12.01.2010 | Gedopte Gesellschaft

Schöne neue Pillenwelt

Gezieltes Doping ist nicht nur ein Problem im Leistungssport. Auch Schüler und Studenten nehmen inzwischen Medikamente, um Prüfungen zu bestehen. Der Mensch wird künstlich der Leistungsgesellschaft angepasst. Besser wäre es, die Gesellschaft zu vermenschlichen.

Von Janett Konzack, Lüneburg

(© Rainer Sturm - Pixelio)Der Leistungsdruck in der heutigen Gesellschaft wird zu einem Kernthema in Politik, Wissenschaft und Medizin. Hat man ihn einmal gespürt, weiß man, wovon viele Menschen sprechen, die über fortlaufend steigende Anforderungen in Beruf und Schulen klagen. Tausende von Dingen schwirren im Kopf herum. Man weiß nicht, wo man anfangen soll. Am liebsten alles auf einmal erledigen. Doch das lässt das normale Gehirn nicht zu. Es fordert Planung und Konzentration. Wie hält das Gedächtnis des Durchschnittsmenschen dem auf Dauer stand. Ausreichend Schlaf, Baldrian und Nervennahrung oder Kaffee und Ginkgo-Präparaten verschaffen Abhilfe. Diese Hilfsmittel gehören scheinbar der Vergangenheit an.

Man spricht heute von einer Leistungsgesellschaft. Das setzt eine Steigerung der Leistungen des Gehirn voraus. Neuro-Enhancement heißt die Lösung auf Rezept. Es entsteht mit diesem Begriff die Möglichkeit, die kognitiven Leistungsfähigkeit zu verbessern. Retalin beispielsweise steigert die Konzentration und Aufmerksamkeit. In der Medizin wird dieses Medikament für hyperaktive Kinder sowie ADHS-Kranke genutzt. Es setzt Dopamin frei und fördert, dass dieser Botenstoff länger zwischen den Nervenzellen verbleibt. Dies führt dazu, dass Empfindungen besser gefiltert werden und die Aufmerksamkeit steigt.

Doch ist es vertretbar, dass an Universitäten den tatsächlichen Leistungen von Studenten mit Medikamenten nachgeholfen werden kann? Und wenn ja, was geschieht mit denen, die sich gegen die Einnahme von sogenannten Neuro-Enhancement sträuben? Werden Sie ungewollt Opfer dieser Leistungsgesellschaft? Das Thema führt in vielen Bereichen zu Diskussionen. Ich möchte mich in dem folgenden Beitrag auf die Hochschulen beschränken und das Für und Wider des neuen Trends zur Optimierung des Gehirns darstellen.
In den USA ist Neuro-Enhancement seit Jahren weit verbreitet. Bereits 2005 ergab eine Befragung, dass von 10.000 Collegebesuchern bis zu sieben Prozent Retalin einnehmen, um ihre kognitiven Fähigkeiten zu steigern. Ziel ist es, die Leistungen des Gehirns zu erhöhen, um bestmögliche Leistungen in Prüfungen erbringen zu können.

Auch in Deutschland sorgt dieses Thema zunehmend für Gesprächsstoff. Der steigender Druck an den Hochschulen leistungsfähiger in kürzester Zeit zu sein, weckt den Gedanken an eine Pille, die dies ermöglicht. Nicht nur eine gesunde Ernährung und ausreichend Schlaf soll die Konzentration steigern. Denn für Pausen und Entspannung bleibt kaum noch Raum. Der Student muss am laufenden Band funktionieren, wenn er die gewünschte Abschlussnote zu ergattern. Es scheint als solle er zu einem Roboter werden. Doch woher kommt dieser Druck?

Das neue System an den Universitäten, die Bologna-Reform erlaubt eine verkürzte Studienzeit, aber die Lehrinhalte bleiben die Gleichen. Die Einführung der Bachelor-und Masterstudiengänge lässt Studierende ihren Abschluss in maximal vier bzw. sechs Jahren inklusive des Masters erreichen. Studenten soll dies eine kürzere berufsqualifizierende Hochschulausbildung und damit verbesserte Berufschancen bieten. Weiterhin hat diese Reform die Vereinheitlichung der Schulabschlüsse an Hochschulen in Europa zum Ziel und somit die Erleichterung für Studierende international an eine andere Universität zu wechseln. Auch die Anwesenheitspflicht bei Seminaren fördert die Teilnehmerzahl an den angebotenen Lehrveranstaltungen. Doch auch wenn dies sich im ersten Moment gut anhört, die Realität ist eine andere. Die Studieninhalte sind trotz alle dem umfangreich und der Stundenplan erfordert eine lange Präsenzzeiten durch Anwesenheitspflicht und wenig Zeit für das Selbststudium. Außerhalb der Vorlesungszeit erfordern Klausuren, Referate oder Hausarbeiten eine intensive Vorbereitung von Studierenden, da diese Noten meist in die Abschlussnote einfließen. Die Vereinheitlichung der Hochschulen in Europa ist positiv zu bewerten. Nur die Zeit für Vorbereitungen und Organisation eines Auslandsaufenthaltes fehlen. Nebenbei noch einem Nebenjob nachgehen, um das Studium zu finanzieren. Die freie Zeiteinteilung sollte gerade für Hochschüler gegeben sein, die sich ihr Studium mit Nebenjobs finanzieren müssen. Das neue System an Hochschulen erschwert diese Möglichkeiten zunehmend.

Das lässt den Gedanken an eine Erweiterung der Gedächtnisleistung mit Hilfe von Medikamenten wach werden, um dem Druck stand zuhalten und möglichst viel in kürzester Zeit zu lernen, um sich zum Beispiel um die Finanzierung des Studiums kümmern zu können. Aber ist es wirklich ratsam, täglich reine Chemie zu sich zu nehmen, um dauerhaft leistungsfähiger zu sein? Diese Frage lässt sich kaum verneinen, denn zu viele Dinge im menschlichen Dasein sind künstlich. Die Anti-Babypille, Kopfschmerztabletten, Lebensmittel – es gehört zu unserem ganz normalen Leben und scheint selbstverständlich. Doch auch hier handelt es sich um Produkte mit unzähligen chemischen Zusätzen und diese sind für jeden zugänglich.

Chancengleichheit ist das Stichwort. Eine gerechte Verteilung von Retalin oder Modaphinil, welches ebenfalls als leistungssteigerndes Medikament bekannt ist, bleibt aus. Denn noch erhält man diese Produkte in Deutschland ausschließlich auf Rezept oder illegal zu einem entsprechend hohem Preis. Der richtige Arzt oder Bekannte ist Voraussetzung, um an diese Mittel zu gelangen. Denn Amphitamine unterliegen in Deutschland dem Betäubungsmittelgesetz. Die geistige Leistung wird zu einem sportlichen Wettkampf. Und der hohe Preis ist nicht nur finanzieller Herkunft. Denn eventuelle Spätfolgen oder Suchtgefahren, die von Neuro-Enhancement ausgehen könnten, sind nicht abschließend erforscht. Eine dauerhafte Optimierung des Gehirns und damit eine käufliche Intelligenz ist wissenschaftlich nicht erweisen. Noch steckt die Forschung in den Kinderschuhen.

Fraglich ist, wo das neue Bildungssystem die Studenten hinführt. Ist es der Weg des scheinbar kleineren Übels dem Gehirn mit Medikamenten nach zu helfen, um dem andauernden Leistungsdruck standhalten zu können? Das ist eine einfache Lösung. So machen es die Studenten in den USA vor. Aber wollen wir wirklich eine Intelligenz aus dem Medikamentenschrank? Das Lernen ist ein Leistungssport, den man trainieren kann. Ein dauerhafter Schlafentzug mit Tabletten wie Modafinil, das normalerweise bei Patienten mit Narkolepsie angewendet wird, ist kein dauerhafter Zustand für Menschen die Leistungen bringen können und sich nur eine bequeme Abhilfe schaffen. Viele Studenten würden sich in die Enge treiben lassen und zur Einnahme von Neuro-Enhancer verführen lassen, um mithalten zu können.

Der Konkurrenzkampf würde ins Unermessliche führen. Jeder Mensch hat die freie Wahl seinen Geistes auf eigene Art und Weise zu bereichern. Doch ist diese Freiheit mit der Einführung durch Neuro-Enhancement wirklich noch gegeben?

© Janett Konzack, 12.01.2010

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