03.02.2010 | Finanzkrise

„Eine neue Blase, diesmal aus Steuergeld“

Die Riesenboni zeigen, dass die Banker nichts gelernt haben, sagt Ökonom Ulrich Thielemann.

taz - die Tageszeitungtaz: Herr Thielemann, ist die Aufregung um die hohen Wall-Street-Gehälter gerechtfertigt?

Ulrich Thielemann: Ja, eindeutig. Die US-Banken wurden mit 700 Milliarden Dollar Steuergeldern gerettet. Das war von vornherein ein Fehler. Denn damit haben die Banken die Hebel bekommen, um entweder noch mehr Druck auf die Realwirtschaft auszuüben oder eine weitere Blase aufzubauen.

Und wo ist das ganze Geld hin?

Ich vermute, dass es letztlich bei den Aktionären der Banken landet und natürlich bei den Bonirittern. Mit der staatlichen Intervention wurde das illusionäre Blasenkapital in hart erarbeitete Steuerdollar umgewandelt. Ich habe keine Zweifel, dass es sich bei den Milliarden, die jetzt in den Büchern stehen und aus denen die Boni stammen, wieder um eine Blase handelt. Nur wird sie diesmal mit öffentlichen Geldern finanziert.

Sollte es ein Limit für Boni geben?

Unbedingt. Aber die Marktgläubigen dieser Welt wollen das nicht verstehen. Ihnen ist jedes Maß verloren gegangen. Man braucht sich deshalb nicht zu wundern, dass hier nichts gelernt wurde, denn viele Banker haben bei dem Thema überhaupt kein Schuldbewusstsein. Viel zu wenige stellen sich die Frage, woher die Gewinne für solche Gehälter überhaupt kommen sollen.

Noch immer verdienen die Banken dieses Geld durch den Verkauf ihrer Finanzprodukte, für die sie Abnehmer finden.

Aber woher stammt dieses Geld? Wohl kaum aus der Realwirtschaft. Und das ist auch gut so. Eine zunehmend erschöpfte Realwirtschaft kann und soll die Gewinne nicht erwirtschaften, die dem gigantisch angewachsenen Kapital entsprechen würden, das ja nicht vernichtet, sondern gerettet wurde. Was ist also passiert? Die Subprime-Blase wurde durch einen andere Blase ersetzt, durch eine Staatsanleihen- und Rohstoffblase. Das Perfide ist nun aber, dass diese Banken mit dem normalen Lauf der Realwirtschaft verknüpft sind. Weil dieser aber nicht gefährdet werden darf, können die Banken den Rest der Gesellschaft in Geiselhaft nehmen. Ihr Kalkül ist, die Gesellschaft für ihre imaginären Verluste bezahlen zu lassen, wenn die nächst Blase platzt. Oder sie machen sich vorher aus dem Staub mit ihren Milliardengewinnen und -boni, denen man ja vorher nicht ansieht, ob sie aus Blasen oder aus realer Wertschöpfung stammen.

Die Banker der Citibank haben ihre Verluste um 26 Milliarden Dollar verringert. Was wäre eine gerechte Entlohnung für diese Arbeit?

Solche Zahlen sind mit allergrößter Vorsicht zu genießen. Niemand kann beziffern, zu welchem volkswirtschaftlichen Preis das gelungen ist. Aber die Kosten, die dabei etwa durch den Verlust von Arbeitsplätzen in der Realwirtschaft entstehen, werden bei solchen Rechnungen immer unter den Teppich gekehrt. Es ist ein fataler Irrtum, Gewinne der Banken automatisch mit einem Nutzen für die Gesamtwirtschaft gleichzusetzen.

Wären Sondersteuern auf Boni ein Instrument, um mehr Gerechtigkeit zu schaffen?

Die Boni sind problematisch, weil sie nichts mehr mit Leistungsgerechtigkeit zu tun haben und die falschen Anreize geben. Wenn es die Boni nicht gäbe, hätten die Banker gar kein Interesse daran, an einer Blase zu basteln. Bonisteuern wären ein erster Schritt. Das Gebot der Stunde ist es, die variable Vergütung zu begrenzen, und zwar global.

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Ulrich Thielemann

geb. 1961 in Remscheid, ist Ökonom und seit 2001 Vizedirektor des Instituts für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen. 2009 erschien von ihm „System Error. Warum der freie Markt zur Unfreiheit führt“.

© ©  taz – die Tageszeitung, 23.01.2010

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