie, Politik oder wie sonst die traditionellen Sinnspender heißen.

Man könnte fast sagen: jenseits der Kultur. Es ist in der Tat so, dass, wenn man von etwas wie einer kulturellen Gesellschaft ausgeht, der wohldefinierte Begriff einer Kultur als Angebot für eine Erziehungsoberschicht nicht mehr greift. Wenn aus der Oberschicht die ganze Gesellschaft wird, dann kann Kultur, wie schon gesagt, nicht nur das Angebot für den qualifizierten Arbeitsmenschen sein, sondern sie muss mehr leisten: sie kann die Teile der Bevölkerung nicht unberücksichtigt lassen, die «nach der Arbeitszeit» (und zwar in einer absehbaren Zukunft) einen neuen Lebensgrund suchen.

Wie gesagt: es handelt sich um einen Wandel, der Grund zur Freude sein sollte. Mit dem Zugang zur Kultur ist kein Abo im Stadttheater gemeint, sondern die graduelle Initiierung in die einzige Rolle, die die Kultur als Erbe zugleich verspricht und vorenthält: die Rolle des Autors. Kultur als Gegenwart kann heute nur Teilnahme, Beitrag, Autorenschaft meinen, nicht Konsum, Zuschauerschaft oder Fetischismus. Alle Rollen in der zivilen Gesellschaft stehen zur Disposition, wenn es sich und so lange es sich um die Demokratie handelt, innerhalb der Kultur nicht als die Ausnahme von der sozialen Regel, sondern als soziale Regel und neue Arbeitszeit wirksam ist. Es handelt sich bei dem Freiraum für die Kultur also nicht um das Gegenteil von Arbeit, Frohn und Lohn, sondern um eine jetzt schon bereits funktionierende Verkleidung von Kultur und Spiel als Arbeit. Was hätten unsere Vorfahren vor noch 100 Jahren zu dem gesagt, was viele Menschen heute Arbeit nennen? Ich glaube, sie hätten kopfschüttelnd die gepäcklosen Menschenmassen beim Auftauchen aus den unfassbar schnellen Gefährten zugeschaut und am ehesten wären ihnen der Gedanke an ein neues Spiel gekommen, auch wenn sie uns nahe genug kämen, um unsere unmissverständliche Ernsthaftigkeit zu erkennen. Wie hätten sie den Stress erklärt, der zu uns gehört und doch erst wenige Jahre alt ist? Wie viel von der Arbeitspsyche, der Arbeitswelt und der Arbeitsgeschichte das kulturelle Massenspiel integrieren kann, ist schwer zu sagen. Fest steht: die Kulturgesellschaft wird der heutigen nicht unähnlich sein. Der Mensch, der seine Umgebung – seine Natur – nicht ausbeutet und damit beendet, sondern so entwickelt, dass erstens jeder einen Lebenslohn als Grundeinkommen erhalten kann und zweitens, dass die Wirtschaft die Erhaltung des Gleichgewichts zwischen Demokratie, Ressource und Kultur garantieren kann – der Mensch in der Gesellschaft hat sich das Recht wieder verdient, von Dauer zu sprechen, das wir in der brutalen, traumatischen Überwindung der so genannten primitiven Gesellschaft verspielten. Man könnte, wie bei der Wiederentdeckung der Kindheit der Alten, vom Zugewinn der „primitiven“ oder ludischen Dimension der Gesellschaft sprechen und in Anklang an Huizingas schönen Titel „Herbst des Mittelalters“ vom „Herbst der Moderne“.

© Jochen Gerz, Januar 2007

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