17.05.2011 | Studie

Der globale Militarisierungsindex

Am 28. Februar 2011 veröffentlichte das BICC (Internationales Konversionszentrum Bonn) eine Studie, die die Militarisierungsgrade weltweit untersucht und die Entwicklung seit 1990 dokumentiert. Der Globale Militarisierungsindex (GMI) 2011 zeigt auf, dass der Nahe und Mittlere Osten am höchsten militarisiert sind.

Von Susanne Heinke, Bonn

Die Forschungsergebnisse des BICC stellen nicht nur dar, wie viele Mittel in das Militär eines Staates fließen. Sie definieren den Militarisierungsgrad eines Landes auch dadurch, wie sich die staatliche Mittelverteilung an das Militär zum Bruttoinlandsprodukt oder zu anderen gesellschaftlichen Bereichen wie z.B. der medizinischen Versorgung verhält. „Unsere Forschung kann die Politik bei der Bewertung von regionalen Entwicklungen unterstützen und dazu beitragen politische Entscheidungen – etwa im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit oder des Rüstungsexports – zu treffen“, hofft Peter J. Croll, Leiter des BICC.

Naher und Mittlerer Osten am höchsten militarisiert

Im Jahr 2009 (das letzte Jahr, für das aktuelle Daten vorlagen) belegen Israel (865 Punkte), Singapur (843 Punkte), Syrien (796 Punkte), Jordanien (779 Punkte), Russland (777 Punkte), Südkorea (748 Punkte), Zypern (738 Punkte), Griechenland (736 Punkte), Kuwait (736 Punkte) und Weißrussland (731 Punkte) die ersten zehn Plätze des GMI.
„Dass mit Israel, Syrien, Jordanien und Kuwait vier Länder des Nahen und Mittleren Ostens an der Spitze der Top 10 stehen, verweist auf die hohe Militarisierung dieser konfliktreichen Region, die zu ihrer weiteren Instabilität beiträgt“, stellt Jan Grebe, Projektleiter am BICC, dar.

Weitere sieben Länder der Region und Nordafrikas befinden sich 2009 unter den ersten 20 Ländern mit den höchsten Militarisierungsgraden: Libyen (Platz 12), Oman (Platz 13), Bahrain (Platz 14), Saudi Arabien (Platz 15), Vereinigte Arabische Emirate (Platz 16), Irak (Platz 17) und Algerien (Platz 18). Die konstant hohe Militarisierung nicht nur Israels, sondern auch anderer Länder der Region kann nicht nur auf gegenseitige Bedrohungsperzeptionen zurückgeführt werden. Sie verweist vielmehr auch auf die immense politische Rolle des Militärs, das in den gesellschaftlichen Veränderungen Arabiens eine entscheidende Rolle spielen wird. „Dies sollte die Politik generell bei Fragen der internationalen Zusammenarbeit – und erst recht beim Rüstungsexport oder der Militärhilfe – verstärkt im Auge behalten“, fordert Jan Grebe.

Militarisierung in anderen Weltregionen

In den einzelnen Regionen lassen sich verschiedene Entwicklungen der Militarisierung beobachten. In Europa existiert ein deutliches Gefälle. Weißrussland (2009: Platz 10), Bulgarien (2009: Platz 19) und die Ukraine (2009: Platz 25) etwa weisen hohe Militarisierungsgrade auf. Griechenland (1990: Rang 10, 2000: Rang 10, 2009: Rang 8) und Zypern (1990: Platz 3, 2000: Platz 5, 2009: Platz 7) halten sich sogar seit 1990 konstant unter den Top 10. Athen wendet seit Jahren gemessen am BIP die höchsten finanziellen Ressourcen für sein Militär innerhalb Europas und auch der EU auf. Treibende Faktoren hierfür könnten die Zypernfrage und darüber hinaus ganz allgemein der andauernde Konflikt mit dem Nachbarland und NATO-Partner Türkei (2009: Rang 24) sein, der in Griechenland bestimmte Bedrohungsperzeptionen auslöst. Diese hohen Militärausgaben, die in der Vergangenheit auch für umfangreiche Rüstungsgeschäfte verwendet wurden, könnten eine der Ursachen der Wirtschafts- und Finanzkrise sein.
„Es wird sich zeigen, ob der harte Sparkurs der griechischen Regierung, der von der Europäischen Union und dem Internationalen Währungsfonds bestimmt wurde, sich in den kommenden Jahren auf den Militarisierungsgrad des Landes auswirkt“, konstatiert Grebe.

Der Militarisierungsgrad Deutschlands ist seit der Wiedervereinigung 1991 mehr oder weniger gleichmäßig von Platz 36 auf Platz 86 im Jahr 2007 gesunken. 2009 lag er mit Platz 81 im Weltmaßstab weiterhin im mittleren Bereich.
Selbst zwanzig Jahre nach Ende der Blockkonfrontation wird deutlich, dass Russland (2009: Rang 5) im Verhältnis zur Gesellschaft mehr Ressourcen für den Militärsektor aufwendet als die USA (2009: Rang 35), auch wenn das absolute Verteidigungsbudget der USA deutlich höher ist als das Russlands.
Was diese Zahl angeht, liegen die USA mit 663 Milliarden US-Dollar und einem Anteil von 43 Prozent der globalen Rüstungsausgaben nach wie vor an der Weltspitze.

In Lateinamerika sind vor dem Hintergrund des drohenden Rüstungswettlaufs und vieler ungelöster (Grenz-)Konflikte über Jahre hinweg vergleichsweise hohe Militarisierungsgrade zu beobachten. Die asiatische Region hingegen weist eine hohe Heterogenität der Militarisierungsgrade auf. Einerseits droht die Rivalität zwischen China und Indien um regionalen Einfluss die Militarisierungsgrade beider Länder ansteigen zu lassen. Andererseits sind Konfliktländer wie Sri Lanka, Thailand oder Indonesien sehr unterschiedlich militarisiert.

Deutliche Zuwächse in den Militärausgaben sind bei Schwellenländern und Ländern mit besonders großem Wirtschaftswachstum erkennbar. Hohe Wachstumsraten brachten dort umfangreiche finanzielle Ressourcen hervor, die auch im Militärsektor investiert wurden. Die Militärausgaben Brasiliens sind zwischen 2000 und 2009 um 38 Prozent, Indiens um 67 Prozent und Chinas um 216 Prozent gestiegen. Ein Teil dieser Ausgaben floss in umfassende Modernisierungsprogramme der jeweiligen Streitkräfte.
Dennoch haben sich sowohl der Anteil der Militärausgaben am BIP als auch die Gesundheitsausgaben sich in diesen Staaten nur geringfügig verändert.
Bei Brasilien (1990: Platz 66, 2000; Platz 79, 2009: Platz 76) liegt die Militarisierung bei tendenziell leichtem Rückgang konstant im mittleren Bereich, bei Indien (1990: Platz 79, 2000; Platz 87, 2009: Platz 79) mit Tendenz zum Anstieg. Chinas Bild (1990: Platz 67, 2000; Platz 94, 2009:Platz 88) ähnelt dem Brasiliens. „So gelingt es diesen Ländern die gesellschaftliche Entwicklung insgesamt deutlich zu forcieren“, fasst Croll zusammen.

Höchste und niedrigste Militarisierungsgrade: eine differenzierte Betrachtung ist notwendig

In Afrika südlich der Sahara ist in vielen Postkonfliktländern ein leichter Rückgang unter dem Einfluss von Entwaffnungs-, Demobilisierungs- und Reintegrationsprozessen (DD&R) zu verzeichnen. Generell ist dort eher ein niedriger Militarisierungsgrad zu beob¬achten. Ausnahmen bilden Angola (2009: Rang 31), Mauretanien (2009: Rang 36), Dschibuti (2009: Rang 40), der Tschad (2009: Rang 57) und Namibia (2009: Rang 59).

Es scheint auf den ersten Blick paradox, dass viele afrikanische Länder wie etwa Madagaskar (Bewaffneter Konflikt seit 2002, 2009: Platz 133), Demokratische Republik Kongo (Kriegsbeginn Ost-Kongo 2005, 2009: Platz 112), Zentralafrikanische Republik (Kriegsbeginn 2006, 2009: Platz 116) und Nigeria (Bewaffneter Konflikt seit 2004, 2009: Platz 135) zwar von bewaffneten Auseinandersetzungen betroffen waren bzw. sind, dabei jedoch niedrige Militarisierungsgrade aufweisen.

„Ein nur schwach oder gar nicht funktionierender Sicherheitssektor kann Gewalt und Konflikte, die die Bevölkerung und deren Entwicklung nachhaltig beeinträchtigen, nicht verhindern“, erklärt Jan Grebe. Die Folge sind häufig fragile und schwache Staaten, in denen sich wirtschaftliches Wachstum und Entwicklung nicht entfalten können. Unter den 40 Staaten mit den niedrigsten Militarisierungsgraden befinden sich elf Staaten, die laut dem Failed State Index zur Kategorie der am wenigsten stabilen Staaten gehören. Betrachtet man zusätzlich noch die Kategorie, in der jene Staaten gelistet sind, deren Stabilität gefährdet ist, wird deutlich, dass 30 der 40 Länder mit dem niedrigsten Militarisierungsgrad deutliche Merkmale schwacher und fragiler Staatlichkeit aufweisen.
„Um die notwendige differenzierte Einschätzung von Militarisierungsgraden zu erreichen, bietet der GMI – besonders in Verbindung mit anderen Indices wie dem Human Development Index oder dem Global Peace Index eine fundierte Datenbasis“, unterstreicht Peter J. Croll.

Der GMI stützt sich u.a. auf Zahlen des Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI, des Internationalen Währungsfonds (IWF), der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des BICC. Das Ranking zeigt die Militarisierung von 161 Staaten seit 1990. Er wird jährlich durch das BICC aktualisiert. Der GMI des BICC wird durch das Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) gefördert.

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