23.10.2006 | Arbeitspolitik

Agentur für Arbeit

Was macht eigentlich die Agentur für Arbeit

Eine Mitarbeiterin von Streetwork Tübingen berichtet über ihre Erfahrung...

Foto: © Agentur für Arbeit

Von Annette Hoffmann-Kuhnt, Tübingen

Neulich wollte ich die Mietobergrenzen von Reutlingen wissen. Also rief ich bei der Agentur für Arbeit in Reutlingen an: Agentur für Arbeit – guten Tag – was kann ich für Sie tun?
Streetwork Tübingen, hallo. Ich hätte gerne die Mietobergrenze für Reutlingen gewusst. In Tübingen gibt`s da so ein Blatt. Gibt´s das bei Ihnen auch?
– Hm, da muss ich mal gucken. (Kruschtelt rum). Ja, da haben wir was…
Könnten Sie mir das faxen?
– Wer sind Sie noch mal?
Streetwork Tübingen. Ich geb Ihnen mal die Faxnummer…
– Streetwork Tübingen. Hm… – also ich weiß nicht, ob ich Ihnen das geben darf…?
Was? Wieso? Ich dachte nicht, dass das geheim ist…
– Sind Sie von der Stadt?
Bruderhaus Diakonie. Wir sind bei der Bruderhaus Diakonie.
– Ach so, Bruderhaus. Ja, die sind ja in Reutlingen. Also, da muss ich mal fragen.
Ich dachte, das wären öffentliche Informationen?
– Ja, ich weiß nicht. Geben Sie mal ihre Nummer, ich frag mal nach. (Zum Glück kam dann ein Fax. Wir standen wohl nicht auf dem Index).

Ein andermal hatte einer kein Geld gekriegt. Blöd, wenn die Miete bezahlt werden muss, die Mieterin einen sowieso schon auf dem Kieker hat und nur auf einen Grund wartet … und vom Essen und Trinken gar nicht zu reden, wo doch das Geld mal wieder alle ist. Also Anruf. Daten durchgeben. Ja, da sei was rausgegangen. Regulär. Komisch. Vielleicht mal die Daten überprüfen. Wo ist es denn hingegangen? Ah, auf die KSK Esslingen. Falsche Bankleitzahl, 611… statt 641… Mist. Nein, da können wir nichts machen. Also bei der KSK Esslingen anrufen. Nein, das sei schon wieder zurückgegangen. Also wieder bei der Agentur für Arbeit anrufen. Es sei zurückgegangen. Ja, das könne man jetzt nicht überprüfen. Da müsse man warten, bis von Nürnberg was kommt. Kann sechs Wochen dauern. Blöd. Wo doch die Vermieterin schon wartet. Gibt´s da keine Möglichkeit? Nein, keine Möglichkeit. Na gut. Kann jemand vorstrecken? Glück gehabt, da gibt’s noch Eltern, die bereit sind… auch nicht immer der Fall. Wär schad gewesen um die Wohnung. Die Notunterkünfte sind doch alle belegt schon. Aber halt. Gleich die Bankleitzahl ändern. Nicht dass es noch mal so geht. Also wieder Anruf dort. Können Sie die Bankleitzahl korrigieren. Nein, da müsse er vorbeikommen. Das sei aber ungeschickt, er macht doch gerade ein Praktikum. Ja, aber das geht nicht anders. Können Sie das nicht eben eintragen? Sie hatten seine Daten doch gerade. Nein, das ist eine persönliche Änderung der Verhältnisse, die darf man nicht telefonisch einfach so entgegennehmen. Seit wann ist denn die Bankleitzahl der KSK Tübingen eine persönliche Änderung? Die weiß doch jeder. Nein, das geht nicht…
Der Chef der Agentur war zum Glück anderer Meinung. Zum Glück hab ich seine Durchwahl. Der hat die Bankleitzahl entgegengenommen und an die Mitarbeiterin weitergeleitet.

Da hatten wir es doch tatsächlich geschafft, einen unserer Kandidaten für eine Ausbildung als Fahrradmechaniker zu begeistern. Als Vorlauf gab es die Möglichkeit, im Radstall ein halbes Jahr als Ein-Euro-Jobber zu arbeiten. AQUA heißt die Maßnahme. Ein-Euro-Job, dann Ausbildung. Kannte keiner bei der Agentur. Aber Ein-Euro-Job geht. Also schickten wir ihn, sich um einen Ein-Euro-Job zu bemühen. Kam zurück. Gibt keine Ein-Euro-Jobs in Tübingen derzeit. Im Radstall schon gar nicht, muss ein paar Monate warten.

Komisch, der Kollege vom Radstall hatte doch gesagt, da sei noch was frei. Wieso weiß das die Agentur nicht, die haben doch unsere Belegungslisten. Also den Vermittler direkt anrufen und bitten, er möge gucken, dass das genehmigt würde. Ja, Herr Soundso sei da gewesen. Er habe ihn zur Ein-Euro-Vermittlung geschickt. Es gäbe aber derzeit nix in Tübingen. Doch sage ich, sag ich Ihnen doch gerade. Im Radstall ist was frei. Ja, da sei der dann nicht zuständig, da müsse ich direkt bei der Ein-Euro-Vermittlung anrufen. Können Sie das vielleicht machen, Sie sind doch der zuständige Sachbearbeiter? Nein, da müsse ich bei Herrn Soundso anrufen… Gut. Schließlich wollten wir das ja vorwärts bringen.

Jetzt stand noch an zu gucken, ob es eine Finanzierungsmöglichkeit für die Ausbildung geben würde. Nein, da sei er nicht zuständig. Das mache Reutlingen. Ob er da mal nachfragen könne. Nein, da müsse ich bei Frau Soundso anrufen. Ja, aber Sie sind doch der zuständige Sachbearbeiter … Na klar… ja selbstverständlich … machen wir doch gerne. Haben ja sonst nix zu tun. Und wer schon mal bei der Agentur für Arbeit angerufen hat, weiß ja auch, wie nett das ist. Dummerweise decken sich die Telefonzeiten der Agentur nicht mit unseren Bürozeiten. Mache ich´s halt in der Freizeit.

Gut. Es braucht eine ärztliche Untersuchung. Machen wir. Fahren mit ihm hin. Behindertenausweis liegt vor, nehmen wir mit. Ein prüfender Blick auf den Kandidaten. Drogen? Nein, eigentlich nicht. Urinkontrolle. Mist, und das nach dem Wochenende. Wochen später frage ich beim Sachbearbeiter nach, ob schon ein Ergebnis vorliegt. Nein, er hat noch nichts gehört. Ob er mal… nein, da sei er nicht für zuständig, da müsse ich… Klar mach ich doch gerne. Tja, der Urin ist minimal belastet gewesen. Schulungsunfähig heißt das, für drei Jahre. Is ja klar, geht nix mehr rein in die Birne. Für drei Jahre.

Der Ein-Euro-Job läuft gut. Der Kandidat ist mit Begeisterung dabei. Kommt regelmäßig und pünktlich, was keiner gedacht hätte. Hat keinen Iro(kesenschnitt) mehr. Fahrrad reparieren macht Spaß. Gibt´s da keine Möglichkeit? Doch, eventuell eine Nachuntersuchung mit „Urinkontrolle unbelastet“. Der Kandidat meint, das kriegt er hin. Kifft sowieso nicht mehr soviel. Hat ja den ganzen Tag was zu tun. Na, Herr Sachbearbeiter, könnten Sie das vielleicht? … Nein, klar, mache ich doch gerne. Doch wirklich … August ist es mittlerweile. Die Ausbildung fängt im September, spätestens Oktober an. Wär schade. Aber eins ist sicher: ich hab getan, was ich konnte. 

Die Agentur für Arbeit. Sie arbeitet. Und wie die arbeitet. Eine Kollegin, die vom Sozialamt gewechselt hat, stöhnt. Es sei nicht zu schaffen. Man sei froh um jeden, der nicht kommt oder schnell wieder zur Tür draußen ist. Obwohl sie immer Arbeitsvermittlung machen wollte. Ein interessantes Arbeitsfeld. Gerade mit schwer vermittelbaren Leuten. Dauernd Schulungen. Einarbeitung in neue Regelungen, Organisationsfragen klären. Profilings in den Computer eingeben. Daten verwalten. Die Eine wisse nicht was die Andere tut, der Computer vernetzt alles. Aber keiner findet´s wieder. Maßnahmen, zur Förderung gedacht, die man schnell voll stopfen muss mit Leuten, damit was läuft. Alle, die im Profiling das richtige Wort angekreuzt haben, spuckt der Computer aus. Alle anschreiben. Wer nicht kommt, wird gesperrt. Urlaub gerade beantragt? Bei mir persönlich? Stimmt. Tja, jetzt ist die Sperre schon draußen. Das dauert jetzt wieder sechs Wochen, bis die Nachzahlung kommt. Nein, da kann ich nichts machen. Das läuft über Nürnberg. Tut mir leid. Tur mir echt leid. Ihre Miete…? Vielleicht kann Ihnen jemand was vorstrecken?… Oh Mann, was für ein Job. Das hat sie sich anders vorgestellt.

Lauter interne Organisationsabläufe, den ganzen Tag. Besser bekannt unter Hartz IV. Schade eigentlich. 

© Annette Hoffmann-Kuhnt, 23.10.2006 Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Streetwork Tübingen/Bruderhaus Diakonie

 

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Streetwork Tübingen/Bruderhaus Diakonie

Der Text ist aus „Lückenbüßer – Tübingens erste Straßenzeitung“ (August 2006), herausgegeben von Streetwork Tübingen/Bruderhaus Diakonie. Diese Einrichtung verbindet gute Sozialarbeit mit Öffentlichkeitsarbeit. Die Finanzierung erfolgt durch die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (AGCK), die u. a. die Sonntagsküche im Schlatterhaus, die Tübinger Tafel, den Berber-AK, Streetwork Tübingen, das Häusliche Projekt zur Betreuung Schwerkranker, fair-Wertung von Altkleidern und andere sozialdiakonische Projekte der Stadt unterstützt. Die AGCK ist lediglich der Geldgeber, Streetwork Tübingen arbeitet ansonsten sehr unabhängig.

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