27.11.2007 | Angola 1975

Hotel Tropico

Hotel Tropico

Journalisten im Krieg: Sie wohnen meistens im gleichen Hotel und schaffen sich ihre eigene Hotel-Kunstwelt. Ein Blick zurück auf den Beginn des angolanischen Bürgerkriegs 1975.

Foto: © unbekannt (Hotel Tropico?)

Von Hans Hübner, Köln

Das erste Mal traf ich sie 1975 in Luanda. Sie waren gekommen, um über den Bürgerkrieg zu berichten, ich sollte zusammen mit Roshan Dhunjibhoy eine Dokumentation über Angola als letzte grosse Kolonie der Welt drehen. Das war ein Jahr vorher beschlossen worden, als noch keiner mit dem Ausbruch von Kämpfen gerechnet hatte.

Das Land sollte vier Monate später unabhängig werden. Drei Bewegungen, die sich revolutionär nannten, wollten die Macht übernehmen: MPLA, die sich als marxistisch-leninistisch verstand und von der Sowjetuinion und Kuba untertstützt wurde; UNITA, die ursprünglich vom portugiesischen Geheimdienst Pide gegründet worden war, sich aber inzwischen an dem maoitischen China orientierte¸und schliesslich FNLA, von der man annahm, dass sie vor allem die Interessen des zairischen Diktators Mobuto vertrat. FNLA und UNITA wurden allerdings auch von den Vereinigten Staaten finanziert.

Das Flugzeug von Lissabon nach Luanda war fast leer, und die Portuigiesen, die von unseren Reiseplänen wussten, erklärten uns für verrückt. Als wir ankamen, gerieten wir in eine Art Pandämonium: Tausende von Menschen hatten den Flughafen in ein Campinglager verwandelt: Alle warteten auf eine Gelegenheit zum Abflug. Ein Zollbeamter fragte mich, ob wir wahnsinnig wären. Hier sei unser Leben doch nicht mehr wert als das einer Fliege. Er war aber bereit, uns gegen Bezahlung in das seiner Auskunft nach einzig verfügbare Hotel zu bringen, ins Hotel Tropico.

In der Rezeption wurden wir freudig begrüsst. Es seien schon viele von uns da. Und da merkte ich zum ersten Mal, dass ich auf einmal Mitglied eines Clubs geworden war, jenes Trosses von Journalisten, Kameraleuten und Fotografen, die sich immer dann in einem Hotel versammeln, wenn draussen Krieg herrscht. Hier drinnen bewegen wir uns in der gepflegten Atmosphäre einer Luxusherberge, die stolz darauf war, die kolonialen Tradtionen weiterzuführen, als ob es gar kein Draussen gäbe.

Im Restaurant lernten wir die ersten Kollegen kennen. Sie fanden es komisch oder seltsam, dass wir nicht hierhergekommen waren, um über den Krieg zu berichten. Die meisten kannten sich aus früheren Zeiten, aus Saigon oder Beirut zum Beispiel, Amerikaner, Franzosen und Engländer. Sie erzählten uns über die Schwierigketiten, an Informationen zu gelangen, über die Unsicherheit und Gefährlichkeit der Situation. Ich beobachtete die Kellner, die zwischen den Tischen hin- und herwieselten und formvollendet die Speisen servierten. Ihre Funktionen liessen sich an der Farbe ihrer Uniformen erkennen. Der Blick auf die Bucht von Luanda war atemberaubend. Ein Engländer zeigte uns drei Benzintanks am Hafen. “Die sind in Reichweite der FNLA .Wenn die sich entschliessen, sie unter Beschuss zu nehmen, dann gehen wir alle hops!”

Im Norden war Luanda von der FNLA eingekreist, im Süden von der UNITA. MPLA kontrollierte die Stadt. Die Portugiesen als Kolonialmacht waren zwar noch präsent, aber offensichtlich nicht willens, auch nur irgendwie in das Geschehen einzugreifen. Wir alle gingen davon aus, dass jede Bewegung versuchen würde, bis zur Unabhängigkeit die Macht in Luanda zu erobern. In der Stadt kam häufig zu Schiessereien, Scharmützeln oder Morden. Doch worum es dabei ging und wer daran beteiligt war, liess sich in der Regel nicht feststellen.

In der Halle wurden wir immer wieder von jungen Angolanern angesprochen, die sich als Ortskräfte anboten, als Dolmetscher, Informanten, Führer und Berater. Da kaum einer der Journalisten Portugiesisch sprach oder Angola vorher kannte, waren fast alle auf diese Unterstützung angewiesen und von ihr abhängig. Für die Angolaner bot sich auf diese Weise eine der wenigen Chancen, etwas Geld zu verdienen.. Kaum einer der Journalisten war allerdings in der Lage, die Zuverlässigkeit seiner Ortskräfte und ihrer Informationen einzuschätzen. Wir hatten von Deutschland aus für unseren Film eine Zusammenarbeit mit dem angolanischen Fernsehen vereinbart, das von der MPLA kontrolliert wurde.

Jeden Morgen zogen die verschiedenen Gruppen von Journalisten mit ihren Begleitern und Teams los, um Neuigkeiten zu ergattern. Wir wurden von zwei Mitarbeitern des angolanischen Fernsehens abgeholt und in eine Musseque, in ein Elendsviertel gebracht. Voller Stolz zeigten sie uns die verbrannten Reste zweier Menschen: Das seien Commandantes der UNITA gewesen. Sie führten uns durch die chaotische Stadt, stellten uns Freunde und offizielle Personen vor und erläuterten uns die aktuelle Lage aus ihrer Perspektive. Wir hatten Mühe, ihnen klar zu machen, dass es uns nicht vorrangig um den Krieg, sondern um unsere Film über die Kolonie Angola ging, die sich allerdings immer mehr in einen Trümmerhaufen verwandelte. Schon an diesem ersten Tag begegneten wir überall Tod und Zerstörung.
Nach Anbruch der Dunkelheit mussten wir wieder im Hotel sein, denn es herrschte Ausgangsverbot. Im Dachrestaurant trafen wir uns alle zum gediegenen Diner, zur Nachrichtenbörse. Jeder berichtete über seine Erlebnisse. Der eine oder andere tat geheimnisvoll, weil er meinte, eine exklusive Story erwischt zu haben. Endlos ging die Diskussion darüber, wie die Lage einzuschätzen sei. Klar war, dass es keine einigermaßen zuverlässige Informationsquellen gab. Vertreter der Portugiesen wie der drei Bewegungen teilten nur das mit, was in ihrem Interesse lag. Ein Amerikaner behauptete, einen CIA-Mann zu kennen, was uns andere nur trocken lachen ließ. Mir tat der Korrespondent einer Nachrichtenagentur leid, der seine Zentrale jeden Tag mit frischen Berichten versorgen musste. Ein Amerikaner erzählte uns vertraulich, dass er Schwierigkeiten mit seinem Hauptquartier habe: Die beklagten sich, dass er sich zu viel um Menschliches und zu wenig um harte Fakten und Bilder kümmere.

Trotz aller unterschiedlichen Interessen, trotz eifersüchtig gehüteter exklusiver Storys und Kontakte begannen wir, uns nach wenigen Tagen als Mitglieder einer verschworenen Gemeinschaft zu fühlen, auf einer Insel mitten im Chaos. Gemeinsam machten wir uns lustig über eine seltsame Figur, die auf einmal auftauchte: Comrade Cheephousing, ein Mann, der versuchte, der Regierung Programme für billiges Bauen zu verkaufen – und das mitten im beginnenden Bürgerkrieg. In einer Ecke saß ein junges Paar und knutschte sich: Honeymoon im Krieg frotzelten wir.

In jedem Krieg gibt es Hotels wie das Tropico in Luanda, die fast inzestuöse Gemeinschaft der Kriegsberichterstatter, die die spärlichen Informationen zu Storys verarbeiten. Und im Laufe der Zeit kennen sich die meisten, die das Handwerk der Kriegsberichterstattung betreiben und treffen sich immer wieder, in Hotels, in denen sie schon gewesen sind und in die sie wieder kommen würden. Wir waren froh, als wir Luanda und das Tropico verließen, um unseren Film zu realisieren, um uns fern der Hotel-Kunstwelt mit der Realität Angolas und seiner Menschen auseinander zu setzen.

Das war vor mehr als dreißig Jahren. Inzwischen hat sich die Technologie verändert. Fast jeder Reporter reist mit seinem Satellitentelefon und ist überall erreichbar. Für die Fernseh-Journalisten ist es möglich, noch am gleichen Tag über irgendwelche Ereignisse zu berichten. Nahezu alle stehen unter dem Druck, dem damals nur der von uns bedauerte Korrespondent einer Nachrichtenagentur ausgesetzt war. Aktualität wird gefordert. Es geht hektischer zu in den Hotels in Beirut, Damaskus oder Kabul. Und es tauchen neue Journalisten auf: jünger, mit einer Filmkamera ausgerüstet und nur selten mit Gemeinschaftssinn. Sie wollen noch schneller sein. Sie werden von den alten Kämpen belächelt oder verachtet. Die an und für sich fragwürdige Hotel-Kunstwelt von damals weckt heute eine gewisse Nostalgie, zumindest bei denen, die dabei waren. Denn die Qualität der Berichterstattung hat sich trotz aller technischen Möglichkeiten nicht verbessert.

© Hans Hübner, 27.11.2007

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