13.10.2009 | Kapitalismus

Wie wir am Wachstum scheitern

Das neue Buch "Die Grenzen des Kapitalismus" analysiert, wie die vorherrschende kapitalistische Wirtschaftsform eine globale Umwelt- und Wirtschaftskrise hervorgebracht hat. Diese kann nicht allein mit einem Green New Deal bewältigt werden.

Von der Schattenblick-Redaktion, Stelle-Wittenwurth

Wäre es technisch machbar, die Erdatmosphäre zu teilen und die Atemluft in Portionen auszugeben, wäre sie längst zur Ware gemacht und Menschen vorenthalten worden. Sie würde genauso wie Wasser, Boden, Saatgut und andere natürliche Sourcen dem Eigentumsbegriff unterworfen und damit der freien Verfügbarkeit entzogen. Mangel an Luft wäre die Folge dieses Raubs, generiert durch den Besitzanspruch auf der Seite der Habenden. Die Anhäufung von Besitz auf der einen Seite vermehrt den Mangel auf der anderen.

Selbstverständlich wäre ein einzelner Mensch niemals in der Lage, einen ganzen See, der zu seinem Besitz zählt, leerzutrinken, wenn ihn dürstete. Ebenso wäre er allein unfähig, das Getreide seiner viele Hektar großen Latifundie zu verzehren oder riesige Wälder zu fällen und zu verheizen, um es warm zu haben. Doch die Vergesellschaftung des Menschen hat es mit sich gebracht – und das ist ihre eigentliche Funktion -, daß sich der Besitzende gewaltsamer Mittel bedienen und andere von der Nutzung der zum Leben und Überleben wichtigen Sourcen abhalten kann, um die Beraubten anschließend unter der Bedingung, daß sie sich seinen Anweisungen fügen und die ihnen auferlegten Arbeiten verrichten, an der partiellen Nutzung des zuvor Weggenommenen und nun zum Eigentum Erklärten zu beteiligen. Die verbreitetste Befriedungs- und Beteiligungsform am Besitzstand ist die Gewährung von Lohn. Gesichert wird dieses Verhältnis durch die Installierung von Recht und Gesetz und diese wiederum durch Soldaten.

Der auf permanentes Wachstum angewiesene Kapitalismus stellt das vorläufige, gesellschaftliche Endprodukt dieses uralten Prinzips der Herrschaft des Menschen über den Menschen dar. Er bildet die bislang effektivste Verwertungsform menschlicher Physis und hat sich aufgrund dessen gegenüber anderen gesellschaftlichen Konzepten, wie dem des Realsozialismus, durchgesetzt.

Das Autorentrio Andreas Exner, Christian Lauk und Konstantin Kulterer legt in dem Buch „Die Grenzen des Kapitalismus – Wie wir am Wachstum scheitern“ überzeugend dar, daß die vorherrschende kapitalistische Wirtschaftsform eine globale Klima-, Energie-, Ressourcen- und Wirtschaftskrise hervorgebracht hat und diese nicht mit einer grün gewandeten Variante, wie sie sich derzeit unter dem Stichwort Green New Deal allgemeiner Beliebtheit erfreut, bewältigt werden kann.

In einer didaktisch schlüssigen Reihenfolge zeigen die Autoren auf 223 Seiten zunächst auf, daß das gegenwärtige Wirtschaftssystem auf Wachstum beruht und zwingend darauf angewiesen ist zu expandieren. Es muß sich permanent neue Räume erschließen und sie der Verwertung zuführen. Im nächsten Schritt erläutern sie sowohl grundsätzlich (S. 107 ff) als auch anhand von Fallbeispielen, daß das Wirtschaftswachstum aufgrund natürlicher Begrenzungen (Ressourcenmangel, Aufnahmefähigkeit der Erdatmosphäre für Treibhausgase, u. ä.) auf Dauer nicht weiter fortgesetzt werden kann. Besonders empfehlenswert sind hier die Kapitel, in denen gezeigt wird, daß allein der Umstieg auf energiesparende Technologien, wie er von vielen Umweltschutzorganisationen gefordert wird, keinen Ausweg aus der Krise des Kapitalismus bietet.

Beispielsweise hat die Energieeffizienz der Produkte im Durchschnitt zugenommen, aber der Vorteil, daß hierdurch weniger Treibhausgase emittiert wurden, wurde durch den steigenden Gesamtenergieverbrauch wieder zunichte gemacht. (S. 48 ff) Niemals würden erneuerbare Energien den wachsenden Energiebedarf decken, legen die Autoren dar und behaupten, daß eine Vollversorgung nur dann durch erneuerbare Energien gesichert werden kann, wenn der Bedarf allgemein sinkt.

Die Schlußfolgerung drängt sich den Leserinnen und Lesern fast zwingend auf: Wenn permanentes Wachstum nicht möglich, aber das System strukturell auf Wachstum angewiesen ist, reicht es nicht, die Krisenerscheinungen zu bekämpfen, dann muß das System an sich überwunden werden. Hierzu schlagen die Autoren mit der Subsistenzwirtschaft und „solidarischen Ökonomie“ eine Alternative vor: Produzieren, was wirklich gebraucht wird, was lange hält, ohne Profit, ohne Konkurrenz, ohne fremdbestimmte Arbeit … aber mit einer gehörigen Portion Lust am Leben.

Beispiel Schweiz. Dort versuchen Menschen in sogenannten „Nachbarschaften“, die 500 bis 1500 Personen umfassen können, eine solidarische Ökonomie aufzubauen. (S. 181) Hauptinitiator dieser Bewegung ist der Schweizer Autor P.M., der über viele Jahre hinweg in mehreren Büchern und Aufsätzen sein Konzept einer libertären Lebensweise vorgestellt hat. Das Buch „SubComA“, abgeleitet aus Subsistenz, Community und Antipatriarchat, stellt das Leben in reinen Zweckverbänden, die von der LMO (Life Maintenance Organization) unterstützt werden und sich etwa zur Hälfte selbst versorgen, am bislang deutlichsten dar.

Beispiel Argentinien. Als das Land in den 1990er Jahren in eine zunehmend tiefere Krise stürzte und die Menschen mehr und mehr verarmten, bildeten sich allerorts Tauschringe. Irgendwann wurde tauschringübergreifend eine eigene Währung eingeführt, schließlich kollabierte das System, da es kapitalistische Mechanismen verstärkt hatte. Tauschwirtschaft allein genügt nicht, schreiben die Autoren und erwähnen als Beispiel für einen positiven Gegenentwurf, daß sich der argentinische Tauschring Asociación Mutual gehalten hat, da er auf eine offensive Kooperation mit anderen setzte, indem er auf die Erwerbslosen zugegangen ist und Werkstätten, eine Volksküche und eine genossenschaftliche Apotheke gegründet hat. „Entscheidend waren die Beziehungen, die außerhalb der Tauschlogik – und sogar im Widerspruch zu ihr – entstanden“ (S. 168), konstatieren die Autoren.

Beispiel Linux. Der finnische Informatikstudent Linus Thorvalds lieferte mit der Programmierung des von ihm Linux genannten Betriebssystems ein beeindruckendes Beispiel für solidarische Ökonomie. Er verlangte nicht nur kein Geld für seine Arbeit, die wirklich gut war und ihn hätte reich machen können, er verbot darüber hinaus, daß sich andere an seinem Produkt, das auf der Arbeit von Generationen an Wissenschaftlern beruhte, bereichern. Rechtlich abgesichert hat dies Thorvalds durch eine „General Public Licence“. (S. 177)

Nur mit Einschränkungen kann den Autoren hingegen gefolgt werden, wenn sie als gelungenes Beispiel für Subsistenzwirtschaft ausgerechnet die desolate Lage in Rußland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion auswählen. Dabei ist es unstrittig, daß viele Einwohner nur deshalb überlebt haben, weil sie sich nicht auf den Staat verließen, sondern selber Gemüse in ihren kleinen Gärten anbauten. Das zeigt zwar beispielhaft, daß ein staatlicher Überbau nicht gebraucht wird, aber diese Subsistenz wurde aus einer eklatanten Not geboren. Als diese nachließ, gaben viele das Leben als Selbstversorger wieder auf. Warum? Offenbar erwies sich die Selbstversorgung als ungenügend. Außerdem dürfte es schwerfallen, die Subsistenz mit Nahrungsmitteln, die vergleichsweise einfach herzustellen sind, auf andere Bereiche des Konsums, hinter dem ganze industrielle Produktionsketten stecken, zu übertragen. Das müßte bei einer Schlußfolgerung berücksichtigt werden, wenn Subsistenzwirtschaft und solidarische Ökonomie den Anspruch erheben, sich vom kapitalistischen System befreien zu können.

Wobei die Idee, daß sich einzelne zunächst untereinander vernetzen, damit aus „solidarischen Betrieben“ – ohne Geld und ohne Verrechnung – eine „solidarische Wirtschaft“ (S. 173) entsteht, als Beginn eines Bemühens zur Befreiung von der Marktabhängigkeit durchaus machbar erscheint. Entsprechende alternativökonomische Projekte zeigen allerdings nicht selten, daß sie entweder nur „funktionieren“, weil sie nach wie vor in das System, das sie überwinden wollen, eingebunden sind und daß das Bemühen um Solidarität allzu leicht an den unvereinbaren Bedürfnissen der Mitgliederinnen und Mitglieder dieser Form der Ökonomie bricht.

Die Autoren bezeichnen die Ausübung eines Ehrenamts und Haushaltstätigkeiten wie Kinder aufziehen, Wäsche waschen, etc. als Beispiele für eine Arbeit, die außerhalb ökonomischer Prozesse stattfinden. (S. 178/179) So verständlich dieser Versuch, an gesellschaftlich Vertrautes anzuknüpfen und dadurch eine breitere Leserschaft für die Idee der solidarischen Ökonomie zu gewinnen, auch ist, bezahlen die Autoren dieses Bemühen doch mit einer Schwächung ihrer eigenen Schlußfolgerung der notwendigen Systemüberwindung.

Erstens ist „Ehrenamt“ eine Wort- und Bedeutungskombination aus dem sozialen Befriedungsregulativ „Ehre“ (nicht zu verwechseln mit Treue und Loyalität) und dem „Amt“ als tragendes administratives Element. Typischerweise fördert der Staat das Ehrenamt, während er sich umgekehrt seiner Versorgungspflicht gegenüber der Bevölkerung entledigt. Zweitens müßten unentgeltliche Haushaltstätigkeiten zur Reproduktion der Arbeitskraft gerechnet werden. Die familiäre Zelle gilt nach wie vor als wichtigster Hort gesellschaftlicher Reproduktion, ungeachtet dessen, daß die Atomisierung voranschreitet. In der bürgerlichen Form der Familie macht die Frau den Haushalt und bekommt die Kinder, so daß der Mann für die fremdbestimmte Arbeit freigestellt ist. In dieser gesellschaftlichen Struktur ist die nichtökonomisierte Haushaltsarbeit unverzichtbar und somit Teil des gesamtökonomischen Prozesses.

Etwas herstellen oder einen Dienst zu leisten, ohne daran zu verdienen – läßt sich das auf andere gesellschaftliche Bereiche übertragen? Beispielsweise auf einen landwirtschaftlichen Anbau, der über die Subsistenz hinausreichte, auf das Bauen von Straßen und Häusern oder auf die Verbringung von Abfall? Unvorstellbar für die hiesige Gesellschaft. Was nicht bedeutet, daß deshalb die Idee an sich fallen gelassen werden sollte.

In den stärker theorielastigen Kapiteln handeln die Autoren klassische marxistische Themen wie Kapitalakkumulation, Tausch- und Gebrauchswert und Geldfetisch ab. Allerdings haben sie sich dafür entschieden, von der streng marxistischen Terminologie Abstand zu nehmen und statt dessen die gleichen Inhalte mit anderen Worten zu sagen. Dadurch machen sie das, um was es ihnen geht, einer breiteren Leserschaft zugänglich, wohingegen gestandene Marxisten monieren könnten, daß dadurch die um mathematische Präzision bemühten Darlegungen Marxens verwässert werden.

Nun hat jedoch der deutsche Philosoph keine Bibel geschrieben (auch wenn manche seiner Anhänger anderer Meinung zu sein scheinen), und da es ungefähr so viele verschiedene marxistische Interpretationen wie Personen gibt, die seine Lehre vertreten, sollte man an dieser Stelle nicht päpstlicher als der Papst sein. Exner, Lauk und Kulterer haben ein empfehlenswertes Buch geschrieben, da sie sich mit Grenzfragen befassen, die nicht zuletzt mit Blick auf die Grenzsituationen, die mit dem Klimawandel, dem Ende der fossilen Energieträger und allgemeinen Ressourcenverknappung auf die Menschheit zukommen, schon vor langer Zeit hätten gestellt werden müssen.

Das Buch hat das Potential, mit der einen oder anderen unausgegorenen Vorstellung, auf die in der Umweltbewegung noch immer große Hoffnungen gesetzt werden, aufzuräumen. Umgekehrt sind auch einige Behauptungen der Autoren ihrerseits diskutierenswert. So schreiben sie: „Solange Menschen produzieren, um konkrete Bedürfnisse zu befriedigen, solange bleiben Bedürfnis und Produktion in Balance. Ist jedoch das Motiv, etwas zu produzieren, der Geldüberschuss, wird aus Produktion ein Selbstzweck. Aus Geld soll mehr Geld werden. (…) Was immer produziert wird, unter dem Diktat des Geldgewinns dient es nicht mehr unmittelbar dazu, dass Menschen bekommen, was sie brauchen, sprich Bedürfnisse befriedigt werden, sondern die Produktion wird Instrument für etwas anderes. Dafür nämlich, das eingesetzte Geld zu mehren. Bedürfnisbefriedigung wird Nebensache, das Hauptprodukt ist Geld.“ (S. 108/109)

Bei dieser Gegenüberstellung – Bedürfnisbefriedigung gut, Geldvermehrung schlecht – wird nicht berücksichtigt, daß das Bedürfnis von jeher als Einfallstor für die Anwendung von Herrschaftsformen diente. Wie eingangs ausgeführt, ist die Erzeugung von Mangel eine zwingende Voraussetzung, um herrschen zu können und andere Menschen zu fremdbestimmter Arbeit zu nötigen. Somit sind in einem auf Herrschaft gegründeten System die Bedürfnisse, die ihrer Befriedigung harren, das individuelle Pendant zur systemischen, herrschaftstabilisierenden Mangelproduktion. Eine Befreiung von Herrschaft kann nicht gelingen, solange Mangel und Bedürfnisse als Bedingung vorausgesetzt werden. Demnach wäre die Produktion zur Bedürfnisbefriedigung auch kein Gegenentwurf zu „Geldüberschuss“, „Diktat des Geldgewinns“ oder Geld als „Hauptprodukt“, sondern läge auf der gleichen Linie.

Geld wäre treffender als ein Versprechen auf Verfügungsgewalt und folglich als Mittel zur Befriedigung von Bedürfnissen zu bezeichnen. Demnach müßte die Aussage, daß „der Grund für eine Autofabrik“ nicht ist, „dass Leute Autos kaufen wollen, sondern der Gewinn, der der Autoverkauf verspricht“ (S. 112), in Anlehnung an die bisherigen Ausführungen zur Mangelgenerierung dahingehend weitergeführt werden, daß der Grund für eine Autofabrik weder die Bedürfnisbefriedigung noch die Geldvermehrung, sondern der Verbrauch menschlicher Arbeitskraft ist.

Eine Aussage wie, daß „die Gewinnmaschine“ sich selbst dient (S. 109), hat sicherlich da ihren Nutzen, wo durch ihr die Mechanismen und verheerenden Folgen der Kapitalakkumulation und damit einhergehend weit verbreiteter Irrtümer (Gier der „Heuschrecken“) aufgezeigt werden. Die Entpersonalisierung des Gewinnstrebens erweist sich jedoch dann als problematisch, wenn davon abgelenkt wird, daß es immer konkrete, namentlich zu benennende Menschen sind, die von dem System profitieren bzw. umgekehrt darunter leiden oder vernichtet werden.

Nun sind die Autoren nicht angetreten, ein Buch über das Ende der Herrschaft zu schreiben, auch wenn sie das Thema streifen (S. 110), sondern sie wollen die Grenzen des Wachstums verdeutlichen, und diesem Anspruch werden sie gerecht. Daß Wirtschaftswachstum mit der Qualifizierung von Herrschaft einhergeht und dadurch unumstößliche Strukturen der Verfügungsgewalt und Unterwerfung geschaffen werden, das zu analysieren wäre sicherlich ein eigenes Buch wert. Die von den Autoren favorisierte solidarische Ökonomie hat jedenfalls die Chance verdient, größere gesellschaftliche Aufmerksamkeit zu erlangen und weithin praktiziert, erforscht und weiterentwickelt zu werden. Sie ist dem vorherrschenden kapitalistischen Raubsystem allemal vorzuziehen. Und sei es auch nur, um auf jenem dann erstrittenen Stand des solidarischen Zusammenlebens und -arbeitens die Frage nach der Befreiung von Mangel und seine Herrschaft begründende Befriedigung auf eine grundsätzlichere Weise in Angriff nehmen zu können.

Das Buch 

Andreas Exner, Christian Lauk, Konstantin Kulterer
Die Grenzen des Kapitalismus – Wie wir am Wachstum scheitern
Verlag Carl Ueberreuter, Wien 2008
223 Seiten, ISBN: 978-3-8000-7366-5

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REZENSION/495: Exner, Lauk, Kulterer – Die Grenzen des Kapitalismus (SB)
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Link zum Originaltext:
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