24.10.2006 | Soziale Ungleichheit

Menschenmaterial

Für deutsche Investoren in Brasilien waren Menschen Anfang der siebziger Jahre „Menschenmaterial“. Türkische Gastarbeiter, die 1973 für zumutbare Arbeitsbedingungen und gleiche Bezahlung wie ihre deutschen Kollegen streikten, müssten lernen, dass für ihre Auflehnung im bundesdeutschen Konsenssystem kein Platz ist. Englische Bergbauarbeiter wollten Anfang der achtziger Jahre noch einmal den Klassenkampf ausfechten und scheitern. Welche Rolle spielt eigentlich noch das klassische Proletariat?

Von Hans Hübner, Köln

„Wenn ich das brasilianische Menschenmaterial mit dem afrikanischen Menschenmaterial vergleiche, muss ich sagen, dass das brasilianische Menschenmaterial industriell sehr viel besser verwertbar ist.“

Eine laue Brise weht durch den Garten. Die Eiswürfel klimpern in den Whiskygläsern. Die leise Hintergrundmusik vermischt sich mit dem Rauschen der Blätter und schafft eine Stimmung trauter Gemütlichkeit. Der feiste junge Mann wischt sich den Schweiß von der Stirn und schaut seine Zuhörer erwartungsvoll an. Er wurde von einem großen deutschen Konzern nach Brasilien geschickt und gilt als hoffnungsvolle Nachwuchskraft. Die Umstehenden vertreten andere Konzerne. Sie nicken und lächeln nachdenklich.

In Sao Paulo ist an diesem Abend im Jahr 1973 die Welt noch in Ordnung. Die Militärs herrschen und garantieren ungestörte Gewinnchancen. Sie haben die Stadtguerilla gerade erledigt und erklären ihre Entschlossenheit, die in dieser Zeit stärker werdende Gewerkschaftsbewegung mit eiserner Faust zu kontrollieren. Brasilien sollte 1000 Jahre lang ein Investorenparadies bleiben.

Das Menschenmaterial hat den Generalen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Brasilianer erzwangen demokratische Wahlen und brachten schließlich einen ehemaligen Gewerkschaftsführer an die Macht. Ein Arbeiterparadies ist allerdings nicht entstanden. Die Investoren fühlen sich weiterhin pudelwohl.

Menschenmaterial

Im August 1973 führt Baha Targün einen Marsch durch die Fordwerke in Köln an. Die mehrheitlich türkischen Arbeiter jubeln dem jungen Mann zu und skandieren Parolen wie: „Gleiche Rechte für alle!“ oder: „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!“ Den vorher völlig unbekannten Baha Targün haben seine Kollegen auf den Schild gehoben, und er entpuppt sich als charismatische Galionsfigur.

Die Betriebsleitung, die offiziellen Gewerkschaften und ein großer Teil der Öffentlichkeit sind alarmiert. Hier wird auf einmal das bundesdeutsche Konsens-System herausgefordert von denen, die es doch eigentlich als williges Menschenmaterial in Gang halten sollten.

Millionen von ausländischen Gastarbeitern waren eingeladen worden, um das deutsche Wirtschaftswunder in Fahrt zu bringen. Deutsche Reserven von Arbeitskräften ließen sich bei der damaligen Vollbeschäftigung nicht mehr mobilisieren. Und den Fremden bot man Verdienst-Möglichkeiten, von denen sie in ihren Heimatländern nur träumen konnten. Wenn sie genügend Geld gespart hätten, könnten sie nach Hause zurückkehren und sich eine neue Existenz aufbauen. Es war also – so stellte es sich zu jener Zeit dar – ein Abkommen in beiderseitigem Interesse.

Nur langsam dämmerte es den Verantwortlichen, dass sie sich ein Problem geschaffen hatten. Die Menschen, die sie importiert hatten, funktionierten nicht wie auf Zukunft programmierte Maschinen – sie wollten auf einmal auch im Hier und Jetzt leben. Sie wollten menschenwürdige Wohnungen und Arbeitsplätze haben und für gleiche Arbeit genau so viel verdienen wie ihre deutschen Kollegen.

Die Kölner Türken-Streiks waren aus einer Auseinandersetzung um die Rückkehr aus den Ferien entstanden. Die Mehrheit der so genannten Gastarbeiter fuhr in den Ferien nach Hause. Einen Flug konnten sie nicht zahlen. Sie mussten mit dem Auto reise, Tausende von Kilometern. Die oft verspätete Rückkehr war bis 1973 akzeptiert worden: Die verlorene Zeit konnte nachgearbeitet werden. Doch in diesem Jahr stellte sich die Betriebsleitung stur, lehnte die Möglichkeit der Nacharbeit ab und drohte mit Entlassungen. Der Konflikt eskalierte. Die Forderungen wurden radikaler. Eine kleine Gruppe von Italienern und deutschen Linken solidarisierte sich mit den Türken. Nichts lag näher, als dahinter eine kommunistische Verschwörung zu vermuten.

Die Betriebsleitung saß am längeren Hebel und konnte die Situation unter Kontrolle bringen. Das fiel ihr umso leichter, als sich bereits damals abzeichnete, dass die technologische Entwicklung einen guten Teil der bis dahin nötigen Arbeitskräfte überflüssig machte. Die Reservearmee wurde nicht mehr gebraucht. Also konnte ein Beispiel statuiert werden: Die Unruhestifter wurden eingesperrt, ihre Gefolgsleute entlassen. Baha Targün verschwand in der Türkei, und man hat nie wieder von ihm gehört.

Menschenmaterial

Ein Pub in einer kleinen Stadt in den englischen Midlands. Es ist kühl in diesem Herbst des Jahres 1984. Sieben Männer reden auf mich ein. Was man in Deutschland von den Bergarbeiterstreiks wisse. Ob es die Chance einer Solidarisierung gebe. Hier stehe doch das Schicksal nicht nur der englischen, sondern der europäischen Arbeiterklasse auf dem Spiel. Auf den Regalen stehen Pokale von Dart-Wettkämpfen. An die Wand gepinnt eine Fotografie von Margaret Thatcher, in der Mitte des Gesichtes ein Kreis eingezeichnet. Als ich danach frage, grinst George, der Streikleiter. „Nein, keine Angst. Wir wollen sie nicht umbringen. Wir leben doch in einer Demokratie! Aber wohin wir sie schicken … das wirst Du eines Tages nachlesen können.“ Die Männer prosten sich zu und lachen dröhnend. In dem Alkholdunst, den dichten Rauchschwaden und dem schummrigen Licht der düsteren Kneipe fühle ich mich, als säße ich in einer Wagenburg. Solche Töne waren zu jener Zeit in Deutschland schon nicht mehr zu hören. An den Klassenkampf glaubte kaum noch jemand.
 
Die britische Premierministerin und die mächtige Bergarbeitergewerkschaft unter Arthur Scargill hatte sich auf einen unerbittlichen Kampf eingelassen. Es ging vordergründig um die Reduzierung des Kohleabbaus, der international nicht mehr als konkurrenzfähig erschien. Es ging tatsächlich aber um die Frage der Macht. Margaret Thatcher wollte den Einfluss der Gewerkschaftsbewegung brechen und den Boden bereiten für einen Aufschwung, der durch keinerlei Arbeiter-Forderungen behindert werden sollte. Selbst das damals noch bestehende bundesdeutsche Konsens-Modell betrachtete sie als zu lasch. Arthur Scargill nahm den Fehdehandschuh auf: Margaret Thatcher als Anführerin der Bougeoisie hatte dem Proletariat den Krieg erklärt.

An der Wand des Pubs hängt ein Gemälde von einem früheren Arbeitskampf. Der vom sozialistischen Realismus inspirierte Künstler zeigt eine Gruppe von abgekämpften Arbeiter, die vor einem von Flammen erleuchteten rot-orangenen Hintergrund mit wehender Fahne heroisch voranschreitet. „Alle Bergarbeiter sind solidarisch mit uns. Und die anderen Gewerkschaften werden sich anschließen. Sie wissen: Es geht um alles oder nichts. Wenn wir dieses Mal verlieren, hat der Kapitalismus für immer gewonnen.“

Die Bergarbeitergewerkschaft hat verloren. Die englische Gewerkschaftsbewegung hat so weit an Einfluss eingebüsst, dass sie wie ein zahnloser Tiger wirkt.  Die Söhne der Arbeiter, die ich 1984 getroffen  habe, lächeln heute vermutlich über ihre Eltern, selbst wenn sie arbeitslos sein oder mit einem Billigjob ihr Leben fristen sollten. Solidarität spielt für sie keine Rolle mehr. Jeder ist ein Einzelkämpfer. Die klassenkämpferischen Parolen gehören in die Mottenkiste der Geschichte. Selbst ein Labour-Premierminister profitiert davon, dass er nicht mehr von rebellischen Gewerkschaften belästigt wird. Die technologische Entwicklung ist weitergegangen. Die Wirtschaft braucht nicht mehr so viele Arbeitskräfte, wie sie angeboten werden. Sie kann die Bedingungen diktieren. Was soll man da tun? 

Menschenmaterial

1969 sitze ich mit Rudi Dutschke, dem deutschen Studentenführer in seiner Wohnküche in Berlin.  Mit der ihm eigenen Intensität versucht er mich zu überzeugen, dass die Massen eines Tages das Bewusstsein ihrer Macht und Bedeutung erlangen werden und dann bereit sind, die Gesellschaft zu verändern. Wir unterhalten uns über die Rolle des Proletariats, das er in der Führungsrolle sieht. Ich halte dem entgegen, dass meiner Meinung nach das Proletariat neu definiert werden müsse. Man könne es nicht mehr als die Klasse der produktiven, den Mehrwert erwirtschaftenden Mehrheit sehen. In der Dritten Welt habe die große Mehrheit der Bevölkerung nichts mit dem Produktionsprozess und der Erwirtschaftung von Mehrwert zu tun. Nicht einmal als Reservearmee werde sie benötigt. Sie könne im weitesten, marxistischen Sinn als Lumpenproletariat betrachtet werden. Angesichts der technologischen Entwicklung könne ich mir Ähnliches in der Ersten Welt vorstellen. Das war 1969.

Einigermassen ratlos verabschieden wir uns voneinander. Rudi Dutschke ist inzwischen tot. Ich frage mich, ob er heute bereit wäre, eine Studentenbewegung gegen die Erhöhung von Studiengebühren anzuführen. Der Umgang der Wirtschaft mit den neuen Produktionsbedingungen hat sich perfektioniert. Junge Erfolg versprechende Industriekapitäne vergleichen nicht nur brasilianisches mit afrikanischem, sondern deutsches mit chinesischem oder albanischem Menschenmaterial. Sie kalkulieren die Kosten und die Effizienz. Schlagen sich Afrikaner auf der Suche nach Arbeit nach Europa durch, haben sie nicht einmal die Chance der Rebellion. Sie müssen glücklich sein, überlebt zu haben. Und einem Theoretiker, der auf dem Recht auf Arbeit, Wohnung und Erziehung beharrt, raten wohlmeinende Freunde, Museumswärter zu werden.

Ein Streifzug durch Begegnungen und Gespräche der vergangenen Jahrzehnte stimmt nicht hoffnungsfroh. Vielleicht sollte man intensiver über den Begriff des Lumpenproletariats nach denken. Können sich Lumpen solidarisieren? Und wozu? Lumpen aller Länder, vereinigt euch! Ist das vorstellbar? 

© Hans Hübner, 24.10.2006

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