6. Februar 2010 | Tierpsychologie

Altruismus ist kein menschliches Monopol mehr

von Barbara Abrell. Leipzig


Die Sonderstellung des Menschen in der Schöpfung ist zunehmend gefährdet: Erst entthronte Kopernikus die Erde als Zentrum des Universum. Dann entdeckte Darwin, dass Menschen nur „nackte Affen“ sind. Durch eine aktuelle Studie verliert der Mensch ein weiteres Alleinstellungsmerkmal: Auch andere Spezies können nämlich altruistisch sein.

Lesezeit 3 Minuten

Sind Schimpansen zu altruistischem Verhalten, beziehungsweise uneigennütziger Hilfsbereitschaft gegenüber nicht verwandten Gruppenmitgliedern in der Lage? Diese Fähigkeit wird seit einigen Jahren ausschließlich dem Menschen zugestanden. Doch diese Vermutung, die durch experimentelle Studien mit Zootieren unterstützt wurde, muss jetzt revidiert werden. Ein Forscherteam um Christophe Boesch, Direktor der Abteilung Primatologie am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, berichtet von 18 Fällen, in denen verwaiste Jungtiere von Gruppenmitgliedern im Taï-Nationalpark an der Elfenbeinküste adoptiert wurden. Die Hälfte davon wurde von Männchen aufgenommen, die – außer in einem Fall – nicht der Vater waren. Die erwachsenen Tiere adoptierten die Waisen über mehrere Jahre hinweg und kümmerten sich intensiv um sie. Schimpansen tragen demnach in freier Wildbahn durchaus Sorge für das Wohl anderer nicht verwandter Gruppenmitglieder. Altruismus ist bei ihnen sehr viel weiter verbreitet, als es Studien mit Zootieren bisher nahegelegt hatten (PLoS ONE, 26. Januar, 2010).

Die Fähigkeit zu altruistischem Verhalten nicht verwandten Gruppenmitgliedern gegenüber wird seit einigen Jahren ausschließlich dem Menschen zugestanden. Unterstützt wurde diese Vermutung durch experimentelle Studien mit Schimpansen, die im Zoo leben. Diese teilen oder kooperieren nur äußerst begrenzt mit anderen Gruppenmitgliedern.
Hieraus schlussfolgerte man, dass es im Hinblick auf ihre altruistischen Fähigkeiten zwischen Menschen und Schimpansen einen bedeutenden Unterschied gäbe. Einer Studie zufolge „wäre Schimpansen das Wohlergehen nicht verwandter Gruppenmitglieder gleichgültig“.
Diesen Studien mit Zootieren stehen Beobachtungen frei lebender Schimpansenpopulationen gegenüber, bei denen regelmäßig altruistisches Verhalten beschrieben wurde. Schimpansen helfen einander, indem sie ihre Nahrung teilen, Koalitionen mit anderen Gruppenmitgliedern nutzen, gemeinsam jagen und die Grenzen ihres gemeinsamen Lebensraumes verteidigen.

Dass im Zoo lebende Schimpansen ihre Nahrung nicht miteinander teilen, ist nicht überraschend, da alle Tiere meist satt sind. Unter natürlichen Bedingungen gibt es hingegen zahlreiche Situationen, in denen das Überleben eines Schimpansen von der Hilfsbereitschaft einzelner Gruppenmitglieder begünstigt wird, zum Bespiel bei einer Adoption oder der Revierverteidigung gegen Raubtiere oder aggressive Eindringlinge.

Ein Forscherteam unter der Leitung von Christophe Boesch vom Max- Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie will nun klären, unter welchen Bedingungen sich Schimpansen gegenüber anderen Gruppenmitgliedern altruistisch handeln. Das Team beobachte 18 Fälle, in denen verwaiste Jungtiere von einem Gruppenmitglied adoptiert wurden. „Die Adoption eines Jungtieres kostet viel Zeit und Energie.
Einige erwachsene Tiere kümmerten sich mehrere Jahre lang intensiv um ein Jungtier, das nicht mit ihnen verwandt war. In dieser Zeit waren sie ständig mit dem verwaisten Tier verbunden, warteten auf es, wenn sie den Wald durchquerten, beschützten es in gefährlichen Situationen und teilten ihre Nahrung mit ihm“, sagt Christophe Boesch.

Leoparden bedrohen die Schimpansen

Im westafrikanischen Taï-Nationalpark wurden mehr Adoptionen beobachtet als bei Schimpansen, die in Ostafrika leben. Grund dafür ist möglicherweise, dass die Taï-Schimpansen ihren Lebensraum mit einer großen Leopardenpopulation teilen. Die ständige Bedrohung durch diese Großkatzen scheint den Zusammenhalt und die Solidarität innerhalb der Gruppe gefördert zu haben, zum Beispiel wenn es um die Versorgung verletzter Gruppenmitglieder oder die gemeinsame Verteidigung im Falle eines Angriffs geht. Diese Sorge um das Wohl anderer Gruppenmitglieder scheint sich auch auf andere soziale Zusammenhänge, wie z.B. die Adoption, ausgeweitet zu haben.

„Diese Beobachtungen zeigen einerseits, dass Schimpansen unter den geeigneten sozio-ökologischen Bedingungen durchaus für das Wohl anderer nicht verwandter Gruppenmitglieder Sorge tragen. Andererseits belegen sie, dass Altruismus bei frei lebenden Schimpansenpopulationen sehr viel weiter verbreitet ist, als es Studien mit im Zoo lebenden Tieren nahelegten“, folgert Christophe Boesch. „Nur genaue Beobachtungen frei lebender Schimpansen können uns verraten, wie intelligent diese Tiere wirklich sind. Dann und nur dann werden wir die Frage beantworten können, was den Mensch zum Menschen macht.“

Originalveröffentlichung

C Boesch, C Bolé, N Eckhardt, H Boesch
Altruism in Forest Chimpanzees: The Case of Adoption
PLoS ONE, January 26, 2010;


www.gv.mpg.de. Link veraltet und ersetzt. 4.4.24


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