07.12.2009 | Bologna-Reformen

Der entmündigte Student als Bildungsziel

Mit den Bologna-Reformen ist der Druck an der Uni erheblich gestiegen. Studenten haben kaum mehr Zeit und Luft, sich selbstständig und selbstbestimmt Wissen anzueignen.

Von Sofie Steinberger (Connosco Consulting), Köln

Schüler und Studenten haben den heißen Herbst angekündigt und machen ihrem Ärger schon seit einem Monat Luft. Es scheint aber, dass die öffentlichen Instanzen alle nur denkbaren Strategien gemeinsam auffahren:  Bekundung von Solidarität bei gleichzeitiger Ignoranz und Gesprächsverweigerung. Eine baldige Beilegung der Proteste ist daher nicht in Sicht. Dabei sind die Anliegen der Studierenden vielfältig. Und begründet.

Hauptkritik am Bildunsgsystem ist die zunehmende Kommerzialisierung der Lehre. Selbstbestimmtes Lernen und Leben statt starrem Zeitrahmen, Leistungs- und Konkurrenzdruck; freier Bildungszugang und Abschaffung von sämtlichen Bildungsgebühren wie Studien-, Ausbildungs- und Kitagebühren; öffentliche Finanzierung des Bildungssystems ohne Einflussnahme der Wirtschaft u.a. auf Lehrinhalte, Studienstrukturen und Stellenvergabe; und Demokratisierung und Stärkung der Mit- und Selbstverwaltung in allen Bildungseinrichtungen sind die Forderungen. Aber auch individuelle Probleme einzelnder Universitäten sollen diskutiert und behoben werden.

Viele Studenten fühlen sich von ihrem Studium überfordert. Ich selbst erlebe am eignem Leib, wie schwierig es ist, neben dem Studium noch praxisrelevante Erfahrungen zu sammeln. Dafür fehlt nach den Bologna-Reformen die Zeit. Durch kürzere Regelstudieneiten und enge Moduleinteilungen können wir uns kaum noch selbstständig Wissen aneignen. Das Vertrauen wird uns jetzt nicht mehr entgegen gebracht. Und wir Studenten fragen uns natürlich: Ist das gewollt? Dass die Universitäten jetzt unmündige Studenten produzieren?

Ich studiere im achten Semester Regionalwissenschaften Lateinamerika (RWL) auf Diplom. Dieser Studiengang beinhaltet die Fächer Politik, Volkswirtschaftslehre, Romanistik für spanische und portugiesische Literatur und Sprache und iberoamerikanische Geschichte. Wenn mich jemand nach meinem Studienfach fragt, kommt immer die gleiche Reaktion: “Oh!”, und dann: “Und was willst du damit später machen?”. “Nichts”, scheinen die meisten zu denken.

“Alles mögliche”, sage ich. Jedoch war es noch nie so schwierig wie heute, sich während des Studiums auf das spätere Berufsziel vorzubreiten. Studenten werden durch das Studium im Schnellverfahren geschleust – trotz geleisteter Studiengebühren fühlen wir uns nicht willkommen.

Die meisten der RWLer studieren aus idealistischer Sicht. Fast alle waren während der Schulzeit oder nach dem Abitur einige Zeit in Lateinamerika unterwegs, als Schüler, Reisende oder auch bei sozialen und ökologischen Projekten. Ich habe die elfte Klasse in Mexiko verbracht, dort eine Schule besucht und bei mexikanischen Familien gelebt. Vor Ort habe ich mir die Sprache angeeignet und gelernt mich in einer mir fremden Gesellschaft zu bewegen, mich mit dieser intensiv auseinander zu setzen. Aufgrund dieser Erfahrungen entwickelte ich den Wunsch, innerhalb der Entwicklungszusammenarbeit bzw. im Bereich der politischen Bildung zu arbeiten. Jedoch ist es während der Studienzeit schwer, sich eigene Schwerpunkte zu setzen, Interessen, Kurse und Inhalte auszuprobieren, Praxis-relevante Erfahrungen zu machen.

Seit 2008 engagiere ich mich bei der studentischen Unternehmensberatung connosco consulting und bin seit Februar 2009 Teil des Vorstandteams. Connosco consulting wurde im Sommersemester 2001 von Studierenden der Regionalwissenschaften Lateinamerika an der Universität zu Köln gegründet und ist seit November 2003 ein eigenständiger, gemeinnütziger Verein. Das Ziel ist es, gleitet von gesellschaftlichen, ökologischen und sozialen Wertvorstellungen, Unternehmen und Institutionen weltweit professionell zu beraten. Gleichzeitig realisieren wir auch kulturelle oder politische Projekte wie Konferenzen, Workshops und Seminare. Studierende haben hier die Möglichkeit Praxiserfahrung zu sammeln und das alles: learning by doing. Für Studierende bleibt zwar nur wenig Zeit neben Klausuren, Seminaren und Vorlesungen, doch die Zeit außerhalb der Universität ist elementar, um neben dem Abschluss auch andere beruflich relevante Qualifikationen zu sammeln. Dieses Wintersemester haben wir beispielsweise an der Uni Köln ein Seminar zum Arbeitsfeld Entwicklungszusammenarbeit organisiert, an dem Studenten aller Fachrichtungen teilnehmen konnten. Die größten Projekte waren bislang internationale Symposien. Für Oktober 2010 bereitet connosco consulting die Fortsetzung des 1. Kölner Lateinamerika Symposium (1st CLAS) vor. Die dreitägige Konferenz (2nd CLAS) zum Energiesektor in Lateinamerika bringt Studenten, internationale Wissenschaftler und deutsche wie auch lateinamerikanische Unternehmen zusammen. Ziel ist es, gemeinsam neue Perspektiven zur Energieversorgung des Kontinents zu erarbeiten.

Die Idee von connosco consulting ist dabei, dass Studenten Inhalte der universitären Lehre endlich in die Praxis umsetzen können, die Welt außerhalb des Campus entdecken und neben Praxiserfahrung auch schon Kontakt mit der zukünftigen Berufswelt  knüpfen. All unser Engagement ist ehrenamtlich. Unsere investierte Zeit fehlt entweder auf dem Campus oder beim Nebenjob.  Aber unter dem Strich ist es ein enormer Gewinn: Es werden Blickwinkel eröffnet, für die es in der universitären Lehre keinen Platz mehr gibt.

Dies scheint eigentlich auch das Ziel der Bundesregierungen zu sein: die Verbindung von Wissenschaft und Wirtschaft.
Doch Studentsein ist ab sofort eine Vollzeitstelle, die einen Blick über den eigenen Tellerrand relativ einschränkt. Die Frage ist nur, ob die späteren Arbeitgeber bei ihren strengen Anforderungen an die Studienabgänger dann auch die Studienzeit als Arbeitserfahrung anerkennen!? Eigenes Engagement, möglichst viel und in sich schlüssige Erfahrung durch Praktika, sehr gute Kenntnisse in Englisch und vielleicht noch in einer anderen Sprache, Auslandsaufenthalte – all das sind die gängigen Anforderungen an einen Absolventen. Doch wo und wie soll der Student von heute diese sammeln?

Sind sich die Bildungsbeauftragten dessen nicht bewusst? Oder ist es gar eine Strategie? Die Aufzucht entmündigter Studenten? Fachidioten, die keinen Bezug zur Arbeitswelt haben und sich dementsprechend dort auch nicht durchsetzten können? Die Studenten, die mit Scheuklappen durch das Studium getrieben werden, sind die Arbeitnehmer von morgen, die jede Art von Arbeit unter welchen Arbeitsbedingungen auch immer annehmen. So viel zum Land der Dichter und Denker.

© Cultura21, 07.12.2009

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