03.07.2011 | Energiepolitik

Die Energiewende und die Gesellschaft der (nahen) Zukunft

Bei der Energiewende geht es um viel mehr als das Ersetzen von fossilen Energieträgern durch erneuerbare Energieträger. Das heute dominante Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell muss dabei überwunden werden.

Foto: © Martin Büdenbender / PIXELIO

Von Robert Zion, Gelsenkirchen

Nun gibt es den Ausstieg, allenthalben als Umstieg, als Energiewende bezeichnet. Die Energiegewinnung und -Nutzung in unserer Gesellschaft nach Fukushima wird, so scheint es, vom Kopf auf die Füße gestellt. Die Kanzlerin, die Regierungs- und Oppositionsparteien, die Ministerpräsidenten, die Verbände und Initiativen – alle scheinen in die gleiche Richtung zu denken und auch gehen zu wollen: raus aus der Atomenergie, rein in das Zeitalter der Erneuerbaren. Gestritten wird noch um die Details.

Grundlast, Netzausbau, Abschaltdaten etc. – mit Verlaub: die Energiewende ist nicht eine Frage der Details. Sie ist eine Frage einer grundlegenden Transformation der ökonomischen, sozialen und demokratischen, im Ganzen also der kulturellen Basis unserer Gesellschaft. Es sind drei Transformationslinien, die es hier sehr genau wahrzunehmen gilt:

  • Das Ende des fossilen Zeitalters. Die Industriegesellschaft, die auf fossil (Kohle, Öl, Gas, Uran) betriebenen Dampfmaschinen beruhte, ist am Ende. Sie hat ihre eigenen natürlichen Lebensgrundlagen zerstört, indem sie mit der Freisetzung der in den fossilen Energieträgern aufgespeicherten Sonnenenergie einen sehr langen Energiezyklus in die Natur implementiert hat, der mit den kürzeren Energiekreisläufen und -Zyklen der beleben Natur in Widerspruch geraten ist.
  • Das Ende der Wachstumsgesellschaft. Die Wachstumsgesellschaft des fossilen Zeitalters beruhte eben auf der billigen fossilen Energie. Die daran gekoppelte Produktion und der Konsum von Massengütern haben zu einem Lebensstil, einer Kultur geführt, in der immaterielle Bedürfnisse mit steigendem Ausstoß industrieller Massengüter zunehmend materiell (ersatz-)befriedigt wurden.
  • Das Ende der Industriegesellschaft. Die Industrie in der Wachstumsgesellschaft lieferte das Paradigma für beinahe sämtliche gesellschaftliche Institutionen, von der Familie, über die Schule und Kaserne, bis zum Heim. Politische Machteinheiten, wirtschaftliche Strukturen, Gewerkschaften sowie Lebenszeitmodelle und soziale Sicherungssysteme etc. waren industriell geprägt oder von ihr abgeleitet.

Die bevorstehende Transformation ist also von der gleichen Qualität, wie der einstige Wandel von der Feudal- in die Industriegesellschaft, sie kommt nahezu einer „Umwertung aller Werte“ gleich:

  • Das Ende des fossilen Zeitalters wird in ein führen. Die Zyklen und Kreisläufe unserer Energiewirtschaft werden denen der belebten Natur angeglichen. Mit den Erneuerbaren wird Energie ständig im Überschuss vorhanden sein und die Marktfunktion (Allokation eines per se knappen Gutes) grundsätzlich ausgeschaltet. D.h. die Energieproduktion und –Distribution mit Erneuerbaren Energien wird dezentral, vernetzt und qualitativ gesteuert von statten gehen.
  • Das Ende der Wachstumsgesellschaft führt dann notwendigerweise in die Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft, in der ökonomische Prozesse qualitativ über eine neue Form partizipatorischer Demokratie gesteuert werden. Warenbeziehungen werden schrittweise durch soziale Beziehungen ersetzt. Wertschöpfung muss nicht mehr zwanghaft in neue Wertschöpfung reinvestiert werden, sie findet eine Kanalisierung in der unmittelbaren Verausgabung in Humansektoren wie Bildung, Kultur, Wissenschaft, Pflege und Gesundheit etc.
  • Das Ende der Industriegesellschaft wird in eine postindustrielle Gesellschaft führen, in der das industrielle Paradigma seine Institutionen prägende Hegemonie verliert. So wie einst der Agrarsektor industrialisiert wurde, so wird nun der Agrar- wie der Industriesektor postindustrialisiert. Die sozialen Sicherungssysteme werden von industrieller Normarbeit abgekoppelt und universalisiert (Bürgerversicherung, Grundeinkommen). Aus den ehemaligen Einschließungsmilieus (Gilles Deleuze) industriegesellschaftlicher Institutionen werden flexible Institutionen, die eine Pluralität von Lebensstilen und Lebenszeitmodellen zulassen und im neuen politischen Paradigma einer partizipatorischen Demokratie Selbstbestimmung und Selbstverwaltung ermöglichen. Die klassische Instanz der repräsentativen Demokratie nimmt eine neue Rolle als Deliberativ ein.

An die Stelle des bürgerlichen Eigentumsbegriffs, also der individuellen Aneignung der eigenen Arbeitsergebnisse, tritt zudem der individuelle Anspruch auf „Zugang zu“ und „Teilhabe an“ gesamtgesellschaftlichen Mehrwertergebnissen. Eine neue Eigentums- und Rechtsform wird mit den Gemeingütern und dem Gemeinrecht in der Folge institutionell verankert.

Solch eine Gesellschaft ist weder kapitalistisch noch sozialistisch, sie ist. Und weil sie human ist, wird sie weder den sozialen Zusammenhalt noch die natürlichen Lebensgrundlagen zerstören. Der Weg dorthin entscheidet sich in den nächsten Jahren. Verfolgen wir also sehr genau, was die politischen und wirtschaftlichen Eliten begriffen und uns nun mit der Energiewende als Modell anzubieten haben. Für diese Eliten ist es wahrscheinlich die letzte Chance.

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