9. September 2007 | Angstgeschichte

Immer wegducken

von Ines Kappert (taz). Hamburg


Von der nuklearen Auslöschung zur Umweltkatastrophe: Eine Tagung zur „Politik der Angst“ am Hamburger Institut für Sozialforschung.

Lesezeit 3 Minuten

1955, kurz nachdem Deutschland Mitglied in der Nato geworden war, spielte das atlantische Bündnis im Zuge eines Manövers mit dem sprechenden Titel „Carte Blanche“ den nuklearen Ernstfall durch. Es simulierte den Niedergang von 335 Atombomben vom Typ Hiroschimas innerhalb von nur fünf Tagen auf Westeuropa und kam zu dem Ergebnis, dass in diesem Falle in der BRD mit 1,7 Millionen Toten und 3,5 Millionen Verwundeten zu rechnen sei. Das war natürlich euphemistisch gerechnet – eine etwaige radioaktive Verseuchung und damit verbundene Langzeitschäden fanden keine Berücksichtigung. Verständlicherweise reagierten weite Teile der Öffentlichkeit entsetzt.

Generell war Angst ein zentrales Moment und Instrument im Kalten Krieg – um die Politik, die mit diesem Gefühl gemacht wurde, ging es auf einer Konferenz, die vom 6. bis 7. September 2007 im Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) stattfand. Bei den HistorikerInnen erfreut sich die Erforschung von Emotionen seit Anfang der 90er-Jahre einer bis dahin ungekannten Beliebtheit. Weshalb man die Gelegenheit ergriff, die geschichtswissenschaftliche Analyse von gesellschaftlichen Gefühlslagen mit einem zweiten aufkommenden Top-Thema zu verbinden: dem Kalten Krieg.

Bernd Greiner, der die Forschungsstelle „Theorie und Geschichte der Gewalt“ am HIS leitet, lud vor allem KollegInnen ein, die sich mit den USA und Deutschland beschäftigen – das östliche Europa, Japan und China blieben ausgespart. Insofern fand der Umgang mit der Angst vor einem Nuklearschlag, weder in Polen, der Tschechoslowakei oder Ungarn noch in der so genannten Dritten Welt Berücksichtigung – also immerhin dort, wo die Stellvertreterkriege ausgetragen worden sind. So ganz ist der Eiserne Vorhang, der den Westen zum Nabel der humanen Welt erklärt, eben doch noch nicht Geschichte.

Nun war der Kalte Krieg natürlich keine in sich homogene Periode. In den 50er- und 60er-Jahren – das liegt auf der Hand – spielte die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs eine große Rolle für die Vergesellschaftung von Gefühlen. Für die BRD gilt, dass Ängste offener als zuvor kommuniziert wurden. Gleichzeitig versuchte man, so wenig wie möglich an die jüngste Vergangenheit zu rühren. Die Gefahr, dass die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg eine Hysterie auslösen könnte und sich diese – aus Sicht der Regierenden – ungünstig auf das Wählerverhalten ausgewirkt hätte, war groß.

Immerhin regte sich gegen die Wiederbewaffnungspolitik Adenauers ein veritabler Widerstand. Entsprechend vorsichtig wurde auch die Frage des Zivilschutzes im Falle eines Nuklearschlages angegangen. So grotesk die „duck and hide“ -Aufklärungskampagnen heute erscheinen: Sie illustrieren eindrücklich einen hilflosen, aber keineswegs unschuldigen Umgang, den die politischen Eliten im Krieg der Vorstellungskraft pflegten. Immerhin oblag ihnen nichts weniger als die Quadratur des Kreises: Einerseits musste die Drohung der totalen Vernichtung glaubhaft nach außen signalisiert werden, andererseits galt es der eigenen Bevölkerung zu vermitteln, dass der Ernstfall zu überleben sei. Die Rede vom limitierten Nuklearkrieg schien hier ein probates Mittel.

„Jeder hat eine Chance“ – lautete denn auch der Titel der ersten Broschüre, die die Bundesregierung 1961 in 16 Millionen westdeutsche Hauhalte schicken ließ. Eine Aktion, die – wie der Historiker Frank Biess überzeugend ausführte – ungern und nur auf Druck der SPD-Opposition sowie der Kritik in der Bevölkerung hin unternommen wurde. Ende der 50er-Jahre nämlich war moniert worden, dass die Regierung unter Adenauer zwar jährlich 9 Milliarden D-Mark für die Wiederaufrüstung ausgab, hingegen nur 1,2 Milliarden für den Schutz der Zivilbevölkerung eingestellt hatte. Es war folglich an der Zeit für ein Zeichen des guten Willens.

Die in dem Handbüchlein unterbreiteten Vorschläge, sich gegebenenfalls schleunigst unter Tische oder in selbst gegrabene Erdlöcher zu begeben, konnten die Angst in der Bevölkerung indessen nur bei den wenigsten minimieren. Diese nahm erst ab, als die Sympathie für Amerika zunahm. Woran Kennedy einen deutlichen Anteil haben dürfte. Laut einer Allensbach-Umfrage mochten 1957 nur 37 Prozent der Deutschen die Amerikaner; 1965 waren es schon 58 Prozent.

Erst der Ausbau der Startbahn West in Frankfurt am Main 1980, die Stationierung von Pershing-II-Raketen 1983 sowie der sich drei Jahre darauf ereignende Reaktorunfall in Tschernobyl sorgten wieder für eine Angstproliferation. Die knüpfte nun weit weniger an Kriegserfahrungen an, sondern nährte neue Apokalypsefantasien aufgrund von mutwilliger Welt- bzw. Umweltzerstörung und richtete sich – im Rahmen der Friedensbewegung – stark gegen die USA.

Der Tagung nun gelang es, diesen Paradigmenwechsel in der Politik der Angst aufzuzeigen. Ging es aber darum, einen analytischen Umgang mit den Diskursregimen der Angst zu finden oder die kommerzielle Ausbeutung der Angst-Lust etwa in der Popkultur zu dechiffrieren, geriet sie häufig ins Schlingern. Die allzu oft verwendete Konsensformel, dass im Kalten Krieg ja nicht allein die Angst, sondern auch die Hoffnung regiert habe, sorgte in ihrer Trivialität daher streckenweise für eine ganz eigene Abschreckung.

© taz vom 09.09.2007



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